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Stuttgart 21: Grube will Gäubahn an Tiefbahnhof knüpfen, ihre Nutzung ist aber unklar.

Leinfelden-Echterdingen - Beim Bahn-Projekt Stuttgart 21 sollen die bestehenden S-Bahn-Gleise auf den Fildern für den Fernverkehr genutzt werden. Konkrete Baupläne soll es erst nach Sommer 2011 geben. Der Grund: Bahn-intern ist unklar, ob künftig auch weiter Züge aus Richtung Süden über die alte Gäubahn-Trasse durch Stuttgart rollen.

Die neue, 4,1Milliarden Euro teure Schienen-Infrastruktur, zu der auch der Anschluss des Landesflughafens an den ICE-Verkehr zählt, wird zwar seit 16 Jahren geplant, mit dem Schlichterspruch von Heiner Geißler vor vier Wochen haben sich für den Staatskonzern Bahn AG aber neue Aufgaben ergeben.

Weil die geplanten Tunnel- und Streckenneubauten an manchen Stellen als knapp bemessen gelten, soll ein so genannter Stresstest - die Computersimulation eines Fahrplans - bis Sommer klären, ob tatsächlich statt heute 37 in der morgendlichen Hauptverkehrszeit künftig 49 Züge durch den achtgleisigen Durchgangsbahnhof passen.

Dabei spielt auch die künftige Mitnutzung der S-Bahn-Gleise zwischen Rohr und dem Flughafen-Bahnhof durch ICE und Regionalzüge aus Richtung Singen und Horb eine Rolle. Das Gleisgeflecht am bestehenden Terminal-Bahnhof könnte überlastet sein, wenn sich zwischen dem 15-Minuten-Takt der S-Bahn täglich 16 ICE und 46 Regionalzüge (in beide Richtungen) drängen. Die Zahlen nannte der DB-Konzernbeauftragte Eckart Fricke am Montagabend bei einer Veranstaltung mit Bahn-Chef Rüdiger Grube in der Filderhalle.

Grube zeigte sich bei seinem zweiten Auftritt innerhalb von fünf Wochen auf den Fildern besser präpariert als Mitte November. Die von den rund 500 Zuhörern geforderte letzte Klarheit kann er allerdings - mangels Stresstest - noch nicht liefern. Bei Stuttgart21 bestünden "viele Möglichkeiten der Verbesserung", stichelte Leinfelden-Echterdingens OB Roland Klenk (CDU) eingangs. Wenn Grube die "größte allgemeine Zustimmung" in der Stadt zu Stuttgart 21 erreichen wolle, müsse er beim Lärmschutz über das gesetzliche Mindestmaß hinausgehen. Die Stadt, so Klenk, "wäre bereit, sich dann auch einzubringen". Im Klartext: Auch sie würde zahlen.

Grube liefert gewissen Widerspruch

Der Bahn-Chef allerdings ließ sich von Klenk nicht aus der Reserve locken. Grube verwies wie bei einigen weiteren Fragen auf das öffentliche Planfeststellungsverfahren. Sobald die Pläne auslägen, können Bürger Einwände gelten machen. Fricke versicherte, ICE und Regionalzüge seien bei gleicher Geschwindigkeit "nicht lauter als eine S-Bahn". Auf der Bestandsstrecke, bei der die Gleise für den Fernverkehr um 20 Zentimeter auseinander gerückt werden müssen, will die Bahn laut Grube übrigens einen 24-Stunden-Betrieb beantragen.

Die weitere Verzögerung der Planauslegung ist aber nicht nur dem Stresstest geschuldet. Die Bahn hat zwar eine Ausnahmegenehmigung von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) für die Mitnutzung der S-Bahn-Gleise erhalten, muss aber diverse Auflagen erfüllen. So ist das Rettungskonzept für den zweiten, neu zu bauenden reinen Flughafen-Fernbahnhof noch nicht mit der Feuerwehr besprochen. Auch ob die Fluchtwege in der bestehenden Station Terminal für die Fernzüge aus Singen ausreichen, muss noch geprüft werden. Und sollte der Lenkungskreis aus Politikern und Bahn-Vertretern ein zweites, 35 Millionen Euro teures Gleis von der Hochgeschwindigkeitsstrecke an den neuen Fernbahnhof befürworten, "müssen wir unsere Pläne nochmal überarbeiten", sagte Fricke.

Etliche Bürger forderten angesichts vieler ungeklärter Fragen wie Steffen Siegel für die Schutzgemeinschaft Filder einen Baustopp. Grube lehnt ihn mit Hinweis auf laufende Ausschreibungen ab. Weil die S-Bahn "zuerst da war", könne er sich bei Taktproblemen "nicht vorstellen, dass man die als erstes vom Gleis nimmt".

Heiner Geißler hat in seinem Schlichterspruch eine Lösung der Engstelle auf den Fildern aufgezeigt: Die zweigleisige Gäubahn durch Vaihingen und den Stuttgarter Westen müsse erhalten und leistungsfähig an den geplanten Tiefbahnhof angeknüpft werden, fordert er.

"Die Gäubahn bestehen zu lassen, ohne sie an den Tiefbahnhof anzuschließen wäre ein Witz, ich plädiere auch für diese Anschluss", sagte Grube - und lieferte am Montag einen gewissen Widerspruch. Bahnintern habe man "noch nicht diskutiert, ob wir weiter Züge auf der Gäubahn nach Stuttgart durchfahren lassen", so Grube. Ein Streckenerhalt samt millionenteurem Anschluss an den Tiefbahnhof wäre allerdings wenig sinnvoll, wenn auf der Gäubahn gar keine Züge mehr fahren würden.

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