In der Region Stuttgart soll die Aktiengesellschaft Regionalwert gegründet werden. Bürger investieren in Biobetriebe, kleinere Landwirte sollen dadurch unterstützt werden. Der Biohof Rapp aus Bondorf bei Herrenberg macht bereits mit.
Die Karotten der Rapps schmecken anders als die meisten, die man aus dem Supermarkt kennt. Intensiver. Sehr saftig. Sehr lecker. Aber es gibt da ein Problem: Ein großer Teil der Biomöhren, die Friedrich und Moritz Rapp in Bondorf bei Herrenberg (Kreis Böblingen) ernten, landet nie im Supermarkt. Denn sie ernten auch gebrochene Karotten, und die nimmt der Großhandel nicht an, obwohl sie genauso schmecken wie optisch einwandfreie Möhren. „Bisher verkaufen wir Bruchkarotten nur als Pferdefutter“, sagt Friedrich Rapp.
Der Bondorfer Landwirt träumt schon länger davon, solches Gemüse direkt an Kantinen oder Großküchen zu verkaufen. Denn dort werden Karotten sowieso klein geschnitten oder geraspelt, eine perfekte Optik ist nicht nötig – dann bekäme er als Landwirt etwas mehr Geld für ein Kilo Möhren, als wenn er dies als Pferdefutter verkauft.
Biologische Landwirtschaft soll sich wieder lohnen
Diese Idee ist mit ein Grund dafür, warum sich die Rapps dafür entschieden haben, Partnerbetrieb bei der Regionalwert Aktiengesellschaft (AG) Mittleres Württemberg zu werden. Die AG steckt noch in der Vor-Gründungsphase, nächstes Jahr soll es losgehen mit der ersten Aktionärsversammlung.
Die Idee dahinter ist es, dass sich biologische Landwirtschaft auch im Kleinen wieder lohnen soll sowie mehr ökologische und faire Lebensmittel rund um Stuttgart produziert werden. Dies soll von Bürgern durch Aktien mitfinanziert werden. Die Partnerbetriebe haben dann eine finanzielle Absicherung, wenn sie etwa einen Stall erweitern wollen oder neue Maschinen benötigen. Zudem soll die Regionalwert AG die Betriebe miteinander vernetzen. Dafür sollen die Betriebe eine jährliche Lizenzgebühr bezahlen.
Keine schnellen finanziellen Gewinne zu erwarten
Im Unterschied zu klassischen Aktien sind die Bürgeraktien nicht börsennotiert. Es sind Namensaktien, die nicht am freien Markt gehandelt werden. Vorerst ist die Dividende: mehr Bioprodukte aus der Region und das Gefühl, etwas für nachfolgende Generationen getan zu haben. In der ersten Phase müssen Aktionäre mindestens 5000 Euro investieren. „Das ist nur etwas für Menschen, die das Geld übrig haben und die sich langfristig in der Region engagieren wollen“, sagt Marcel Hlawatsch, der Initiator der Regionalwert AG Mittleres Württemberg.
Anderswo gibt es solche Regionalwert AGs schon; neun in Deutschland und Österreich, einige weitere sind ebenfalls in der Vor-Gründungsphase. In Baden-Württemberg ist bisher nur der südliche Teil vertreten; nämlich der Regierungsbezirk Freiburg sowie die Region Bodensee-Oberschwaben. Die Neugründung soll den mittleren Teil des Südwestens umfassen; grob vom Kreis Freudenstadt im Westen bis zum Ostalbkreis im Osten, vom Kreis Ludwigsburg im Norden bis zum Kreis Reutlingen im Süden.
Im Kernteam sind mehrere Studierende
Der Initiator der Regionalwert AG Mittleres Württemberg ist Marcel Hlawatsch, ein 52-Jähriger aus Niefern bei Pforzheim. Mehr als 20 Jahre lang hat er in der Textilindustrie als Führungskraft gearbeitet, „Ende 2020 hatte ich dann einen Stimmungswechsel.“ Er wollte „raus aus dem globalen Business“, beschäftigte sich mehr mit der Erderwärmung und der Zukunft seiner Kinder. „Ich wollte mit Lebensmitteln und in der Region arbeiten.“ Er krempelte sein Leben um.
Jetzt arbeitet Hlawatsch drei Tage pro Woche als selbstständiger Unternehmensberater, zwei Tage pro Woche für die Regionalwert AG Mittleres Württemberg. Er besucht Betriebe, organisiert Veranstaltungen, schreibt Newsletter und Beiträge für soziale Medien, recherchiert und koordiniert. Er hat sich ein Kernteam aufgebaut, in dem mehrere Studierende sitzen, aber zum Beispiel auch Joachim Drumm von der Diözese Rottenburg-Stuttgart sowie Barbara Smith vom EU-Förderprogramm Leader Heckengäu.
Mindestens 200 000 Euro für Gründung der AG nötig
Die Regionalwert AG wird nämlich mit rund 36 000 Euro von den Initiativen Leader Heckengäu und Leader Nordschwarzwald unterstützt. Leader steht für die französische Bezeichnung „Liaison entre actions de développement de l’économie rurale“, also: Verbindung von Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft.
In diesem Sommer war die erste Informationsveranstaltung für Interessierte, acht potenzielle Partnerbetriebe sind bereits an Bord, darunter neben dem Gemüsehof Rapp noch drei weitere Biohöfe, außerdem ein Bio-Lieferdienst, eine Honig-Manufaktur sowie die Interessengemeinschaft Schlachtung mit Achtung, bei der jedem Tier ein Ende in Würde und in seiner gewohnten Umgebung ermöglicht werden soll.
Von Bürgern gibt es bereits Absichtserklärungen für Kapitalzusagen in Höhe von 50 000 Euro. Die AG benötigt mindestens 200 000 Euro, um gründen zu können. „Es besteht aber keinerlei Zweifel, dass wir dieses Ziel erreichen. Das ist nur eine Frage der Zeit“, meint Marcel Hlawatsch.
Die Idealvorstellung von Rapp wäre, dass durch die Regionalwert AG und die bessere Vernetzung mit anderen Biobetrieben jeder Hof nur noch drei bis vier Kulturen anbaut, die zum jeweiligen Boden und den klimatischen Bedingungen passen – und die Landwirte die Ware dann untereinander austauschen. „Da gehört viel Vertrauen dazu“, weiß Rapp. „Aber man darf ja träumen.“ Und vielleicht bleibt es ja nicht bei dem Traum.
Diese Initiativen gibt es in Stuttgart und Region bereits
Regionalwert AG
Mehr Infos über die Regionalwert AG Mittleres Württemberg erhält man online auf regionalwert-mw.de. Per Mail ist Marcel Hlawatsch unter hlawatsch@regionalwert-mw.de erreichbar, telefonisch unter: 0151-41 20 98 76.
Solawi
Ein leicht anderes Konzept als die Regionalwert AG verfolgt die Solidarische Landwirtschaft (Solawi). Dort konzentriert sich alles auf einen Hof – etwa den Reyerhof in Stuttgart-Möhringen, der seit mehr als zehn Jahren mit der Solawi Stuttgart kooperiert. Rund 600 Stuttgarter finanzieren mit durchschnittlich 70 Euro im Monat den biologisch-dynamisch bewirtschafteten Hof und erhalten im Gegenzug Lebensmittel von dort, zudem bestimmen sie mit, von was wie viel angebaut wird. Durch die Beiträge kann sich der Hof verlässlich finanzieren. In der Region gibt es noch weitere Solawis, etwa im Heckengäu (Kreis Böblingen), bei der Gärtnerei Stadtrandgemüse in Stuttgart-Zazenhausen, beim Betrieb Gartenleben in Spiegelberg-Großhöchberg (Rems-Murr-Kreis), bei Jonas Kienel in Esslingen und beim Kreuthof zwischen Göppingen und Heiningen.
Ackerprojekte
Manche Menschen bauen ihr Biogemüse lieber selbst an. Wer dafür nicht den passenden Garten hat, kann sich einen Acker mieten. In Stuttgart steigen seit Jahren die Anmeldezahlen bei Meine Ernte, welche mit dem Biobauern Klaus Brodbeck in S-Möhringen kooperiert. Ähnlich ist es bei Ackerhelden in S-Sillenbuch, wo der Demeter-Landwirt Klaus Wais der Ansprechpartner ist.