Erst hatte der Konzern seine Baupläne für das Leonberger Entwicklungszentrum halbiert und eine Kongresshalle gestrichen. Jetzt ist auch die Straßenverschönerung der Stadt vom Tisch.
Es hätte ein Aushängeschild werden sollen, ein Schmuckstück in einem bisher eher grauen Industriegebiet, ein Vorgeschmack auf das, was des Oberbürgermeisters Lieblingsprojekt „Stadt für morgen“ alles bringe könne: Die Poststraße vor dem imposanten Bosch-Neubau sollte, so war es noch bis ins vergangene Jahr geplant, zum „Shared Space“ umgebaut werden, einer Fläche, auf der Autofahrer, Fußgänger, Radler gleichberechtigt sind.
Gleichsam ein Musterbeispiel für eine ökologische-realistische Stadtentwicklung, die die Autos nicht verbannt, aber den nichtmotorisierten Menschen mehr Raum gibt. So war es zumindest geplant.
Stufenförmig auf sechs Etagen
Doch dann kamen die Rückschläge: Im vergangenen Juli verabschiedete sich Bosch von seinem großflächigen Campus-Projekt. Neben dem Hauptgebäude, das sich terrassenförmig über sechs Stockwerke auf insgesamt 40 000 Quadratmetern erstreckt, war auf der anderen Straßenseite ein weiteres architektonisches Glanzlicht geplant. Stufenförmig hätte dort eine Kongresshalle und eine Mensa für 800 Gäste gebaut werden sollen. Und nicht nur das: Der Elektronikkonzern hatte noch weitere Neubauten auf dem Zettel.
Doch die Halle mit Mega-Mensa wird es so schnell erst einmal nicht geben. Schon der für 1500 Arbeitsplätze ausgelegte weitgehend fertige Neubau, in dem die Entwicklung von Fahrassistenzsystemen und das autonome Fahren vorangetrieben werden, könnte angesichts des Homeoffice-Trends, vor allem aber wegen des zuletzt bekanntgeworden Personalabbaus nicht ganz ausgelastet werden, befürchten Insider. Von weiteren futuristischen Prachtbauten ganz zu schweigen.
Die gewaltige Baugrube, die für die Kongresshalle vor zwei Jahren eilends ausgehoben wurde, ist mittlerweile wieder fast zugeschüttet. Hinter einer großflächigen Absperrwand zur Poststraße hin fahren in diesen Tagen immer wieder Lastwagen mit Bauschutt vor. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis das Loch komplett gefüllt und damit auch eine Auflage der Bauaufsicht bei der Stadt Leonberg erfüllt ist.
Gewerbestraße mit Schwerlastverkehr
Diese ernüchternde Entwicklung hat Auswirkungen auf das Umfeld: Eine gepflasterte Poststraße, die dem vorgesehenen Shared Space eine besondere Note gegeben hätte, fällt weg, stattdessen wird klassisch asphaltiert. „Hierdurch wird der Zweck der Poststraße wieder auf die ursprüngliche Nutzung als Gewerbestraße mit Schwerlastverkehr reduziert und die hohe Aufenthaltsqualität wird deutlich reduziert“, lässt die Stadt in einer Sitzungsvorlage lapidar verlauten.
Wobei das Beerdigen der großen Pläne nicht direkt aus dem Rathaus kommt. Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD) hat mehrfach erkennen lassen, dass er sich nur ungern von dem Vorhaben trennen würde.
Doch dem Gemeinderat ist das Ganze angesichts der neuen Lage schlicht zu teuer: Denn nicht nur das Pflaster war geplant. Zusätzlich waren zwischen dem Obi-Kreisel und der Maybachstraße Baumbeete vorgesehen. Um denen die nötige Wurzelfreiheit zu verschaffen, hätten vorhandene Gas- und Wasserleitungen verlegt werden müssen.
All das wäre sehr kostspielig geworden: Durch den Verzicht auf die Baumbeete und das nun mehr nicht mehr notwendige Verlegen der Leitungen werden fast 160 000 Euro eingespart. Der Verzicht auf das Pflaster bringt am Ende sogar beinahe 341 000 Euro. Dieses Geld, so der Tenor der Mehrheit im Gemeinderat, könne angesichts der angespannten Haushaltslage und der deutlich reduzierten Bosch-Pläne nun sinnvoller verwendet werden.
Allein die SPD, die stets für die Aufwertung der Poststraße war, stimmte gegen die Rückkehr zur klassischen Nutzung als normale Gewerbestraße. Die allerdings ist immer noch kein Schnäppchen im landläufigen Sinne. Denn die nach wie vor notwendige Neugestaltung von der Kreuzung Römerstraße bis zur Einmündung der Benzstraße an der Tankstelle schlägt mit gut 1,8 Millionen Euro zu Buche. Die Stadt erwartet einen Förderanteil von 60 Prozent, das wären gut eine Million Euro. An Leonberg blieben also rund 800 000 Euro hängen.