Martin Elsaesser wird für seine Kirchenbauten gerühmt – und natürlich für die Markthalle in Stuttgart. Der 1884 in Tübingen geborene und 1957 in Stuttgart gestorbene Baumeister hat außerdem neben Bauhaus-Architekten wie Mart Stam an großen Stadtplanungsprojekten mitgewirkt, bedeutende Bauten in Frankfurt und Ankara geschaffen. Foto: Imago/Arnulf Hettrich

Gaisburger Kirche,Wagenburgschule und Markthalle in Stuttgart, Stadtplanungsprojekte in Frankfurt, eine Bank in Ankara: Was Stadtplaner und Architekten von dem Baumeister Martin Elsaesser lernen könnten.

Stuttgart - Das ist mal eine Geste – ein Gebäude wie eine einladende Handbewegung: Schaut her, so schön kann ein Schwung in Stein aussehen. Eben so wie die Sümer-Bank in Ankara. Es sei „eines der schönsten Gebäude“, die in dieser Zeit entstanden, als Ankara sich als Hauptstadt der Türkei etablierte, heißt es in einem Artikel des Goethe-Instituts.

 

Zur Abwechslung ein Tempel fürs Geld von dem Mann, der mit Kirchenbauten bekannt geworden war. Die 1938 fertiggestellte Bank stammt aus einer Zeit, in der Elsaesser, 1884 als Sohn eines Theologen in Tübingen geboren, in Deutschland nicht bauen konnte. Während der NS-Zeit hatte der Architekt wenig bis nichts zu schaffen.

1946 ging der damals 62-Jährige, der die Kriegsjahre in München und Berlin verbracht hatte, nach Stuttgart, wo er studiert hatte, war mit Wiederaufbauten beschäftigt und folgte einem Ruf an die TU München als Professor für Baukunst. 1957, wenige Jahre nach seiner Emeritierung, starb er 73-jährig in Stuttgart.

Kirche in Baden-Baden

Die früh begonnene, steile Karriere hatte durch die Nazis ein jähes Ende erfahren. Noch bevor er sein Examen gemacht hatte, gewann er 1905 einen Wettbewerb – den um die Lutherkirche in Baden-Baden. Es war das erste Bauwerk des gerade mal 21-Jährigen. Ein Alter, in dem andere gerade mal mit ihrem Studium anfangen. Nach dem Studium wurde er Assistent von Hauptbahnhof-Architekt Paul Bonatz. 1913 erhielt er eine Professur an der TU Stuttgart.

Über die Schwierigkeit, eine zeitgemäße Kirche zu bauen, schreibt Elsaesser später, die Haltung schwanke „zwischen unwahrer historischer Pathetik und Theatralik und ebenso unechter Anpassung an ,moderne‘ Sachlichkeit, die nur zu leicht das Gepräge der Kino-Architektur annimmt“.

Die Verschmelzung „von sachlichem Ernst und konstruktiver Ehrlichkeit mit sakraler Würde und religiöser Ausdrucksfähigkeit zu einer ,heiligen Nüchternheit‘, wie sie dem Wesen der evangelischen Kirche eigentlich entspräche, gelingt nur selten“, so Elsaesser, nachzulesen in Matthias Matzaks im Wasmuth-Verlag erschienenen Fotobuch „Das Neue Frankfurt“.

Gaisburger Kirche als Zeugnis des Protestantismus“

Bemüht um diese Verschmelzung war Elsaesser auch bei der Kirche in Gaisburg im Stuttgarter Osten. Baubeginn war vor 110 Jahren. Elsaesser hatte sich mit seinem Entwurf durchgesetzt – ebenso wie mit seinen Plänen für die Markthalle. Elsaessers Chef Bonatz schaffte es in dem Wettbewerb nur auf Rang zwei. 1913, ein Jahr vor der Markthalle, wurde das Gotteshaus eingeweiht.

Weithin sichtbar „als monumentales Zeugnis des Protestantismus“ auf einem Hügel sollte es stehen, damit die Leute das Beten nicht vergessen „im politisch roten, damit überwiegend antikirchlichen Stuttgarter Osten“, wie es auf der Webseite der Kirchengemeinde heißt.

Die Kirche als Orientierungspunkt, auch stadtplanerisch, das sei Martin Elsaessers Credo, sagt Konrad Elsaesser, Großneffe des Architekten und Vorsitzender der Martin-Elsaesser-Siftung: „Er stand für die Idee ein, dass in Städten Kirchen, eine Burg oder ein Schloss im Zentrum stehen und herausragen, eine Stadtkrone bilden.“ Die exponierte Lage wurde dem Gebäude im Zweiten Weltkrieg zum Verhängnis. So gut sichtbar, so gut bombardierbar war es eben auch. Längst ist die Kirche restauriert, finden wieder Gottesdienste und Konzerte statt.

Die Markthalle in Stuttgart als „Tempel“ für den Handel

Die Kirche ist für Architekturinteressierte eine Sehenswürdigkeit ebenso wie die Markthalle in Stuttgart. Die hatte den Zweiten Weltkrieg überlebt (mit Schäden), stand aber in den 1970ern vor dem Abriss. „Es gab“, heißt es in einer Schrift der Stiftung Denkmalschutz Baden-Württemberg zu Ehren der Markthalle, „für Bauwerke aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg keine nennenswerten Sensibilitäten („alde Käschda“).

Eine „Wirtschaftlichkeitsprüfung“ plädierte um 1970 für Abriss und Neuaufbau. Es erhob sich ein Proteststurm, die Stuttgarter Bevölkerung setzte sich für den Erhalt ein. Und seit 1974 steht der Bau unter Denkmalschutz.

Er verbindet Tradition und Moderne. Die Sichtbetonbinder erinnern erst einmal an eine Industriehalle, „allerdings in der archaischen Form einer dreischiffigen Basilika (...). In diesen drei Schiffen haben die Händler ihre Stände – wie in einem vorchristlichen Tempel!“, wie es bei der Denkmalstiftung heißt.

Außen nimmt das Gebäude historische Bezüge zu umliegenden Bauten auf. Fassadenmalereien von Franz Heinrich Gref und Gustav Rümelin zeigen, wer drinnen schafft und wessen Waren zu kaufen sind (die von Bauern, Winzer, Jäger), der Turm grüßt den des Alten Schlosses, der Kolonnadengang an der Nordseite (die zur Stiftskirche führt) hat etwas Sakrales.

Stadtplanung in Frankfurt

Martin Elsaessers Doppelwohnhaus in der Bopserwaldstraße von 1910 wird auf der Denkmalschutzliste unter „Landhausstil“ geführt. Seine 1925 entstandene Villa in Frankfurt verfügt über ein – wie auch im Bauhaus geschätztes – Flachdach und klare Linien. Mit Klinker und Sprossenfenstern wirkt sie gleichwohl leicht trutzig und expressionistisch.

Mit seinen Bauten hatte Elsaesser überregional für Aufsehen gesorgt. Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer lockte Elsaesser mit Frau und den fünf Kindern 1920 als Leiter der Kunstgewerbeschule nach Köln. Fünf Jahre später wurde er von Frankfurts Oberbürgermeister Ludwig Landmann abgeworben für das Programm, mit dem Frankfurt am Main städteplanerisch umgekrempelt werden sollte.

Der vom Bauhaus begeisterte Stadtbaurat und Architekt Ernst May war der Kopf des „Neuen Frankfurt“. Er und auch der Bauhaus-Architekt Mart Stam, der in Frankfurt baute, plädierten für funktionales Wohnen jenseits protzigen Repräsentationsgebarens.

Meisterliche Großmarkthalle

Damals konnten Familien in Zeiten knappen Wohnraums mit 50 Quadratmetern auskommen. Das scheint heute mit einer durchschnittlichen Pro-Kopf-Quadratmeter-Zahl, die kaum darunter liegt, schwer vorstellbar. Derlei Zahlen lassen nachdenklich werden: Braucht ein Mensch 50 Quadratmeter, um gut leben zu können? In diesen Größenordnungen realisierte der von May geleitete städtische Wohnungsbau aber über 12 000 Wohnungen innerhalb von fünf Jahren.

Martin Elsaesser war weniger im Siedlungsbau aktiv, er entwarf bis 1932 viele öffentliche Gebäude, Schulen, Kirchen, Schwimmbäder, die sogleich als Meisterwerk gerühmte Großmarkthalle. Er plädierte dafür, nicht nur – wie es heute oft noch geschieht– so kostengünstig wie möglich zu bauen: „trotz schärfster Betonung der praktischen, wirtschaftlichen Forderungen auch die formal-ästhetischen Elemente“ zu beachten.

Seine lichtdurchflutete, stilistisch klare und schlichte Klinik für Gemüts- und Nervenkranke in Frankfurt setzte Standards in Sachen menschenwürdiger Behandlung. Zur Recherche unternahm Elsaesser mit dem Klinikchef Karl Kleist Dienstreisen zu anderen Kliniken.

Klinik im Stil der Neuen Sachlichkeit

In nur 15 Monaten Bauzeit entstand 1930 ein Krankenhaus mit Gärten, Spiel- und Sportplätzen, Hörsaal, Therapieeinrichtungen, Wohnraum für Personal. Wie in Jörg Schillings „Bauheft 10“ (schaff-verlag.de) zu lesen, lobte Klinikchef Kleist den Architekten, „dessen Fantasie bei zahllosen Schwierigkeiten immer wieder neue Lösungen fand“.

Auf dem Campus steht auch eine Direktorenvilla im Stil der Neuen Sachlichkeit. Im Zuge der Sanierung des Geländes gab es Diskussionen um deren Nutzung. Ein Ort für Tiergehirne oder, wie Architekten und die Elsaesser-Stiftung wünschten, ein Museum, welches das Neue Bauen in Frankfurt dokumentiert. Konrad Elsaesser: „Dass die Villa leer steht, ist sehr bedauerlich. Ich hoffe, dass wir im Zuge der weiteren Sanierungen mit dem Thema vorankommen.“

Das wiederum wäre vielleicht auch deshalb eine gute Idee, da heute die Wohnprobleme ähnlich virulent sind wie damals. Hier könnte manch ein Stadtplanungsgremium, nicht nur in Frankfurt, sondern auch in Stuttgart, auf gute Ideen für bezahlbaren Wohnraum kommen.

Lesen Sie hier auch: Porträt des Karlsruher Kirchenbau-Architekten und Bauhaus-Mitbegründers Otto Barting

Lesetipps zu Martin Elsaesser

Im Wasmuth & Verlag (www-wasmuth-verlga.de) erschienen sind diese Bücher über den Architekten: Elisabeth Spitzbart, Jörg Schilling: Martin Elsaesser und das Neue Frankfurt.Und: Christina Gräwe, Jörg Schilling, Peter Cachola Schmal, Thomas Elsaesser: Martin Elsaesser: Kirchenbauten, Pfarr- und Gemeindehäuser.

Im Niggli-Verlag ist erschienen: Martin Elsaesser: Schriften (Hg.: Bücher zur Stadtbaukunst/Jörg Schilling).