Feuerwehreinsatz am Johannes-Kepler-Gymnasium Leonberg (links), echte Drohnenaufnahme von Simon Granville: Künstliche Intelligenz war bei beiden Bildern nicht im Spiel. Foto: SDMG, Granville

Vom Großeinsatz nach einer Pfefferspray-Attacke in Leonberg kursiert ein Bilder-Video, bei dem Künstliche Intelligenz verwendet wurde. Für Fotografen wird das ein größeres Problem.

Er habe es erst überhaupt nicht kapiert. „Ich dachte mir: „Hä, wer war denn da mit der Drohne unterwegs?“ Frank Dettenmeyer war zunächst ziemlich erstaunt. Der Sindelfinger Fotograf beliefert diese Zeitung regelmäßig mit Bildern von Blaulicht-Einsätzen. Und auch er hat das mit Künstlicher Intelligenz frisierte Video über den Vorfall mit Pfefferspray am Leonberger Johannes-Kepler-Gymnasium (JKG) vom Dienstagmittag wahrgenommen. Klar – stammen ein paar der dafür verwendeten Bilder, die Dettenmeyer genau kennt, doch von einem seiner Kollegen bei Blaulicht News BB.

 

Aufgetaucht ist das Video auf einem Tiktok-Kanal, der sich auf das bildreiche Ausschlachten von Unfällen und Polizeieinsätzen spezialisiert hat – bundesweit. Nur dass zumindest der Foto-Zusammenschnitt aus Leonberg wenig mit der Realität zu tun hat. Und zu aller Kreativität der KI – veränderte Umgebung, falsche Uniformen der Rettungskräfte, Personen, die überhaupt nicht vor Ort waren – kommt auch noch die vermeintliche Drohnenperspektive hinzu. Denn: Eine Presse-Drohne war bei dem Einsatz zu keinem Zeitpunkt in der Luft.

Polizei bestätigt: Beim Pfefferspray-Einsatz war keine Drohne am Himmel

Auch die Polizei bestätigt auf Nachfrage, dass während des Einsatzes keine Drohne irgendeiner Art gesichtet wurde. „In dem betreffenden Gebiet ist das sowieso verboten, weil es sich um einen bewohnten Bereich handelt“, sagt Yvonne Schächtele von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Ludwigsburg. Auch die Polizei habe keine Drohne in der Luft gehabt.

Einsatz am Johannes-Kepler-Gymnasium in Leonberg: Ein Schüler hat Pfefferspray versprüht. Foto: KS-Images.de

Dennoch werden in dem Video Luftaufnahmen vom Schulhof des JKG gezeigt, auf dem es vor Einsatzfahrzeugen und Rettungskräften nur so wimmelt. Szenen, die nie so stattgefunden haben – auch wenn das Aufgebot an Rettungskräften in der Tat enorm war. Bei dem Vorfall, bei dem ein Schüler bei einem Streit wohl Pfefferspray versprühte, wurden 22 Personen leicht verletzt. 143 Menschen mussten aus dem Schulgebäude gebracht werden.

„Diese Bilder von dem Einsatz aus erhöhter Position, die gibt es so gar nicht“, sagt Frank Dettenmeyer. Das sei kritisch, weil es Pressefotografen bei Rettungseinsätzen für gewöhnlich gar nicht erlaubt sei, eine Drohne in den Himmel zu schicken. „Ich bin vor einiger Zeit einmal angesprochen worden, da ging es um einen Bus-Unfall in Weil im Schönbuch“, berichtet Dettenmeyer. Auch da seien seine Bilder per KI in Richtung Drohnen-Perspektive verfremdet worden. „Ich bin froh, dass da im Nachgang nicht die Polizei bei mir geklingelt hat.“

Die Regularien kennt auch Fotograf Simon Granville, der ebenfalls regelmäßig für diese Zeitung mit der Kamera – und mit der Drohne – unterwegs ist. „Grundsätzlich lasse ich bei Einsätzen nie eine Drohne fliegen. Man weiß nie, ob jemand mit dem Hubschrauber gerettet werden muss“, sagt er. Ohnehin nutze er die Drohne nie direkt über Straßen oder Schienen. „Wenn sie runterfällt, dann nur auf Wiese oder Acker.“

Nicht nur KI: Auch der Missbrauch eines Fotos macht Fotografen zu schaffen

Mit einer KI-Verfremdung seiner Bilder hat Granville bisher noch keine Erfahrungen gemacht. Wohl aber mit einem Foto, das für eine Hasskampagne gegen Ausländer missbraucht wurde. „Und da gab es dann irgendwann auch Kommentare gegen den Fotografen, das war unterirdisch“, erinnert er sich.

Denn die reine Nutzung von KI ist das Eine. Die Frage des Urheberrechts eine ganz andere. „Zwei Angelegenheiten von mir aus dem Landkreis liegen derzeit bei der Polizei“, sagt Frank Dettenmeyer. In beiden Fällen sei KI eingesetzt worden. Ein weiterer Fall der Nutzung eines seiner Bilder ohne Genehmigung werde wohl bald vor Gericht landen.

Tiktok-Account mit KI-Videos: Klarnamen-Suche fast aussichtslos

Das Problem, zumindest beim aktuellen Fall des Tiktok-Kanals, kennt Dettenmayer. „Das ist ganz normal für solche Accounts, die verändern die Fotos, wie sie es gerade brauchen.“ Und eigentlich müsste Tiktok, spätestens wenn die Polizei ins Spiel kommt, auch die Klarnamen der Betreiber bereitstellen. „Das kann aber sehr lange dauern“, so der Fotograf.

Wie schwierig allein eine Kontaktaufnahme ist, zeigt der Versuch einer Presseanfrage an den betreffenden Kanal über die Tiktok-Nachrichtenfunktion. Der vollkommen seriös formulierte Text wird in mehreren Versuchen vom System einkassiert. „Diese Nachricht verstößt möglicherweise gegen unsere Community-Richtlinien und wurde zum Schutz unserer Community nicht gesendet.“