Christoph Jäger (links) und sein Musikerfreund Sepp Steinkogler haben die CD „Ich singe meine Lieder“ aufgenommen. Foto: Gottfried Stoppel

Christoph Jäger hat jetzt seine erste CD mit schwäbischen Chansons vorgestellt. Der Schultes von Großerlach mag Klassik und Balladen – aber auch Hardrock. Am Wochenende ist er als Fan beim großen Wacken-Open-Air-Festival.

Großerlach - Eben saß Christoph Jäger noch in seinem Büro im Großerlacher Rathaus und hat Akten studiert. Jetzt eine kurze Mittagspause daheim, nur ein paar Straßen entfernt. Der Schultes schnappt sich sein Akkordeon und beginnt im eigenen Wohnzimmer ein Mini-Konzert zu spielen. Zusammen mit seinem Spezi Sepp Steinkogler, speziell für die Gäste von der Zeitung. Der Bürgermeister bearbeitet die Quetschkommode und singt beherzt, zusammen mit dem Duettpartner. Jägers Hund Tyson schleicht gelegentlich vorbei. Nur ein paar Minuten lang dauert das Schauspiel – aber man spürt sofort: Die beiden Männer haben den Beat im Blut.

Die Hobbymusiker Jäger und Steinkogler kennen sich seit vielen Jahren. Jetzt haben sie ihre erste CD vorgestellt. „Ich singe meine Lieder“ heißt der Silberling, der im Ludwigsburger Studio von Jörg Orlamünder aufgenommen worden ist.

Jäger ist ein Singer-Songwriter, er hat alle 13 Stücke auf der CD – man kann sie deutschsprachige Chansons nennen – selbst getextet und komponiert. Zum Beispiel „Winterquartier“. Das Lied erzählt die tragisch-schöne Lebensgeschichte des Axel W. Den Berber hatte Jäger bei der Erlacher Höhe kennengelernt, einer diakonischen Einrichtung für Menschen, die oft als Wohnungslose bezeichnet werden, die aber viel mehr sind als „nur“ wohnungslos. Dieser Axel W. fand zu seinem Lebensabend in Erlach „pures Gold“, sagt Jäger. Denn er traf dort völlig unerwartet seine Jugendliebe wieder – und heiratete die Frau wenige Monate vor seinem Tod. „Mir wurde damals die Ehre zuteil, als Standesbeamter die Trauung vornehmen zu dürfen.“

Jäger erzählt in seinen Texten viele persönliche Geschichten und Anekdoten. Etwa von seiner ein paar Jahre älteren Cousine Conny, die viel zu früh gestorben ist, und von der „großen kleinen“ Schwester.

Dieser Bürgermeister rockt. Christoph Jäger mag zwar klassische Musik und Balladen, aber auch Heavy Metal. Am kommenden Wochenende ist er – wieder mal – zusammen mit seinem jüngeren Bruder beim großen Wacken-Open-Air-Konzert. Jäger ein 68er? Er ist zwar CDU-Mitglied und sitzt für seine Partei auch im Kreistag, er hat nach eigenen Angaben aber gute Kontakte zur politischen Konkurrenz, etwa zu den Grünen. Und er ist 1968 geboren worden, in Tettnang am Bodensee. Bereits 1969 ist die Familie nach Sasbach am Kaiserstuhl gezogen. Der Vater war zum Bürgermeister der kleinen Gemeinde im Landkreis Emmendingen gewählt worden – er blieb 24 Jahre lang Schultes des Fleckens.

Auch wegen der familiären Vorbelastung, sagt Jäger, habe er eigentlich nie selber Bürgermeister werden wollen. Es kam bekanntlich anders. Im Jahr 2000 habe ihn – damals Mitarbeiter des Rems-Murr-Landratsamts – der Großerlacher Bürgermeister Jochen Schäfer gefragt, ob er nicht kandidieren wolle. Mittlerweile ist Jäger mitten in seiner dritten Amtsperiode.

Ein Faible für Musik hatte er schon von klein auf. Er hat im Schulchor gesungen und in einem Kirchenchor – Jäger sagt grinsend: „wie Meat Loaf“. Er hat 1988 sein Abi mit den Leistungskursen Musik und Englisch gemacht. „Ich bin zunächst in Richtung Klassik geprägt worden.“ Bald wurde ihm Rockmusik aber wichtiger. Zunächst entdeckte er Udo Lindenberg und dann ein „Jahrhundertwerk“, das ihn vollends in Richtung Rock gelotst habe: die Rockoper „Tommy“ von The Who. Jäger hat in einer Schülerband gespielt, später in einer Hochschulband in Kehl.

Auftritt in der Kulturscheune in Mainhardt

Mit dem Start ins Berufsleben im Kreishaus in Waiblingen war vorerst Schluss mit lustig, jedenfalls Schluss mit dem Musik machen. Doch eines Tage hat er dann diese Anzeige in der Tageszeitung entdeckt: „Sänger gesucht“ – von der Waiblinger Band Dirty Old Men. Jäger ist eingestiegen – und er hat Sepp Steinkogler kennengelernt. Das ist jetzt gut 20 Jahre her. Nach weiteren Gastspielen in diversen anderen Bands und nach der Wahl zum Großerlacher Rathauschef hat er das Musikmachen vor Publikum wieder eingestellt. „Das ging beruflich einfach nicht mehr.“ Allein für sich, im stillen Kämmerchen, und beim Gesangsverein Eintracht Grab indes hat der Schultes weiter gesungen und Klavier gespielt.

Und dann flatterte die Anfrage der Erlacher Höhe ins Haus, ob er wohl zu einem Soloauftritt bereit sein, anlässlich der Vorstellung des Romans „Hundsgeschrei“ von Titus Simon. Jäger hatte schon ein bisschen Mores. Allein vor großem Publikum spielen? Und dann noch für Titus Simon, der mal für die Die Linke zur Landtagswahl angetreten war. Aber alles keine unlösbaren Probleme. Der Bürgermeister hat zugesagt. Er hat geprobt. Und er hat gespielt. Die Zuhörer waren angetan. Im Publikum saß einer, den er länger nicht gesehen hatte: der Sepp. Jetzt spielen die beiden wieder regelmäßig zusammen. Das nächste Mal am Freitag, 5. Oktober, von 19.30 Uhr an in der Kulturscheune in Mainhardt.

Bleibt noch eine Frage. Was macht der Bürgermeister, wenn seine dritte Amtsperiode in rund fünf Jahren endet? Pensionstechnisch wäre er dann ordentlich versorgt. Mit Mitte 50. Will er sich dann womöglich in erster Line der Musik widmen? Das, antwortet der Schultes, könne er noch nicht abschätzen. Er sagt jedenfalls nicht: „Nein, auf keinen Fall.“ Musik, sagt Jäger, werde aber immer eine Rolle spielen, denn ohne Musik wäre die Welt trostlos.

Infos: CDs und Infos über Auftritte unter liedermacherchris@gmx.de

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