An der Maybachstraße entstehen diverse Neubauten. Links im Bild die Wohnungen des Mayliving-Projekts – der große Riegel rechts kam für manche Käufer unerwartet. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das Projekt Mayliving am Stuttgarter Pragsattel verspricht exklusives Wohnen in bester Umgebung. Doch einige Käufer fühlen sich getäuscht. Jetzt muss das Landgericht über den ersten Fall entscheiden – weitere könnten folgen.

Stuttgart - Auf der Baustelle sind noch zahlreiche Handwerker unterwegs. Doch in den ersten Wohnungen werden bereits Möbel aufgestellt. So langsam nimmt Gestalt an, was am Stuttgarter Pragsattel unter dem neudeutschen Namen Mayliving vermarktet wird. Neben Gewerbeflächen baut eine Projektgesellschaft der Münchner Gieag Immobilien AG dort an der Maybachstraße 67 Wohnungen im gehobenen Preissegment. Sie entstehen zwischen Höhenpark Killesberg, Varieté und Theaterhaus im sogenannten Theaterviertel. Dort wird derzeit viel gebaut. Das neue Quartier ist gefragt. Und genau das macht Probleme, die nun vor Gericht geklärt werden müssen.

 

Einige der Wohnungskäufer – vor allem solche, die bereits vor einigen Jahren als Erste zugegriffen haben – fühlen sich getäuscht. Denn als sie den Kaufvertrag unterschrieben haben, war vom Nachbarprojekt noch nichts zu sehen. In nur elf Meter Entfernung baut Instone auf einem ebenfalls öffentlich heftig diskutierten Grundstück gleich 250 Wohnungen auf sieben Etagen. Die Abstände, heißt es bei der Stadt, seien korrekt eingehalten. Doch gerade aus den unteren Wohnungen des Gieag-Gebäudes stellt sich der Blick nach draußen jetzt etwas anders dar als im Prospekt. Dort wurden „nach Süden ausgerichtete Terrassen, Balkone und Loggien“ versprochen. Eine Illustration zeigte zum Beispiel spielende Kinder, eine große Wiese und ins Bild ragende Äste von Bäumen. „Der Bauträger hat die  Käufer  nach Strich und Faden abgezockt“, sagt einer von ihnen. Seit Monaten streitet der Mann, der für zwei Wohnungen fast 1,6 Millionen Euro bezahlt hat, mit der Gieag darum, ob sie diesen Preis überhaupt wert sind. Er will einen sechsstelligen Betrag zurück. Gutachten gingen hin und her, Anwaltsschreiben ebenso. Verhandlungen sind gescheitert. Sein Hauptargument: Man sei nicht über das Nachbarprojekt aufgeklärt worden. Seine beiden Wohnungen seien den Großteil des Jahres beschattet. Weder wolle seine Familie noch dort einziehen, noch könne er die zweite Wohnung zum gedachten Preis vermieten. Damit wollte er den Kauf finanzieren.

Sind Wohnungen 1,6 Millionen Euro wert?

Hinzu kommt, dass diverse Neu-Eigentümer bauliche Mängel beklagen und zudem die Wohnungen deutlich später übergeben werden als ursprünglich versprochen. Der Verzug beträgt bei einigen bis zu neun Monate. Das bringt manche in Schwierigkeiten, weil sie ihre bisherigen Wohnungen gekündigt hatten, Kreditraten und Miete zahlen müssen. Bei den Betroffenen summieren sich die Mehrkosten schnell auf mehrere Zehntausend Euro.

Weitere Käufer warten ab

Jetzt muss in der nächsten Woche das Stuttgarter Landgericht den Fall verhandeln. Die zentrale Frage dürfte lauten: Was muss ein Bauträger seinen Kunden sagen, und welche Informationen müssen sie sich selbst beschaffen? Dem Prozess dürfte eine große Bedeutung für das gesamte Projekt zukommen, denn es gibt offenbar ein halbes Dutzend weiterer Käufer, die die Verhandlung abwarten, bevor sie selbst weitere juristische Schritte gehen.

„Ich hätte diese Wohnung nicht gekauft, wenn ich von der Nachbarbebauung gewusst hätte“, sagt einer von ihnen, der 655 000 Euro bezahlt hat. Statt spielender Kinder auf einer Wiese gebe es dort jetzt ein Riesengebäude. „Warum wurde mir das nicht mitgeteilt?“, fragt er und berichtet, dass er beim Baustart des Nachbarblocks Gieag angeschrieben habe. Die schriftliche Antwort habe gelautet, man wisse davon nichts. Dafür habe er jetzt gehört, dass die letzten Käufer Rabatte auf die Wohnungen oder kostenlose Stellplätze bekommen hätten.

Fast alle Wohnungen verkauft

Bei der Gieag weist man die Vorwürfe zurück. „Wir haben alles von Anfang an klar kommuniziert“, sagt Dieter Munk, dessen Agentur beim Projekt Mayliving für Öffentlichkeitsarbeit und Marketing zuständig ist. Das gelte sowohl für das Instone-Projekt als auch für den Neubau des benachbarten Theaterhauses. Diese Vorhaben seien zudem in Lageplänen im Verkaufsprospekt enthalten gewesen als auch in einem Modell, das bei einer Veranstaltung aufgestellt war. Außerdem seien die Beschattungsvorwürfe unzutreffend.

Munk betont, nur ein kleiner Teil der Käufer sei unzufrieden. Juristisch sei man bisher nur mit zweien befasst. Verkauft seien inzwischen 63 der 67 Wohnungen, die restlichen vier stünden kurz davor. Grundsätzliche Rabatte bei den jüngsten Verkäufen weist Munk zurück: „Der Preis in der Ausschreibung ist nicht verändert worden.“ Wenn es in einzelnen Fällen Nachlässe gegeben habe, so sei das „normales Verhandlungsprozedere“. Wegen der verzögerten Fertigstellung sei Gieag gesprächsbereit und habe sich im einen oder anderen Fall auch geeinigt.

Die letzten Wohnungen sollen nun Ende September übergeben werden. Bis dahin muss wohl das Gericht entscheiden, was sie tatsächlich kosten dürfen.

Info

Mayoffice
Der zweite Baukörper an der Maybachstraße, der zum Gieag-Projekt gehört, heißt Mayoffice. Er umfasst rund 10 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, aufgeteilt in mehrere Büroflächen. Dort ziehen unter anderem eine IT-Beratung, eine Notarin und die International School of Management ein.

Verkauf
Das Objekt Mayoffice ist bereits verkauft. Gieag hat es im Frühjahr für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag veräußert. Das Gebäude mit begrüntem Innenhof und Dachterrassen ging an die Münchner Kingstone Investment Management.