Der Kampfmittelbeseitigungsdienst hat auf den Feldern bei Steinhaldenfeld einen 250 Kilogramm schweren Blindgänger aus dem Erdreich gegraben. Weil unklar war, wie explosiv er ist, mussten 1900 Personen ihre Häuser verlassen.
Die Felder zwischen dem Cannstatter Stadtteil Steinhaldenfeld und Fellbach-Schmiden sind an Wochenenden normalerweise ein beliebtes Naherholungsziel. An diesem Sonntagvormittag war es dort jedoch gespenstisch ruhig. Weder Radfahrer noch Jogger waren zu sehen. Auch Hundehalter, die mit ihrem Vierbeiner Gassi gingen, suchte man vergeblich. Grund war nicht das nasskalte Novemberwetter, sondern eine 250 Kilogramm schwere Fliegerbombe. Den Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, der in rund drei Metern Tiefe lag, hatte der Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Baden-Württemberg bei Sondierungsmaßnahmen eben in diesem Gebiet entdeckt, er musste unschädlich gemacht werden.
Vorsichtig zur Bombe vorgearbeitet
„Wir haben uns vorsichtig zu der amerikanischen Fliegerbombe vorgearbeitet, teilweise mit dem Bagger, teilweise von Hand“, sagte Christoph Rottner vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Baden-Württemberg. Als der Blindgänger dann freigelegt war, hat sein Team jedoch festgestellt, dass er sich quasi schon selbst entschärft hatte. „Die Fliegerbombe ist beim Aufschlag nicht explodiert, aber in mehrere Teile zerbrochen“, sagte der erfahrene Feuerwerker. „Sie hätte nicht mehr detonieren können, von ihr ging daher keine Gefahr mehr aus.“ Davon war im Vorfeld jedoch nicht auszugehen gewesen. Da Zündersicherungen verrotten und Initialsprengstoffe mit ihren Metallumhüllungen reagieren, wird die Handhabung und somit die Munitionsbeseitigung von Jahr zu Jahr gefährlicher. Dementsprechend ist man auch beim jüngsten Einsatz auf Nummer sicher gegangen: Ab 9 Uhr wurde der Bereich rund um die Fundstelle in einem Radius von rund 750 Metern von der Polizei abgesperrt.
Anwohnerin vergisst Evakuierung
Betroffen waren davon auch etwa 1900 Personen in Steinhaldenfeld, die innerhalb der Sperrzone wohnten. „Der Großteil davon hat die Häuser schon vor der Evakuierung verlassen“, sagte Polizeisprecherin Kara Starke. Dennoch wurde mit Lautsprecherdurchsagen auf die bevorstehende Entschärfung hingewiesen. Polizeibeamte gingen von Tür zu Tür und klingelten vereinzelt Anwohner raus, die allesamt Verständnis für die Maßnahme zeigten. „Ich habe einfach nicht mehr dran gedacht“, sagte eine Frau, die den Einsatzkräften Glück wünschte, dann aber ins Auto stieg, um Verwandte zu besuchen.
„Wir haben uns auch überlegt, mit der Stadtbahn zum Flughafen zu fahren“, sagte Sigrun Mühlberg, da ihr Mann jedoch nicht so gut zu Fuß sei, habe man das Angebot angenommen und sei für den Zeitraum der Sperrung in der Turn- und Versammlungshalle Steinhaldenfeld untergekommen. „Das hat alles perfekt geklappt“, sagt die Rentnerin. „Wir haben uns am Donnerstag bei der Stadt gemeldet und wurden vom Deutschen Roten Kreuz an unserer Wohnung abgeholt. Wir sind wirklich sehr zufrieden mit der Organisation.“ Einen Wermutstropfen gab es dann noch, als sie an einem Tisch Platz genommen hatten. „Wir haben das Kniffel vergessen“, sagte Sigrun Mühlberg, die mit mehr Andrang in der Turnhalle gerechnet hätte. „Viele Nachbarn, die mobiler sind, machen wohl einen Ausflug.“
110 000 Luftaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg
Gegen 13 Uhr war die Fliegerbombe aus dem Schmidener Feld entfernt und die Sperrung wurde aufgehoben. Insgesamt waren circa 200 Einsatzkräfte der Polizeipräsidien Stuttgart und Aalen, der Feuerwehr Stuttgart und dem Rettungsdienst im Einsatz. Auf die Spur des Sprengkörpers ist der Kampfmittelbeseitigungsdienst mithilfe von Luftbildern, die in Großbritannien und den USA beschafft wurden, gekommen. Sie wurden von den Alliierten im Zweiten Weltkrieg nach den Angriffen gefertigt. Die Experten verfügen über rund 110 000 solcher Aufnahmen aus Baden-Württemberg. Auf ihnen sind nicht nur die Krater detonierter Bomben, sondern auch Einschlagstellen von Blindgängern erkennbar. Die Luftbilder werden auf aktuelle Flurkarten übertragen und so einzelne Bereiche untersucht – zum Beispiel, wenn ein Bauvorhaben ansteht.
20 Bomben im vergangenen Jahr unschädlich gemacht
Im vergangenen Jahr hat der Kampfmittelbeseitigungsdienst in Baden-Württemberg insgesamt 20 Bomben mit einem Gewicht von mindestens 50 Kilogramm unschädlich gemacht, 2021 waren es 21. In der Landeshauptstadt musste zuletzt im vergangenen Februar ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft werden. Damals wurde im Feuerbacher Tal eine 250 Kilogramm schwere Weltkriegsbombe entdeckt. Sie war noch in einem Stück. Feuerwerker konnten den Zünder mit einem Handgriff ausbauen, sie somit entschärfen und wie in Steinhaldenfeld schnell Entwarnung geben.
Verhaltensregeln beim Auffinden von Blindgängern
Nicht anfassen
Kampfmittel- beziehungsweise munitionsverdächtige Gegenstände dürfen niemals aufgenommen oder angefasst werden. Es besteht erhebliche Gefahr. Verdächtige Gegenstände sollten niemals – da sie auf keinen Fall bewegt werden dürfen – zum nächsten Polizeirevier gebracht werden.
Polizei rufen
Umgehend ist die Polizei zu alarmieren, von dort aus wird unverzüglich den Kampfmittelbeseitigungsdienst Baden-Württemberg verständigt. Deren Expertinnen und Experten muss auch die Identifizierung und weitere Behandlung verdächtiger Gegenstände überlassen werden.
Fundstelle absichern
Bis zum Eintreffen der Einsatzkräfte sollte man den Fundort so absichern, dass Unbefugte nicht an den verdächtigen Gegenstand herankommen können. In allen Fällen sind ein Sicherheitsabstand und gegebenenfalls weitere Maßnahmen sofort telefonisch mit dem Kampfmittelbeseitigungsdienst abzuklären.