Ganz in der Nähe der Motorradrocker im Leonhardsviertel (links) hat sich eine neue Straßenbande ein Stammlokal im Schwabenzentrum (rechts) ausgesucht – wohl kein Zufall. Foto: Montage/Peter-Petsch

Kriminelle Vereinigungen werden zwar verboten – doch ihre Mitglieder machen munter weiter. In Stuttgart versucht zurzeit eine gewalttätige Gruppe, sich einen Namen zu machen. Die Polizei sitzt ihr im Nacken, um Bandenkriege frühzeitig zu verhindern.

Stuttgart - Die Motorradrocker der Stuttgarter Hells ­Angels hatten bisher keine Konflikte mit anderen Straßengangs der Region. Doch was seit ­Wochen im Verborgenen brodelte, wurde am Wochenende sichtbar: Gewaltbereite Gruppen, überwiegend kurdischer Herkunft, wollen in Stuttgart ein Zeichen setzen. Besucher des Henkerfests auf dem Wilhelmsplatz in der Stuttgarter Innenstadt wunderten sich in der Nacht zum Samstag, als ein Großaufgebot an Streifenwagen auftauchte, Beamten die Hauptstätter Straße abriegelten und etwa 20 ­Beschuldigte abführten – ehe die für größeren Ärger sorgen konnten.

Mitglieder der seit Juni verbotenen Straßenbande Red Legion suchen offenbar unter neuer Flagge neue Feinde. 110 Mitglieder der im Großraum Stuttgart operierenden Bande hatten vor sechs Wochen vom Innenministerium eine Verbotsverfügung bekommen. Als „Null-Toleranz-Strategie“ hatte Innenminister Reinhold Gall (SPD) die Maßnahme gelobt.

Doch die Mitglieder, die sich nach eigenen Angaben „nicht in Luft auflösen können“, scheinen davon wenig beeindruckt. Nach Informationen der Stuttgarter Nachrichten hatten die Anhänger der Legion ­Ende Juni Besuch aus Bremen – eine gewaltbereite Gruppe, die seit 2011 im Norden verboten ist. Etwa 30 Leute zogen durch die Stadt und durch Discos – und demonstrierten Gemeinsamkeit.

Die Bremer Gang heißt Mongols, sie trägt den Namen einer Motorrad-Gang aus Kalifornien – wurde aber von der europäischen Zentrale der amerikanischen Markeninhaber verstoßen: Kaum einer von ihnen ­konnte Motorrad fahren. Im vergangenen Frühjahr hatten sich die Mongols in Bremen heftige Gefechte mit den Hells Angels geliefert – es gab zahlreiche Verletzte.

Stammlokal im Schwabenzentrum

Offenkundig gilt die Marke Mongols unter den Red-Legion-Nachfolgern als Chance, sich neue Feinde zu machen – bisher gab es vorwiegend Dauerfehden mit den meist türkischen Mitgliedern der Straßenbande Black Jackets. Trauriger Höhepunkt in diesem Bandenkrieg war die tödliche Messerstecherei am 21. Dezember 2012 in Esslingen. Bei dem Überfall der Roten Legion, die einen Kneipenbesuch der Rivalen als Affront auffasste, kam ein 22-Jähriger ums Leben, neun weitere Black Jackets wurden verletzt.

Unter neuem Namen will man sich offenbar mit den Hells Angels anlegen. Es ist kein Zufall, dass sich die neue Straßengang ihr Stammlokal im Schwabenzentrum ausgesucht hat – in Sichtweite der Angels, die ihre Zentrale gegenüber im Leonhardsviertel in der Altstadt ­haben. Kein Zufall wohl auch, dass das Grillfest der Hells Angels am vergangenen Freitag gegenüber in einem Hinterhof an der Hauptstätter Straße für die selbst ernannten Rivalen willkommener Anlass war, Werbung für sich zu ­machen.

Die Gruppe zeigte sich am Samstag kurz nach Mitternacht provokant in der Nähe der Angels – und löste damit einen großen Polizei­einsatz aus. Das Aufgebot der Uniformierten zeigte Wirkung, es kam zu keinen größeren Tätlichkeiten. Zehn Provokateure wurden laut Polizei über Nacht in Gewahrsam genommen. Mit „neutraler ­Ermitt­lungs­führung“, so Willi Pietsch vom Dezernat für ­Jugendbandenkriminalität, werde man Auswüchsen „wirksam vorbeugen“.

Anklageschrift über 150 Seiten

Keine Nachsicht gibt es auch bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft. Die hat nach der Mordnacht von Esslingen Anklage erhoben: Elf Mitglieder der Roten Legion müssen sich wegen gemeinschaftlichen Mordes und Mordversuchs verantworten. Der Prozessauftakt vor der 3. Kammer des Landgerichts ist für den 16. September vorgesehen. Die Anklageschrift umfasst knapp 150 Seiten. Gegen acht weitere Beschuldigte wird eine Anklage vorbereitet. Alle schweigen – doch die Beweislage ist laut Staatsanwältin Claudia Krauth „äußerst gut“.

Die Stuttgarter Polizei will den Schlägern in der Landeshauptstadt keine neue Plattform bieten. „Wir beobachten das sehr genau und sind wachsam“, sagt Kripomann Pietsch, „deshalb ist auch nichts passiert am Wochenende.“ Die Rädelsführer sind offenbar erkannt und im engeren Fokus der ­Ermittler.

Derweil wird unter ihren Unterstützern nach weiteren Mitgliedern für die Straßenbande gesucht: „Es ist an der Zeit, dass wir das Potenzial von Stuttgart abrufen“, teilt die Gruppe im Internet mit, „wenn wir das nicht schaffen, wer dann?“ Zunächst aber werden sich die Red-Legion-Nachfolger wohl nach einer neuen Kneipe umschauen müssen. Die Konzession des Wirts im Schwabenzentrum, so hört man, ist abgelaufen. Dass das Lokal Treff der Straßengang ist, habe damit aber nichts zu tun.

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