Für Flora und Fauna im Max-Eyth-See sah es selten so bedrohlich aus wie jetzt. Obwohl die Stadt schnell handelt, hat sie Schwierigkeiten, den Sauerstoffmangel in den Griff zu bekommen.
Stuttgart - „Es geht darum, den Max-Eyth-See zu retten. Die Lage ist wirklich sehr ernst“, sagt Jana Braun, eine Sprecherin der Stadt Stuttgart, zu dem jetzt zwei Tage dauernden Einsatz, an dem Feuerwehr, Tiefbau- und Naturschutzamt sowie seit Donnerstag auch die EnBW und das Technische Hilfswerk (THW) beteiligt sind. So drastische Worte waren in den letzten Monaten nicht zu vernehmen, im Gegenteil: Medienberichten zufolge hieß es, die Entwicklung des Wassers im Max-Eyth-See sei auf einem guten Weg.
Die Zwischenbilanz des Sauerstoffmangels, den die Hitzeperiode ausgelöst hat: Die Feuerwehr zieht tote Fische aus dem Wasser, zum Zählen kam sie noch nicht. Sobald es Nacht wird und die Fotosynthese aussetzt, verschlechtert sich die Situation trotz Gegenmaßnahmen wieder. Noch immer droht der See umzukippen. Das heißt, das gesamte Ökosystem ist in akuter Gefahr.
Alarmstufe rot
Seit Mittwochnachmittag herrscht im Max-Eyth-See Alarmstufe rot. Messungen des Tiefbauamts haben ergeben, dass akuter Sauerstoffmangel im Gewässer herrscht. Die Feuerwehr rückte kurz darauf aus, um tote Fische mit Booten zu bergen und lebende zu retten, gleichzeitig wurde Wasser ab- und danach wieder zurück in den See gepumpt, damit es Sauerstoff aufnehmen konnte; das permanent zur Säuberung zugeführte Wasser ist von Natur aus sauerstoffarm, da es aus einer Quelle kommt.
Die Maßnahmen waren nicht ausreichend. „Am Mittwoch mussten wir unsere Bemühungen verstärken“, so Stadtsprecherin Braun. Zusätzlich zu den Maßnahmen der städtischen Behörden pumpt die EnBW 2400 Liter Wasser pro Minute aus dem Pumpwerk Hofen in den See. Das THW hat seine Pumpen erst am Donnerstagabend in Stellung gebracht und soll weitere 4000 Liter Wasser pro Minute umwälzen. Ein Ende der Maßnahmen ist nicht in Sicht, auch Prognosen will die Stadt zum jetzigen Zeitpunkt noch keine abgeben.
Seit Jahren setzt sich der Stuttgarter Kabarettist Christoph Sonntag mit seiner Stiftung für sauberes Wasser im Max-Eyth-See ein. Er fiebert mit den Einsatzkräften vor Ort mit: „Die leisten da Nothilfe. Niemand hat die schlagartige Sauerstoffarmut kommen sehen, aber den See aufzusprudeln, ist jetzt genau richtig.“ Sonntag erinnert sich, dass die Situation zuletzt seit 2006 ähnlich bedrohlich gewesen sei und es seit 2011 keine derartigen Probleme mehr mit dem Max-Eyth-See gegeben habe. „Durch die extreme Hitze diesen Sommer passiert das gerade einigen Baggerseen“, ergänzt er.
Algen und Plankton entziehen Sauerstoff
Aufgrund der Erwärmung nimmt das Wachstum von Plankton und Algen stark zu. Das entzieht dem Wasser zeitweise den Sauerstoff. Ohne die Frischwasserzufuhr, die der Max-Eyth See seit Jahren erfährt, wäre der See „zum heutigen Tag schon tot“, betont Sonntag.
Hermann Josef Kirchholtes, Leiter der Wasserbehörde des Naturschutzamts, sieht die Entwicklung weniger optimistisch. „Wenn man sich anstrengt und Glück hat, überleben die Fische“, sagt er. Im schlimmsten Fall könnte die Entwicklung des Max-Eyth-Sees weit zurückgeworfen werden. Eine fundierte Analyse müsse aber auf Basis von gemessenen Daten erfolgen, was allerdings seine Zeit brauche. „Wir bleiben an der Sache dran“, so Kirchholtes.
400 000 Kubikmeter Wasser werden dem See jährlich zugeführt. Das ist mehr als das Volumen des Sees selbst. Seit 2010 lässt sich die Stadt die Säuberung durch Grundwasser inklusive Wartung der Anlagen 100 000 Euro pro Jahr kosten. Davor, so Christoph Sonntag, sei der Max-Eyth-See „Jahrzehnte lang eine versehentliche Kläranlage des Neckars“ gewesen. Heute wird das schmutzige Wasser wieder in den Neckar geleitet. Wenn die Helfer jetzt vor Ort die Probleme nicht in den Griff bekommen, sei das „eine Katastrophe“.
Gänse sorgen für Schlagzeilen
Ein Badesee ist der Max-Eyth-See bis heute nicht, dafür ist die Wasserqualität trotz aller Maßnahmen zu schlecht. Trotzdem wurde er mehr und mehr als Freizeitgebiet erschlossen, auch, weil es in Stuttgart keinen anderen Baggersee in solcher Stadtnähe gibt. Heute gibt es dort florierenden Bootsverleih, die Stuttgarter Jugendhaus Gesellschaft unterhält dort eine Hütte, ein Anglerverein ist dort ansässig, Seefeste werden gefeiert.
Zuletzt sorgte der Max-Eyth-See im Juli für Schlagzeilen. Einige Anrainer des Sees gaben den rund 400 Gänsen dort die Schuld, das Wasser zu verunreinigen. Das Tiefbauamt vermeldete allerdings, dass es mit der Verbesserung der Wasserqualität sehr zufrieden gewesen sei. Auch Sonntag bestätigte eine positive Entwicklung und sprach davon, dass sich die Wasserqualität stellenweise um bis zu 30 Prozent verbessert habe. Hermann Josef Kirchholtes vom Naturschutzamt hat nach den jüngsten Ereignissen eingeräumt, dass man sich bei der Stabilität des Max-Eyth-Sees damals offenbar verschätzt hatte.
Ein Bootsvermieter am See äußert schon länger seine Zweifel, ob tatsächlich 40 Liter Frischwasser pro Sekunde in den See gepumpt würden, wie von den Behörden kommuniziert. Er geht von weniger als einem Fünftel aus, die zugeführt werden.