Eine Mischung aus Blumenschau und Stadtbummel: Das Motto der Landesgartenschau in Nagold heißt „grüne Urbanität“. Foto: StN

Die Landesgartenschau Nagold wird Vorzeigeprojekt in Sachen Neugestaltung einer Innenstadt.

Nagold - Das Fazit der jungen Eltern ist eindeutig. „Uns hat es gut gefallen. Wir kommen gerne wieder“, sagen sie, als die Radioreporterin ihnen am Ausgang der Landesgartenschau in Nagold das Mikrofon entgegenstreckt. Was ihnen denn so gefallen habe, hakt die Reporterin nach? Hier könne man Naherholung und einen Bummel durch die Stadt „miteinander verbinden“, antwortet das Paar und schiebt den Kinderwagen zum Parkplatz. Für die Macher der Landesgartenschau im Landkreis Calw kommen solche Kommentare einem Sechser im Lotto gleich. Und der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Alexander Bonde (Grüne) dürften nicht weniger frohlocken. Als der im April wenige Tage vor der Eröffnung der Gartenschau vorbeischaute, griff er – noch ehe eine Blume wirklich richtig blühte – zu Superlativen. Diese Landesgartenschau im 60. Jubiläumsjahr des Landes zeige, „wie Grünflächen nicht nur am Rand, sondern mitten in der Stadt entstehen können“. Nagold sei „ein Beispiel für die städtebaulichen Impulse, die von einer Landesgartenschau ausgehen können“.

Nun, knapp vier Monate nach der Eröffnung später und gut zwei Monate vor Schließung der Tore, dürften sich die Veranstalter und das Land bestätigt fühlen. Denn die diesjährige Landesgartenschau übertrifft die Erwartungen. 750.000 Besucher hatte man kalkuliert, schon jetzt sind es 650.000. Die anvisierte Marke wird man also leicht überspringen. Und nicht nur an Wochenenden, auch unter der Woche gleicht die Innenstadt regelmäßig einem Bienenhaus. Es wimmelt von Besuchern, die Cafe´s sind voll, die Einzelhändler freuen sich über gute Umsätze, wenn die Besucher auf dem Weg zwischen den zwei Gartenschaugeländen einmal quer durch die Innenstadt spazieren. Experten nennen das die grüne Urbanität. Ein Schlagwort, mit dem sich Nagold einst im Konkurrenzkampf gegen 26 andere Städte durchsetzte und das nun mit Leben erfüllt wurde.

Inzwischen übertreffen sich die bundesweiten Fachblätter der Landschaftsarchitekten und Stadtplaner mit Lobeshymnen auf die Art und Weise, wie Grünräume plötzlich Teil der Innenstadtgestaltung geworden sind, wie Bäche renaturiert und neue Uferterrassen entstanden sind, wie aus einem langweiligen Stadtpark ein lebenswertes Freizeitgelände geworden ist. Kein Wunder, dass Nagolds Oberbürgermeister Jürgen Großmann (CDU) in diesen Tagen mit stolzgeschwellter Brust durch seine Stadt geht: „Uns ist es gelungen, Stadt und Natur intelligent zu vernetzen.“

Das Grün kommt zurück in die Stadt

Wenn der Schultes dann erst einmal ins Schwärmen gerät, ist er kaum zu stoppen. Er spricht vom „Erlebniskaufhaus Innenstadt“, wenn er über die Vorteile redet, die Geschäftsleute und Restaurantbesitzer durch „dieses Jahrhundertereignis Gartenschau“ haben. Dieses Event sei „eine einmalige Chance“, eine neue Lebens- und Wohnkultur zu schaffen. „Es gibt doch genügend Städte in Baden-Württemberg, die im Zentrum zwar eine hohe Einzelhandelsdichte haben“, in denen viele Menschen aber lieber raus ziehen würden an den Stadtrand, um etwas Grün vor Augen zu haben. Mit dem Konzept der „grünen Urbanität“, betont der OB, komme das Grün zurück in die Stadt. In Nagold sieht das so aus: Die Flüsse Nagold und Waldach führen wie Bänder einzelne Teile der Stadt zusammen, rundherum gibt’s viel Grün, Nischen mit Liegestühlen, aber auch Spiel- und Festplätze. Und wo jetzt noch mancher Besucherstrom über das Gartenschaugelände zieht, sollen ab Herbst dutzende Wohneinheiten entstehen. Motto: „Wohnen an der Nagold“.

Solche Projekte sind ganz nach dem Geschmack der Landesregierung. Nagold zeige, wie „dauerhaft ein Mehr an Lebensqualität für alle Bürger entsteht“, lobt Minister Bonde. Schon die Vorgängerregierungen unter den Ministerpräsidenten Erwin Teufel und später Günther Oettinger (beide CDU) hatten erkannt, dass Landesgartenschauen einerseits zwar nette Blumenbeetpräsentationen, aber in Wahrheit vor allem Infrastrukturprogramme mit Langzeitwirkung sind. In manchen Jahren – wie 2002 in Ostfildern – gelang die Einbettung in die städtische Entwicklung. In anderen Fällen – wie 1992 in Pforzheim – ist von der Wirkung hingegen nicht mehr viel übrig geblieben.

So viel ist klar: Diese Landesgartenschauen, um deren Zuschlag sich die Städte nach wie vor reißen, sind auch ein finanzielles Risiko. Allein in Nagold wurden in die Umgestaltung der Innenstadt rund 30 Millionen Euro investiert, gut 18 Millionen davon in die Grünanlagen. Das Land steuert acht Millionen Euro als Zuschuss bei. Der Veranstaltungsetat für das halbjährige Spektakel liegt bei weiteren elf Millionen Euro. Ein Großteil wird durch Eintrittsgelder, Sponsoren und das Catering abgedeckt, der Rest muss aus dem städtischen Haushalt kommen. Aber OB Großmann ist zuversichtlich, dass man in diesem Bereich „eine schwarze Null erreicht“. Und weil die Geschäfte gut laufen und die Resonanz positiv ist, ließ er diese Woche im Kreis der Verantwortlichen eine Idee gebären: „Wir werden die Landesgartenschau um eine Woche verlängern.“

Herausforderung Verkehrsanbindung

Dennoch wird der städtische Haushalt über Jahre hinweg belastet sein. Aber Großmann und seine Gemeinderäte setzen offenbar auf den langfristigen Imagegewinn für die Stadt. Vergessen ist die Posse um den Bau einer 750 000 Euro und 270 Meter langen Schlossbergtreppe, die für die Gartenschau vom Tal hinauf auf den Hausberg über der Stadt führen sollte und die von einer Bürgerinitiative über Monate hinweg bekämpft wurde. Am Ende billigte der Verwaltungsgerichtshof des Landes einen Bürgerentscheid, die Gegner siegten. Es war eine bittere Niederlage für den OB. Im Rausch des Erfolges spielt das Thema für ihn aber keine Rolle mehr. Untersuchungen der Besucherströme haben ergeben, dass Gäste aus allen Himmelsrichtungen in diesen Tagen nach Nagold kommen. An der Spitze steht der Landkreis Böblingen, gefolgt von der Region Pforzheim, den Kreisen Ludwigsburg, Esslingen, Tübingen, Balingen und Stuttgart.

Der OB könnte also zufrieden sein, wenn da nicht das alte Problem wäre, dass manche Kommune und mancher Kreis am Rand des Ballungsraums Stuttgart haben. „Unsere Verkehrsanbindung ist nicht optimal“, ärgert sich Großmann. Es sei doch „ein Unding“, dass die Gartenschaubesucher in Herrenberg aus der S-Bahn aussteigen und mit dem Bus nach Nagold gebracht werden müssen. Dabei wären „nur neun Kilometer Kabel nötig“ gewesen, um die vorhandene Bahnstrecke zwischen Eutingen und Horb so herzurichten, dass die Züge mit einem Umweg bis Nagold fahren können.

Auch an anderer Stelle – bei der Hesse-Bahn von Calw nach Renningen – kämpft der Kreis seit Monaten für einen Anschluss an den Ballungsraum Stuttgart. „Es müsste doch im Interesse der Landesregierung sein, eine starke Metropolregion Stuttgart zu schaffen, in der auch die angrenzenden Landkreise eine wichtige Rolle spielen“, sagt der OB. Ein Appell, der auch gelten dürfte, wenn die Blumen in Nagold längst verblüht sind.

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