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Kwick! war eines der größten sozialen Netzwerke Deutschlands. Jens Kammerer ist der Gründer, im Jahr 2011 verkaufte er die Kult-Plattform. Im Interview spricht der gebürtige Schorndorfer über die Anfänge, Kwick! als Partnerbörse und das bevorstehende Aus.

Stuttgart - Der damalige Student Jens Kammerer hatte im Jahr 1999 eine Idee – daraus wuchs ein Pionier der sozialen Netzwerke. Seine Online-Plattform Kwick! war besonders im Großraum Stuttgart erfolgreich, die meisten der 1,5 Millionen Nutzer stammen aus der Region. 2011 verkauften Kammerer und Mitgründer Benjamin Roth das Portal an das amerikanische Unternehmen Kiwibox.com und gründeten die Dating-App Jaumo.

Der Abwärtstrend von Kwick! war schon damals spürbar, seit Kurzem ist es Gewissheit. Das Kwick-Team veröffentlichte ein Abschiedsschreiben auf Facebook. Aus wirtschaftlichen Gründen macht die Kult-Plattform am 31. August dicht. Wir haben mit dem gebürtigen Schorndorfer Kammerer über das Aus von Kwick! gesprochen.

Herr Kammerer, in einem Facebook-Posting hat Kwick! die Abschaltung nach über 18 Jahren bekannt gegeben. Wie war ihre erste Reaktion darauf?

Nach dem Verkauf hatte ich mit der Plattform abgeschlossen, nur eher am Rande verfolgt. Ich bin nicht auf Facebook angemeldet, erst durch einen Freund und ehemaligen Kwick-Kollege habe ich die Nachricht bekommen. Mit dem Aus konnte man rechnen. Dennoch dachte ich beim Lesen ‚Oh, ist das jetzt wirklich zu Ende.‘

War der Untergang unvermeidlich?

Es zeigt zumindest, dass die Zeit sozialer Netzwerke von regionalen Anbietern vorbei ist. Auch die Localisten, wer-kennt-wen und StudiVZ gibt es nicht mehr. Wir haben bei Kwick! relativ lange weitergemacht. Dass wir damals dann ausgestiegen sind, war die richtige Entscheidung.

Sie haben Kwick! schon im Jahr 2011 verkauft. Was war der Grund dafür? Lief Ihnen Facebook den Rang ab?

Ja, das war ein Hauptgrund. Zu Beginn war Kwick! der absolute Platzhirsch. Wir hatten 1, 5 Millionen Nutzer, was erst mal nach nicht viel klingt. Doch wenn man bedenkt, dass die meisten Menschen aus dem Großraum Stuttgart kamen, ist die Zahl hoch. Dazu waren wir durch alle Altersgruppen vertreten. Mit StudiVZ haben sich dann zuerst die Studenten eine Alternative gesucht. Als wir den Erfolg von Facebook in anderen Ländern gesehen haben, war klar, dass früher oder später ein Gewinner alles bekommen wird. Ein Beispiel: Myspace, das präsenteste Netzwerk von 2004 bis 2006, ist ebenfalls verschwunden.

Sie sagte, dass Sie selbst kein Profil auf Facebook haben. Können Sie dennoch vergleichen, wie sich die sozialen Netzwerke seit Ihrem Ausstieg bei Kwick! verändert haben?

Zum einen spielt sich heute alles in Apps ab. Das war für uns damals schwierig. Zum anderen findet der heutige Austausch auf den Plattformen fast nur virtuell statt. Kwick! zeichnete sich darüber aus, dass die On- und Offlinewelt miteinander verbunden wurde. Die Leute haben sich nicht nur im Netz getroffen, sie sind zusammen auf Partys gegangen. Über 500 Kwick-Mitglieder haben ehrenamtlich Veranstaltungen organisiert, sie haben viel Herzblut in das Netzwerk gesteckt. Als Aufpasser für die Community, als Autor für das Magazin oder als Fotografen für eine Veranstaltung. An so ein Engagement wäre heute nicht zu denken.

Die Antworten auf die Abschiedsnachricht war voller dankbarer Kommentare. Viele Menschen schreiben, wie sie sich über Kwick! kennengelernt haben. War das Portal eigentlich als Partnerbörse gedacht?

Ehrlich gesagt, war das ein Nebeneffekt. Aber es lag in den Genen von Kwick!. Die allerersten Veranstaltungen waren tatsächlich Single-Partys. Das hat viele Leute angezogen, die in erster Linie über das Portal flirten wollten. Und es gab auch den Single-Button, der den Beziehungsstatus zeigte. Später vermischte sich das Publikum. Es gab Jugendliche und ältere Leute, die schon in einer Beziehung waren. Sie wollten sich in den Foren austauschen, waren eher wenig am Flirten interessiert. Wenn ich sehe, wie viele Paare sich in meiner Nachbarschaft und dem Freundeskreis über die Plattform kennengelernt haben, freut mich das natürlich.

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