Dieser Modellbausatz der Firma Revell ist besorgten Bürgern ein Dorn im Auge. Foto: Revell

Längst ist diese schräge Idee in der Popkultur angekommen: dass Ufos in Wirklichkeit Wunderwaffen der Nazis sind. Der Plastikbausatz einer solchen „Reichsflugscheibe“ löst nun Besorgnis bei Jugendschützern aus. Da kann man nur staunen.

Bünde - Sind amerikanische Astronauten wirklich einmal auf dem Mond gelandet? Es gibt Menschen, die das bezweifeln. Sie halten das ganze Apollo-Programm für eine Regierungsintrige, für Fake-News, inszeniert in einem TV-Studio. Es gibt aber auch Verwirrte, die überzeugt sind, auf der erdabgewandten Seite unseres Trabanten bestehe das Dritte Reich fort und arbeite mit Hochtechnologie daran, doch noch tausendjährig zu werden. Gegen Kriegsende soll sich die Elite der Nazis mit den wunderbarsten der Wunderwaffen, den Reichsflugscheiben, auf den Mond zurückgezogen haben. Aufklärungsflüge der lunaren Luftwaffe zurück zur Erde seien seitdem der Kern der vielen Ufo-Sichtungen.

Andere braune Esoteriker glauben hingegen, eine Supertruppe der Nazis sei durch ein Tor am Nordpol ins Innere der in Wahrheit hohlen Erde eingerückt, von wo aus die Reichsflugscheiben – von Insidern des Irrsinns fachkundig auch „Hauneburg-Gerät“ oder kurz „Haunebu“ genannt – aufsteigen, um unsere marode Oberwelt im Auge zu behalten. Diese Spinnerei ist allmählich in die Popkultur eingesickert, und im Jahr 2012 hat der finnisch-deutsch-österreichische Kinofilm „Iron Sky“ mit Udo Kier den Quatsch in schräge, wenn auch nicht restlos überzeugende Bilder gebracht.

Vorsicht, braunes Bastelzeug

Weil man im Ausland schon länger Plastikbaumodelle der Reichsflugscheiben kaufen kann, hat auch die im nordrhein-westfälischen Bünde ansässige Firma Revell, die sonst Kriegs- und Zivilgerät aller Art zum Leimen und Anmalen anbietet, eine „Haunebu II“ im Maßstab 1:72 (69 Teile, Klebstoff und Farbe im Set nicht enthalten) ins Programm genommen. Und plötzlich ist die Aufregung groß.

Der deutsche Kinderschutzbund fürchtet eine Ideologisierung der Kinderzimmer. Der Dortmunder Politikwissenschaftler Dierk Borstel mahnt, Kinder könnten mit dem Bastelzeug auf rechtsextreme Verschwörungstheorien hingelenkt werden. Und der Historiker Jens Wehner vom Militärhistorischen Museum in Dresden grollt gegenüber dem NDR, es sei nicht akzeptabel, dem NS-Regime Fähigkeiten zuzuschreiben, die es nach dem Stand der Wissenschaften nie gehabt habe.

Problematisch sind ganz andere Modelle

Nun landen allerdings seit Jahr und Tag Modelle der echten Waffen des Dritten Reichs, die einst reales Unheil schufen, in Kinderzimmern: Panzer, Flugzeuge, Schlachtschiffe. Und bei ganz seriösen Internethändlern wie Amazon kann man problemlos Schundromanserien kaufen, die mit bedenklichem Zungenschlag von rechtschaffenen Nazis in der Hohlerde erzählen – oder von einer alternativen Geschichtslinie, in der eine tapfere Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg im Felde unbesiegt bleibt.

Die Reichsflugscheibe dürfte da keine besondere Gefahr mehr darstellen. Allenfalls für gestiefelte Glatzen. Denn die „Haunebu“ könnte Kinder und Jugendliche weit eher als ein Ju-88-Bomber oder ein Tiger-Panzer aus Plastik mit den nazifeindlichen Konzepten der Ironie und der Groteske vertraut machen.

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