Große Lieferengpässe in Stuttgart Kunden müssen länger auf Heizöl warten

Von Andrea Jenewein 

Die Versorgungslage mit Heizöl ist derzeit angespannt – auch in Stuttgart. Foto: dpa
Die Versorgungslage mit Heizöl ist derzeit angespannt – auch in Stuttgart. Foto: dpa

Wer seinen Heizöltank oder den Tank seines Autos füllen muss, greift derzeit tief in die Tasche. Die Preise sind hoch, die Lieferzeiten lang. Doch zumindest eines, müssen Verbraucher aus Stuttgart nicht fürchten.

Stuttgart - In roten Lettern steht es gleich zuoberst auf der Internetseite zu lesen: „Sehr geehrte Kunden, durch das anhaltende Niedrigwasser am Rhein und der daraus resultierenden schwierigen Versorgungslage im Südwesten, haben wir unsere Lieferzeiten auf sechs Wochen erhöht.“

Michael Maier, Geschäftsführer des Mineralölhandels Erwin Maier GmbH + Co. KG in Stuttgart lacht. „Zugegeben, wir haben da sicherheitshalber ein bisschen Reserve draufgegeben – aber es ist schon so, dass vier Wochen Wartezeit auf eine Heizöllieferung derzeit realistisch sind“, sagt er. Mit diesen Lieferproblemen stelle seine Firma keine Ausnahme dar: „Alle Händler südlich von Köln sind von dem Engpass betroffen“.

Ein Schiff fasst 100 bis 120 Tankwagenladungen

Doch was hat das Niedrigwasser des Rheins mit der Heizölknappheit zu tun? „Durch die große Trockenheit ist der Schiffsverkehr auf den deutschen Wasserstraßen in den letzten Monaten fast zum Erliegen gekommen“, sagt Maier. Seit geraumer Zeit gibt es deshalb größere Probleme mit der Ölversorgung. Maier veranschaulicht das Problem: „Ein Schiff fasst 100 bis 120 Tankwagenladungen“. Da die Schiffe bereits seit Monaten kaum fahren können, werden immer wieder Leerstände bei Ladestellen im Südwesten gemeldet. „Wir holen deshalb zur Zeit das Heizöl aus ganz Deutschland“, sagt Maier.

Das sieht bei der Scharr Wärme GmbH aus Stuttgart nicht viel anders aus. Der Geschäftsführer Markus König sagt, dass die Firma zwar auf ein breites Lagernetz zurückgreifen könne, man derzeit aber genauso von der angespannten Versorgungslage betroffen sei – und das Heizöl für die Kunden auf der Straße oder der Schiene aus der gesamten Republik hole. „Das ist allerdings eine Herausforderung“, sagt König.

Die weiten Wege kosten freilich Zeit – und haben Auswirkungen auf das Preisniveau: Die Preisspirale auf dem heimischen Ölmarkt schraubt sich dadurch in die Höhe – besonders im Südwesten. Der Preis ist regional sehr unterschiedlich: Während in Hamburg 100 Liter schwefelarmes Heizöl bei einer Standardlieferung (3000 Liter) 75 Euro kosten, zahlt man in Stuttgart 95 Euro. Jeder vierte Haushalt in Deutschland ist von der aktuellen Teuerung betroffen, da dort mit Heizöl geheizt wird.

Noch mehr Menschen dürften aktuell von der angespannten Lage auf dem Spritmarkt betroffen sein. Neben den hohen Preisen – in Stuttgart kostet Super E10 aktuell rund 1,60 Euro und Diesel 1,50 Euro – geraten derzeit einzelne Tankstelle bei der Spritversorgung in Schwierigkeiten. Besonders stark betroffen ist die Region Mittelrhein. Für Stuttgart gibt Stephan Zieger, Geschäftsführer des Bundesverbands freier Tankstellen (BFT), zumindest dahingehend Entwarnung: „Mir sind aus Stuttgart und der Region keine Engpässe oder gar Leerstände bekannt“, sagt er. Stuttgart beziehe die Mineralöle gewöhnlich von der Mineralölraffinerie Oberrhein (Miro) in Karlsruhe. „Und die Raffinerie arbeitet“, sagt Zieger.

Traditionell hat der Südwesten mehr Benzin als Heizöl

Warum aber müssen dann die beiden Stuttgarter Heizölhändler durch ganz Deutschland kutschieren, um an Heizöl zu kommen? „Da kommen mehrere Faktoren zusammen“, sagt Zieger. Neben der Trockenheit spielten auch die Folgen des Großbrandes im September in der Bayernoil-Raffinerie im oberbayerischen Vohburg an der Donau eine Rolle. „Dort wurden im Jahr sechs Millionen Tonnen Kraftstoff umgeschlagen, die jetzt wegfallen“. Die Vohburg-Kunden weichen in der Folge auf andere Raffinerien aus – auch auf Karlsruhe. An diesen Standorten kann es durch die Mehrzahl an Kunden zu einer Knappheit kommen. Also weichen die Kunden dieser Raffinerie wiederum aus, es entsteht eine Kettenreaktion.

Yvonne Schönemann, Pressesprecherin der Miro-Raffinerie, bestätigt, dass „die Miro läuft, und es von der Produktionsseite her keinen Engpass gibt“. Fakt sei aber auch, dass Miro traditionell immer mehr Benzin und weniger Mitteldestillat produziert als der Südwesten braucht. Um den Südwesten zu versorgen, musste also schon immer Mitteldestillat in die Region importiert werden.

Entspannung kommt nur durch Regen

„Wir haben in Deutschland gerade kein Produktions-, sondern ein Logistikproblem“, bestätigt Alexander von Gersdorff, Pressesprecher des Mineralölwirtschaftsverbands. Und von diesem sei auch die Spritbranche betroffen, so Zieger. Daher rührten auch die hohen Spritpreise. Die Tankstellenbetreiber haben dennoch einen kleinen Vorteil, denn das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat am 24. Oktober eine Verordnung über die Freigabe von Vorräten des Erdölbevorratungsverbandes veröffentlicht. Teile der strategischen Reserven des Landes wurden verteilt : 70 000 Tonnen Benzin, 150 000 Tonnen Diesel und 56 000 Tonnen Kerosin. Die Freigabe ist regional begrenzt, Baden-Württemberg wird mit Vorräten bedacht. Dennoch bleibt Sprit auch in Stuttgart teuer: „Die Freigabe kann die Situation nur abmildern, aber nicht beseitigen“, sagt von Gersdorff. Zur Einordnung: In Deutschland werden pro Monat etwa 2,5 Millionen Tonnen Diesel abgesetzt.

Heizöl ist nicht in der Verordnung enthalten, es wird weiterhin zu Versorgungsengpässen kommen. Beide Stuttgarter Händler betonen aber, dass sie „niemanden im Kalten sitzen lassen“. Entspannung aber gibt es erst, wenn Regen fällt. Bis dahin kann noch viel Niedrigwasser den Rhein hinabfließen.

Die Spritpreise

Laut Verbraucherinformationsdienst clever-tanken.de stiegen im Oktober die Preise für Super E10 den siebten Monat, die Preise für Diesel den dritten Monat in Folge.

So kostete ein Liter Super E10 im bundesweiten Schnitt mit rund 1,5072 Euro so viel wie in keinem anderen Monat 2018. Zuletzt teurer war Super E10 vor knapp vier Jahren im September 2014 mit 1,5107 Euro. Gegenüber dem Vormonat stieg der Literpreis um rund 1 Cent und gegenüber dem Vorjahresmonat um rund 19 Cent.

Auch die Preise für Diesel waren im Oktober so teuer wie in bisher keinem anderen Monat 2018. Ein Liter Diesel kostete durchschnittlich 1,3812 Euro. Das waren 5 Cent mehr als im Vormonat und 23 Cent mehr als im Vorjahresmonat. Zuletzt teurer war der Diesel im Dezember 2013 mit 1,3869 Euro pro Liter.

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