Da muss man genau hinschauen: Die Autotuner lassen sich manches einfallen. Foto: Lg/

Mit Motorrädern pickten sie gezielt die schnellen Boliden raus: Bei Großkontrolle an der Theo hat die Polizei acht Fahrzeuge aus dem Verkehr gezogen, die zu extrem aufgemotzt waren.

Stuttgart - Fünf Liter Hubraum, 412 PS, 262 km/h in der Spitze – der Ford Mustang im auffälligen Renndesign, den die Polizei bei einer Großkontrolle am Rotebühlplatz genauer unter die Lupe nimmt, ist ein echtes Kraftpaket. „Ist sogar gedrosselt“, sagt der junge Fahrer aus Korb im Remstal nicht ohne Stolz. „Eigentlich könnte er 290.“

Der 28-Jährige ist mit seinem hochgetunten Boliden einem der Polizeibeamten der Motoradstaffel ins Netz gegangen, die am Samstagabend zwischen 20 und 1.30 Uhr die Innenstadt rund um die Theodor-Heuss-Straße durchkämmen. Ihr Auftrag: Verdächtige Fahrzeuge aus der Tunerszene aufgreifen, um sie den Kollegen an der Kontrollstelle zuzuführen.

Dort, direkt neben dem Treffpunkt Rote­bühlplatz, warten schon zwei Spezialisten auf die Kandidaten. Thomas Hohn, Leiter der Kontrollgruppe Tuning der Motorradstaffel, und Polizeihauptmeister Dimitrios Bastounis sind gerichtlich anerkannte Sachverständige. Sie kennen alle technischen Tricks, mit denen die Tuner aus der regionalen „Poserszene“ ihre Fahrzeuge noch tiefer, noch schneller, noch lauter machen. Deren bevorzugtes Revier ist trotz Geschwindigkeitsbegrenzung und Radarfallen noch immer die Theo in Stuttgart. Ihr Ziel: Auffallen – mitunter um jeden Preis. Weil Stuttgart offensichtlich ein gutes Pflaster ist, um der „motorisierten Vergnügungsszene“, so der Amtsjargon, auf den Zahn zu fühlen, hat sich am Samstagabend auch ein Kamerateam von Kabel 1 angemeldet.

Suche nach verstecktem elektronischem Mechanismus

Die Beamten machen sich unterdessen daran, mit einem Dezibel-Messgerät die Lautstärke der Abgasanlage des Mustangs zu überprüfen. Thomas Hohn bittet den Fahrer, den Motor im Leerlauf auf mindestens 3750 Umdrehungen hochzufahren. „Korrekt bitte, sonst machen wir es noch einmal“, ermahnt der Polizeibeamte den 28-Jährigen. Schon der Abstand von Reifen zum Radlauf war „grenzwertig“. Der Tuner gibt während der Prozedur bereitwillig Auskunft: „Ich war mit dem Auto schon auf zehn Tuningtreffen“, erzählt er. Um was es dabei geht? „Um das Gesamtbild“, sagt er – Look, Lautstärke, Leistung. Thomas Hohn hat Fahrwerk, Bereifung und Abgasanlage untersucht. „Wir haben auch überprüft, ob er irgendeinen versteckten elektronischen Mechanismus verbaut hat.“ Mit solchen Schaltvorrichtungen, die mitunter per Fernbedienung gesteuert werden, können zum Beispiel Abgasklappen dauerhaft außer Funktion gesetzt werden. Die Folge: Das Auto dröhnt wie ein Panzer.

Fast schon kurios mutet für den Laien an, dass solche leistungssteigernden Betriebsschalter, die in hochpreisigen Fahrzeugen oft vom Hersteller eingebaut sind und mit denen in zwei Leistungs- (und Lärm-)bereichen gefahren werden kann, unter bestimmten Voraussetzungen gar nicht illegal sind. „Der europäische Gesetzgeber tut alles dafür, dass die Autos lauter werden“, beschreibt Hohn die paradoxe Situation. Die simple Begründung der Autohersteller, die das eigentlich bestehende Verbot legal außer Kraft setzen darf, heißt: technische Notwendigkeit. Was bleibt, sei den Fahrern Platzverweise zu erteilen, wenn sie mehrmals dabei erwischt werden, bewusst lärmerzeugend zu fahren.

12 von 30 Fahrzeugen werden beanstandet

Am Mustang war alles in Ordnung. Nicht so bei einem Opel Omega mit Ludwigsburger Kennzeichen, dessen Keilform den Eindruck macht, als wolle sich das Fahrzeug ins Erdreich bohren: hinten hoch, vorne bodentief. Ein Auto der „Old-school-Szene“, so ein Polizeibeamter. Die Experten messen und vergleichen mit den Einträgen in den Fahrzeugpapieren. Das Ergebnis: vorne zwei Zentimeter zu tief, hinten ganze zehn zu hoch. Mit diesem Fahrwerk verlängere sich der Bremsweg enorm.

Im Motorraum findet sich zudem ein Sammelsurium selbstverlegter Kabel. „Da müssen wir uns massiv unterhalten“, sagt Hohn zum verdutzten Fahrer. Eine Unterhaltung, die damit endet, dass das Auto sichergestellt wird und auf den Fahrzeughalter ein sattes Bußgeld zukommt. Wie hoch, wird sich erst zeigen, wenn der Opel genau überprüft wird. Denn das Bußgeld addiert sich mit jedem Mangel auf. „Bis zu 2000 Euro“, sagt Ann-Kathrin Kletetschka von der Bußgeldstelle, die an diesem Abend ebenfalls dabei ist.

Die Bilanz der Polizei ist am Ende beeindruckend: Insgesamt war am Samstagabend bei zwölf von 30 kontrollierten Fahrzeugen aufgrund von baulichen Veränderungen die Betriebserlaubnis erloschen. Acht Fahrzeuge stuften die Ermittler sogar als so verkehrsunsicher ein, dass sie sichergestellt und abgeschleppt wurden.

Dass solche Großkontrollen der Motorradstaffel gegen die Tunerszene nicht häufiger stattfinden, schreibt Hohn vor allem der enormen Zunahme von Demonstrationen in der Stadt zu. „Dort werden unsere Kräfte zunehmend gebunden“, sagt er.

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