Andreas Schuster, Projektmanager bei Transnet BW, freut sich auf den Tag, wenn in Großgartach Nordseestrom ankommt. Foto: factum/Granville

Seit die Pläne für die Stromtrasse Südlink vorliegen, ist das Umspannwerk Großgartach bei Heilbronn in den Fokus gerückt. In seiner Kommune werde ein Leuchtturmprojekt der Energiewende realisiert, sagt der Bürgermeister von Leingarten, doch seine Gemeinde habe noch mehr zu bieten.

Leingarten - Saftiges Gras wächst dort, wo in ein paar Jahren Erdkabel aus dem Boden ragen werden. So dick wie Sektflaschen, so teuer, dass mancher Steuerzahler schlucken muss, wenn er die Summe hört: rund zehn Milliarden Euro kostet die Trasse, die Windstrom von der Nordsee in den Südwesten bringt und dort endet, wo Andreas­ Schuster mit dem Finger hin zeigt. „Da hinten beim Zaun kommt es raus“, sagt der Projektmanager bei Transnet BW, „spätestens 2025 soll alles fertig sein.“ Deutschlands unterirdische Stromautobahn Südlink endet an einem Ort, den kaum einer kennt: beim Umspannwerk Großgartach, einem Knotenpunkt der schon in den 60er Jahren eingerichtet und sukzessive ausgebaut wurde, keine Viertelstunde von Heilbronn entfernt.

Es ist eine industriell geprägte Ecke. Viele Hochspannungsmasten verstellen die Aussicht, Stromleitungen überziehen die Gegend wie Spinnweben, und hinter einem hohen Zaun stehen gleich mehrere Schaltanlagen. „Wir sind mitten in einem Energiezentrum“, erklärt Schuster und führt in neongelber Sicherheitsjacke über das Gelände. Wo bisher Strom aus Atomkraftwerken und Kohleblöcken eingespeist wird, kommt mit der fast 800 Kilometer langen Südlink-Trasse die ökologische Wende. „Das ist, wie wenn man einen Schalter auf Windkraft umlegt“, sagt der Ingenieur für Elektrotechnik erfreut – auch wenn er weiß, dass es noch eine Weile dauern wird, bis Strom fließt. Mindestens eineinhalb Jahre zieht sich allein das Antragsverfahren für die geplanten Trassenkorridore bei der Bundesnetzagentur hin.

2021 werde angefangen zu buddeln, sagt Schuster und zieht eine Grafik aus der Tasche, die die Veränderungen auf dem Areal zeigt. Neu gebaut wird eine Konverterstation, um die Gleichstromleitungen aus dem schleswig-holsteinischen Brunsbüttel an das Wechselstromnetz anzubinden. „Ab 400 Kilometer Entfernung ist die Gleichstromübertragung wirtschaftlicher und physikalisch effektiver“, klärt Schuster auf, die Verlustrate liege gerade mal bei zwei oder drei Prozent.

Die Gemeinde freut sich, überregional in den Schlagzeilen zu sein

Die Verlegung der Trasse unter die Erde hat etliche Gegner des Megaprojekts mit seinen „Monstertrassen“ verstummen lassen. Auch in Großgartach sind die skeptischen Stimmen kaum zu hören, das Positive überwiegt. „Der Konverterstandort ist unser Beitrag zur Energiewende in Deutschland“, sagt Leingartens Bürgermeister Ralf Steinbrenner selbstbewusst, „Südlink ist die Ersatzmaßnahme für den AKW-Ausstieg.“ Er freut sich, dass seine kleine Gemeinde mit ihren 11 500-Einwohnern und den beiden Teilorten Großgartach und Schluchtern überregional in den Schlagzeilen ist – als Endstation der Stromautobahn. Etwas leiser fügt er hinzu, dass man versuche, das Beste aus den Gegebenheiten zu machen, denn schön sei es nicht, was da komme. „Die einen haben Wind­räder, wir haben den Konverter.“

Die Sorge der Bürger vor elektrischen und magnetischen Feldern sei gering, versichert Steinbrenner. Der Kommunalpolitiker suchte bei einem Besuch im Norden den Schulterschluss mit dem Rathauschef in Brunsbüttel und hat sich mit seinen Gemeinderäten auf einer Infofahrt bei einem Anlagenbauer über Konvertermodule und Großtrafos kundig gemacht. Für bedauerlich hält er aber die Tatsache, dass landauf und landab nur der Teilort Großgartach in aller Munde sei. Dabei wolle man seit der Gebietsreform von 1970 das Wir-Gefühl stärken, sagt Steinbrenner, und lädt ein zu einer Spritztour, die zeigen soll, dass Leingarten mehr ist als nur ein zentraler Stromverteilungspunkt für das baden-württembergische Übertragungsnetz.

„Wir sind im Innovationsgürtel von Heilbronn“, sagt der Bürgermeister auf dem Weg vom Umspannwerk ins Zentrum und zählt auf, was seine Gemeinde ausmacht. „Alle 20 Minuten hält die Stadtbahn, es gibt vier Rasenplätze, eine Jugendmusikschule, ein Leingartner war 2009 Mister Germany“ – und finanziell stehe die Kommune mit ihrem 30-Millionen-Euro-Haushalt bestens da. Vorbei geht es am neuen Rathaus, ein schicker Kasten mit viel Glas, „von den Jugendlichen ‚Applestore‘ genannt“, verrät Steinbrenner – und dass das alte Rathaus PCB-belastet gewesen sei. Der Bürgermeister steuert zum Freibad und weiter zum Wahrzeichen seiner Gemeinde: der Heuchelberger Warte, einem früheren Wachtturm inmitten von Weinhängen, erbaut von Graf Eberhard im Bart.

Zwischen den Merlot-Reben steht Bernd Rieker und bindet Zweige hoch, beim Thema Südlink ist er sofort gesprächig. „Mit Masten sind wir hier schon reichlich gesegnet, gut, dass die Trasse unter der Erde ist“, lobt der Winzer. Ihn störe das neue Kabel nicht, gibt er zu, „wenn man alternative Energien will, braucht man auch neue Leitungen.“

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