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Eines der ärmsten Gebiete des Königreichs wird zu einem Wirtschaftszentrum ausgebaut.

London - Der "Wilde Osten" der britischen Hauptstadt steht vor einem monumentalen Strukturwandel: Über 40.000 Bauarbeiter sind derzeit in den Stadtvierteln Hackney und Newham im Einsatz, wo Spielstätten für Olympia 2012 entstehen. Ganz nebenbei soll aus der ärmsten Region des Landes ein Boom-Standort werden.

Jean Jeffrey ist nicht der Typ, den man mit Visionen beeindrucken könnte. Die Angestellte der Stadtverwaltung stammt aus dem ruppigen Londoner East End, wo man schneller auf den Punkt kommt als anderswo im Land: "Wir haben uns natürlich gefragt, was wir von den Olympischen Spielen haben, also was das Erbe für unser Viertel sein soll." Mittlerweile ist Jeffrey ganz zufrieden und nimmt Besucher gern mit in die Dachetage eines riesigen Sozialbaus: Von hier hat sie den besten Ausblick über das, was man schon jetzt getrost als Vorschuss aufs Olympia-Erbe bezeichnen könnte - ein Viertel im Mega-Umbau.

Newham und Hackney stehen für die derzeit größte urbane Umgestaltung in Europa. Auf einem Drittel der Fläche Manhattans entstehen für 30 Milliarden Euro Zehntausende neue Wohnungen, werden vergiftete Kanäle saniert, öffnen neue Bahnhöfe, moderne S-Bahn-Linien und Einkaufstempel. Die Sportstätten für Olympia 2012 - alle bereits kurz vor der Fertigstellung - wirken dagegen fast wie Beiwerk.

Das East End war jahrzehntelang verwahrlost, nach dem Zweiten Weltkrieg verirrte sich kaum jemand aus dem Westen der Stadt in das heruntergekommene Areal. 200.000 Jobs gab es hier noch zur Blütezeit der britischen Häfen, doch als die Schifffahrt an Bedeutung verlor, gingen auch die Arbeitsplätze die Themse runter. Die Bombardierung im Krieg tat ihr Übriges. Zwischen dem boomenden Zentrum der Hauptstadt und dem Brachland aus verlassenen Rangierbahnhöfen und abgesperrtem Niemandsland herrschte alsbald eine riesige Kluft. Das East End war schlecht angebunden und hatte außer Tristesse nicht viel zu bieten. Hier wohnt auch heute nur, wer sich nichts anderes leisten kann: 70 Prozent der Menschen in Newham stammen nicht aus Großbritannien, das Viertel kämpft mit den höchsten Arbeitslosenraten im Land. Selbst gestorben wird hier früher: Sieben Jahre liegen zwischen der Lebenserwartung in Westminster und der in Stratford.

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