Hannelore Andrae und Inge Ruthardt sind seit vielen Jahren für das Café Emil im Stadtteiltreff der Diezenhalde aktiv. Im Frühjahr erhalten sie den Sozialpreis der Stadt Böblingen.
Eine Mahlzeit, besser noch ein Stück Torte: Das sind wunderbare Gelegenheiten zur Geselligkeit. Im Café Emil auf der Diezenhalde gibt es beides, an unterschiedlichen Tagen. Der Freitag ist der große Tag des Mittagstisches, der Donnerstag, in zweiwöchigem Rhythmus, die Einladung zum Café. Hannelore Andrae und Inge Ruthardt arbeiten seit vielen Jahren mit, reduzierten ihre Beteiligung am Bürgertreff bereits ein wenig, gehören aber immer noch zur Seele dieser nachbarschaftlichen Einrichtung. Sie backen und sie kochen mit Begeisterung und Leidenschaft und werden, für ihr unermüdliches Engagement, im März mit dem Sozialpreis der Stadt Böblingen ausgezeichnet.
Im Jahr 2027 wird das Café Emil seinen 30. Geburtstag feiern. 28 Jahre sind dann vergangen, seitdem Hannelore Andrae begann, im Café zu arbeiten, 22, seitdem Inge Ruthardt einstieg. Gut 15 ehrenamtliche Helfer sind um das Café aktiv – die beiden Frauen jedoch sind am längsten mit dabei. Begleitet werden alle von Carola Kieß, die als hauswirtschaftliche Leiterin des Cafés zu 50 Prozent fest angestellt ist, über die Fachstelle für bürgerschaftliches Engagement der Stadt Böblingen.
„Daheimsitzen – das geht nicht.“
Hannelore Andrae und Inge Ruthardt, Café Emil
Das Café Emil entstand, obwohl 1998, nach dem Bau des Stadtteilzentrums Diezenhalde, ursprünglich der Plan bestanden hatte, die Räumlichkeit an einen kommerziellen Betreiber zu vermieten. Auf der Diezenhalde lebten zu jener Zeit eine Anzahl junger Frauen mit Familie, die den Treffpunkt gerne in eigener Regie und ehrenamtlich betreiben wollten. Auch ein Brunch existierte zeitweise in den Café-Räumen, wurde später dann aber weniger angefragt und aufgegeben.
Im Stadtteilzentrum haben eine Bibliothek, ein Jugendtreff, eine Kernzeitbetreuung ihren Platz; im Café selbst sind Sprachtreffs in Englisch und Französisch zuhause, eine Kindergruppe des Landratsamtes. Und, immer wieder freitags, strömen Menschen dorthin, um eine gute, günstige Mahlzeit einzunehmen in geselligem Kreis, oder sich mit Muse und großer Wertschätzung der fabelhaften Sahnigkeit einer Schwarzwälder Kirschtorte zu widmen.
Schwarzwälder Kirsch ist der Renner
Die Kirschtorte ist immer noch das Werk von Hannelore Andrae. Sie ist nun 85 Jahre alt und lebt selbst auf der Diezenhalde. „Ich bin in Böblingen geboren und eigentlich nie hier rausgekommen“, sagt sie, ganz ohne Bedauern. Aus dem Küchenbetrieb im Café zog sie sich schließlich zurück, um sich ganz der Torte zu widmen. Backen ist ihre Leidenschaft. „Irgendwann habe ich gesagt, ich koche nicht so gerne, ich backe lieber“ – und so kam der Kaffeenachmittag im Café Emil zum Mittagessen ebendort hinzu. Die Schwarzwälder Kirschtorte, einzig in ihrer Machart, hatte längst ihren Ruf: „Kein Konditor macht sie besser!“, lobt Inge Ruthardt die Arbeit ihrer Kollegin. „Ich habe mir das selber beigebracht“, gesteht diese, in aller Bescheidenheit.
Beim Kaffeetreff gibt es freilich mehr als die Schwarzwälder. Es gibt auch eine Maracujatorte und zwei Kuchen. Hannelore Andrae kauft ihre Zutaten selbst ein, bereitet ihre Torte zuhause zu, bringt sie an Donnerstagvormittagen dann hinüber ins Café. „Mit macht das großen Spaß“, sagt sie. „Ich mache die Torte nicht nur für die Gäste im Café, ich mache sie auch für mich selbst. Es freut mich, wenn die Leute zufrieden sind.“
Acht-Stunden-Tag für die zwei guten Seelen
Inge Ruthardt derweil wurde in Schlesien geboren, lebte einst in der DDR, wohnte in Böblingen, ehe sie nach Altdorf zog und dort 36 Jahre lang zuhause war. 1999 kehrte sie nach Böblingen zurück, wohnte heute in der Amsterdamer Straße, nicht auf der Diezenhalde also, aber viele der Gäste und Helfer im Stadtteiltreff leben nicht unmittelbar dort. Inge Ruthardt war, wie Hannelore Andrae, Besucherin eines Freizeittreffs. Sie hörte, das ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht würden, sie meldete sich: „Ich bin hergekommen, und zack war ich drin.“
Die Arbeit am Mittagessen ist zeitaufwändig. „Wir fangen früh um acht an und normalerweise dauert es bis etwa vier Uhr, bis wir mit der Küche fertig sind. Dann muss noch die Abrechnung gemacht und müssen die Einkaufslisten erstellt werden. Oft komme ich erst zwischen 18 Uhr und 18.30 Uhr heim.“ Bei der Zusammenstellung der Speisen lassen sie manchmal eine typisch schwäbische Fantasie walten und werden auch vor dem Tag des Mittagessens aktiv: „Wir haben schon Maultaschen und Bubenspitzle von zuhause mitgebracht.“ Die Zeit, die die Frauen in der Küche und bei der Organisation des Café Emil verbringen, summiert sich. Das Café ist auch in jedem Jahr beim Stadtteilfest der Diezenhalde mit dabei. Auch dies bedeutet Topf und Ofen in Aktion. Aber all das ist kein Problem. „Daheimsitzen, das geht nicht“ – das sagten sich Inge Ruthardt und Hannelore Andrae immer schon.
Mit 84 und 85 Jahren voll dabei
Hannelore Andrae arbeitete einst als Verkäuferin, Inge Ruthardt als kaufmännische Angestellte. Andrae ist nun 85 Jahre alt, hat drei Kinder und zwei Enkel, Ruthardt ist 84, hat einen Sohn und einen Enkel. Die beiden dienstältesten Damen vom Café Emil haben längst begonnen, sich bei ihren Aufgaben zurückzunehmen. Im Café Emil haben beide Nachfolgerinnen gefunden: „Die machen das ganz wunderbar.“ Auf Hannelore Andraes Schwarzwälder Kirschtorte muss aber längst noch keiner beim Kaffeetreff verzichten.