Der Baggerbiss hat viele erzürnt. Die Veranstalter rechnen mit einer starken Beteiligung bei der Demo am Freitag. Foto: dpa

Nach Baggerbiss am Nordflügel erwarten S 21-Gegner bis zu 50.000 Demonstranten.

Stuttgart  - Nach dem Baggerbiss am Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs erwarten die Stuttgart-21-Gegner am Freitag bis zu 50 000 Demonstranten. „Die Leute sind erzürnt darüber, dass das Projekt nun mit allen Mitteln vorangetrieben werden soll“, sagte einer der Organisatoren. Nach einer Kundgebung vor dem Bahnhof sei ein Marsch zum Landtag geplant, um den entlang der Bannmeile eine Menschenkette gebildet werden soll. Das Motto lautet: „Sie brechen ab - wir brechen auf - Weg mit Stuttgart 21“.

Am Donnerstag waren die Abrissarbeiten bis zum Nachmittag blockiert, weil tags zuvor sieben Demonstranten das Dach des Nordflügels besetzt hatten. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei führte die Aktivisten am Nachmittag schließlich ab und der Bagger kam einige Stunden zum Einsatz. Gerüchte, dass die Rückwand des Gebäudes auf die dahinter liegenden Gleise zu fallen drohe und deshalb für diesen Freitag ein Baustopp verhängt worden sei, bestätigte Projekt- Sprecher Wolfgang Drexler nicht. Möglicherweise werde der Bagger nicht eingesetzt, weil der Schutt weggebracht und die Entkernung fortgesetzt werden müssten. Dies geschehe aber nach dem Plan der Bauherrin Bahn.

Jusos legen Drexler Rücktritt nahe

Die Jusos legten Drexler den Rücktritt von seiner Position als Galionsfigur des umstrittenen Vorhabens nahe: Drexler habe seine Ziele, den Menschen die Angst vor dem Projekt zu nehmen, nicht erfüllt, monierte die SPD-Jugendorganisation. Durch einen Rücktritt vom Sprecheramt mache der SPD-Landtagsabgeordnete den Weg frei für eine differenzierte Haltung seiner Partei. „Die SPD-Spitze muss endlich anerkennen, dass in der SPD über das Projekt kontrovers diskutiert wird, so wie es sich für eine Volkspartei auch gehört.“ Drexlers Rücktritt sei umso dringlicher, als nicht einmal Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) für das Projekt kämpfe.

Strobl: Protest radikalisiert sich

Unterdessen mehren sich die Stimmen gegen die Proteste: Die baden- württembergische CDU/FDP-Landesregierung sieht mit der Besetzung und der zeitweisen Blockade des Verkehrs in der Innenstadt die Grenze des Zumutbaren überschritten. „Das hat nichts mehr mit demokratischem Protest zu tun“, wetterte Landesinnenminister Heribert Rech (CDU) am Donnerstag. CDU-Generalsekretär Thomas Strobl sieht eine Radikalisierung des Protests, weil die Projektgegner mit ihren Straßenblockaden die Bevölkerung „in Geiselhaft“ nähmen. Wenn wie am Mittwochabend bei der Demonstration Flaschen und Eier flögen und Rettungskräfte bedrängt würden, dann habe das mit dem demokratischen Recht auf freie Meinungsäußerung nichts mehr zu tun. Grünen-Landeschefin Silke Krebs entgegnete: „Augen zu und durch ist keine kluge Politik.“ Projektgegner sehen sich von den Bauherren getäuscht. Vor wenigen Wochen habe Projektsprecher Drexler ein stückweises Abtragen einzelner Steine angekündigt. Der Abrissbagger habe jedoch mit „brachialer Gewalt“ die Fassade zertrümmert, „weil man in möglichst kurzer Zeit Fakten schaffen wollte“, erklärte das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21.

Handel beklagt Umsatzeinbußen

Der Handel in der Stuttgarter Innenstadt hat sich über die Auswirkungen der Proteste gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 beklagt. Geschäfte hätten Umsatzausfälle von bis zu 80 Prozent zu verzeichnen, weil Kunden wegen der Verkehrsblockaden nicht in die Innenstadt gekommen seien, teilten mehrere Verbände mit. Geschäftliche und private Termine könnten nicht eingehalten werden. So hätten verzweifelte Mütter ihre am Treffpunkt wartenden kleinen Kinder nicht rechtzeitig abholen können, alte kranke Menschen seien unversorgt geblieben oder hätten wichtige Arzttermine nicht wahrnehmen können. Bei dem 4,1 Milliarden Euro teuren Projekt Stuttgart 21 wird der Kopfbahnhof in eine unterirdische Durchgangsstation umgewandelt. Diese soll mit einem Tunnel an den Landesflughafen und an die Schnellbahnstrecke nach Ulm angebunden werden.

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