Kuscheln mit der gesunden Tochter: Julia Jentsch als Frau vor einer schweren Entscheidung in „24 Wochen“ Foto: Berlinale

Wie umgehen mit dem Flüchtlingssterben auf dem Mittelmeer? Wie mit einem Ungeborenen, das kaum Aussicht auf ein erfülltes Leben hat? Diese Fragen haben am Wochenende den Berlinale-Wettbewerb dominiert.

Berlin - Hollywood-Star Tim Robbins („Mystic ­River“) ist am Samstag mit der Berlinale-Kamera ausgezeichnet worden, dem Preis für all jene, die dem Festival eng verbunden sind. Seine Regiearbeit „Dead Man Walking“ (1995) wurde noch einmal gezeigt, eine Audienz bei der Bundeskanzlerin bekam er aber nicht – anders als George Clooney.

Der lobte sogar auf dem Roten Teppich Angela Merkels Flüchtlingspolitik und steht im Ruf, von US-Präsident Barrack Obama gehört zu werden. Eine Stunde widmete die Kanzlerin Clooney und seiner Frau Amal (38), die sich als Anwältin auch für Flüchtlinge engagiert. Vielleicht aber wollte die Kanzlerin einfach ausnahmsweise Dienstzeit mit einem charmanten Mann verbringen, der wirklich helfen möchte.

Eigentlich müsste sie auch den Italiener Gianfranco Rosi einladen. Er nimmt in seiner Dokumentation „Fuocoammare“ die Mittelmeerinsel Lampedusa unter die Lupe, die seit Jahren Massen aus dem Meer gefischter Flüchtlinge beherbergt. „Jeder Mensch, der sich als solcher bezeichnet, hat die Pflicht, diesen Leuten zu helfen“, sagt der Inselarzt – inhaltlich ganz dicht bei Merkel.

Ganz ruhig stellt Rosi das Leben der Insulaner dem dramatischen Leiden und Sterben auf See gegenüber

Lang anhaltenden Applaus bekam Rosi bei der Pressekonferenz für seinen berührenden Beitrag, mit dem das Festivals einmal mehr seinem Ruf gerecht wird, politischer zu sein als andere. Eigentlich wollte er nur einen Kurzfilm drehen, „um der Welt zu zeigen, was da los ist, aber ich habe gemerkt: Das geht nicht“, erzählt der Regisseur. Viele Monate hat er auf Lampedusa verbracht – „ich muss tief eintauchen, mich einlassen“.

Ganz ruhig stellt er das Leben der Insulaner dem dramatischen Leiden und Sterben auf See gegenüber. Er folgt dem halbwüchsigen Samuele, einem pfiffigen Kind, das eine Schleuder baut, sein träges Auge trainieren muss und auf dem Bootssteg seinen Magen gegen die Seekrankheit – sonst kann er nicht Fischer werden wie sein Vater. Die Familie hat Rosi hereingelassen, das Vertrauen ist in jeder Einstellung zu spüren.

Dazwischen die Seenotretter mit Schutzanzügen und Gummihandschuhen, die Menschen aus schrottreifen Barkassen bergen, in denen sich unter Deck die Leichen stapeln: Hunderte, die sich die teure Passage oben nicht leisten können, verenden dicht gedrängt im Frachtraum. So schockierend nah war das selten zu sehen. Doch Rosi lässt auch die Überlebenden zu Wort kommen und zeigt ein improvisiertes Fußballspiel zwischen Syrien und Eritrea.

„Wir tragen alle Verantwortung“

Immer wieder tritt der Arzt Pietro Bartolo auf, der sich rührend um Schwangere kümmert, aber auch Leichen obduzieren muss. Er ist mit nach Berlin gekommen, spricht über tote Kinder und vergewaltigte Frauen. „Es tut mir weh, darüber zu reden“, sagt er, „aber ich tue es, weil ich hoffe, dass dieser Film die Welt sensibilisieren kann. Mauern werden uns nicht helfen. Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir positive Verhältnisse in den Herkunftsländern schaffen.“

Eine besondere Rolle hat im Film der lokale Radiosender. Er spielt Sehnsuchtsmelodien spielt für die Bewohner dieser kleinen Insel, die jahrelang eine schwere Last geschultert hat, während Europa es sehenden Auges versäumt hat, ein funktionierendes System für den Umgang mit Flüchtlingen aufzubauen. Rosi indes wertet nicht – er bildet nur ab, und das macht seinen Film stark. „Ich möchte eine Tragödie zu zeigen, die sich vor unseren Augen abspielt, und ich glaube, dass wir alle Verantwortung tragen“, sagt er.

Vor 15 Jahren lief zuletzt ein Studentenfilm als einziger deutscher Wettbewerbsbeitrag in Berlin, nun kommt er von einer Absolventin der Ludwigsburger Filmakademie. Und Anne Zohra Berrached, 1982 geboren in Erfurt mit algerischstämmigem Vater, hat mit „24 Wochen“ nicht nur einen starken Film gemacht, sondern vertritt diesen auch mit Verve und zauberhaftem Lächeln.

Ein schmerzhafter Prozess

Astrid, erfolgreiche TV-Komödiantin, glücklich mit Freund und Manager Marcus und der gemeinsamen Tochter Nele, ist wieder schwanger. Der erste Schock: Das Kind hat Trisomie 21. Gerade haben sie sich für ein Kind mit Down-Syndrom entscheiden, da erfahren sie: Das Baby ist schwer herzkrank.

Ohne Ausflüchte zwingt Berrached Protagonisten und Zuschauer durch den gesamten schmerzhaften Prozess: Das Kind trotzdem bekommen oder im sechsten Monat abtreiben? Julia Jentsch („Die fetten Jahre sind vorbei“) und Bjarne Mädel („Der Tatort-Reiniger“) spielen den Konflikt in allen Facetten bis zum bitteren Ende durch, der Konflikt wirkt echt, kein Satz aufgesagt. Sogar Bilder hat Berrached gefunden: Astrid macht durch die Finger Realitätsausschnitte, die Kamera im Fruchtwasser zeigt Details des Ungeborenen ganz aus der Nähe.

Das Fachpersonal – Ärzte, Hebammen, ­Berater – sind echt, und nicht nur das erinnert an Andreas Dresen, der in „Halt auf freier Strecke“ (2011) einen Tumorpatienten bis zum Schluss begleitet hat. Auch bei Berrached wirkt alles ungekünstelt und direkt aus dem Leben gegriffen. „Fiktion und Realität sollten verschmelzen“, sagt die Regisseurin vor der Presse. „Oft haben wir Szenen einmal nach Drehbuch gespielt und einmal offen.“

„90 Prozent der Frauen in Deutschland treiben ab, sobald sie von einer Fehlbildung wissen.“

Wie sie auf das Thema gekommen ist? Ich habe selbst ein Kind abgetrieben vor dem dritten. Monat“, gesteht Berrached. „Ich weiß, wie alt das Kind wäre, wann es Geburtstag hätte. Wie muss das erst in höheren Monaten sein? Dann ist das ja ein fertiger Mensch!“ Entscheidend waren aber Statistiken: „90 Prozent der Frauen in Deutschland treiben ab, sobald sie von einer Fehlbildung wissen. Und je tiefer ich eingedrungen bin, desto klarer wurde mir, wie extrem die Situation ist: Man hat wenig Zeit, das Kind wächst, es gibt kein richtig oder falsch.“

Bjarne Mädel war sofort Feuer und Flamme: „Ich habe das Buch bekommen und keine Sekunde gezögert“, sagt er. „Es ist toll, dass ich mal zeigen kann, dass ich auch ernst sein kann.“ Julia Jentsch, 2005 für ihre Rolle in „Sophie Scholl“ mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet und inzwischen selbst Mutter, hatte Skrupel: „Das Buch hat mich sehr bewegt“, sagt sie, „aber ich war mir nicht sicher, ob ich mich mit diesem heftigen Thema wirklich länger beschäftigen wollte.“

Sie hat es getan. Zum Glück. Sonst wäre Deutschland jetzt vielleicht nicht mit einem so starken Film im Rennen um die Bären.