Ein Bild des Pleidelsheimer Ochsen um das Jahr 1930 aus dem Heimatbuch der Gemeinde Pleidelsheim – und der Schutthaufen 2026. Foto: Oliver von Schaewen

In der Nacht auf Sonntag gingen in Pleidelsheim 400 Jahre Dorfgeschichte in Flammen auf. Die erstaunlichsten Fakten zum Gebäude – von tragischen Todesfällen bis zu Friedrich Schiller.

Die Bürger von Pleidelsheim sind noch immer geschockt vom Brand und dem anschließenden Abriss des historischen Gasthauses „Ochsen“ mitten im Ort. „Mein Herz blutet“, kommentierte Bürgermeisterin Sabrina Lee den Verlust des ortsbildprägenden Gebäudes.

 

„Das war nicht irgendein Gebäude. Jeder in Pleidelsheim kennt den ehemaligen Ochsen“, sagte Feuerwehrkommandant Timo Günther. Und eine Passantin brachte die Stimmung am Montag auf den Punkt: „So ein Haus gibt es hier nicht wieder.“

Doch was machte dieses Gebäude eigentlich so besonders, dass sein Verlust solche Emotionen auslöst? Der Ochsen war über Jahrhunderte vieles zugleich: Blickfang im Ortskern, Treffpunkt für Gäste und Einheimische, Wohnhaus – und vor allem ein Gebäude mit einer außergewöhnlich bewegten Geschichte. Gerade diese fast 400 Jahre voller Ereignisse machen den Ochsen zu etwas Einzigartigem.

Das wohl letzte Bild des historischen Gemäuers: Der Ochsen kurz vor dem Abriss am Sonntag. Foto: Simon Granville

1. Der Anfang

Laut dem Pleidelsheimer Heimatbuch wurde der Ochsen im Jahr 1614 im Stil einer fränkischen Hofanlage fertiggestellt. Das Gebäude war als Gasthaus und Metzgerei gedacht und richtete sich an Reisende, die zwischen dem Neckartal und dem Bottwartal unterwegs waren. Erbauer und erster Betreiber war Hans Meier aus Steinheim an der Murr. Der gelernte Metzger richtete im Gebäude sowohl eine Gaststube als auch eine Metzgerei ein.

An der Nordseite des Hauses ließ Meier einen Schlussstein mit dem Metzgereiwappen einmeißeln – zu sehen waren darauf ein Steinkeil, ein Schlachtbeil und ein Schlegel. Neun Jahre später erweiterte Meier das Anwesen: Er baute einen Hof und einen Stall dazu. Der Hof befand sich dort, wo bis zuletzt die Terrasse der Pizzeria lag. An der Stelle der damaligen Scheune steht heute das Hotel am Schillerplatz.

Ein Aquarell des Gasthauses zum Ochsen von 1908 aus dem Heimatbuch der Gemeinde Pleidelsheim. Foto: Gemeinde Pleidelsheim

2. Harte Schicksalsschläge

Die frühe Geschichte des Ochsen ist laut den Aufzeichnungen des Heimatbuches zugleich eine Geschichte von Leid und Tod. Nur zwölf Jahre nach der Eröffnung traf die Pest Pleidelsheim schwer. Im Jahr 1626 starben vier Mitglieder der Familie Meier: Hans Meiers Frau Anna, sein Sohn und frisch eingesetzter Chefwirt Veit Maier sowie die Töchter Barbara und Susanne. Sie gehörten zu insgesamt 235 Pestopfern, die das Dorf allein in diesem Jahr beklagen musste.

Bereits 1627 heiratete Hans Meier erneut – die Witwe Anna Reichardt. Doch nur wenige Jahre später folgte die nächste Katastrophe. Nach der Schlacht bei Nördlingen im Dreißigjährigen Krieg zogen kaiserlich-bayerisch-spanische Truppen der katholischen Siegerseite mordend und plündernd durch die Region. Hans Meier und seine zweite Frau überlebten diese Zeit der Gewalt und Anarchie nicht. Wie genau sie ums Leben kamen, ist unklar.

Von der Familie überstand nur eine Person die frühen Jahre des Ochsen: Catharina, die Witwe des an der Pest gestorbenen Veit Maier. Sie hielt das Gasthaus in dieser Zeit am Leben.

So sah der Ochsen zuletzt aus. Foto: Werner Kuhnle

3. Der Ochsen und Friedrich Schiller

In den Jahren nach der Pest heiratete Catharina erneut. Gemeinsam mit ihrem neuen Mann Johann Melchior führte sie den Ochsen weiter. Das Paar bekam zwei Söhne: Hans Adam und Johann. Vor allem der jüngere Johann sollte später Geschichte schreiben. Denn Johann und seine Frau Maria Barbara sind laut Pleidelsheimer Heimatbuch die Urgroßeltern eines der bekanntesten Dichter der deutschen Literatur – des in Marbach geborenen Friedrich Schiller.

4. Ruhigere Jahre

Im 18. Jahrhundert wurde es um den Ochsen deutlich ruhiger. Ein Familienwirt folgte auf den nächsten. Manche führten das Gasthaus unauffällig weiter, andere traten stärker in Erscheinung – nicht immer zum Guten.

Da war zum Beispiel Ochsenwirt Christian Ludwig Eckart. Um 1740 ließ er das Gasthaus und die Metzgerei deutlich vergrößern, baute die Geschäfte aus und brachte seine Familie zu einigem Wohlstand.

Ganz anders fiel das Bild bei Georg Adam Häußermann aus. Ende des 18. Jahrhunderts musste er sich mehrfach vor dem Dorfgericht verantworten – wegen Schlägereien und Körperverletzungen.

5. Das Ende einer Ära

Zwar sind auch die weiteren Wirte des 19. und 20. Jahrhunderts bekannt, außergewöhnliche Ereignisse sind für diese Zeit jedoch kaum überliefert.

Im Jahr 1992 endete schließlich eine über Jahrhunderte andauernde Familientradition. Das Gasthaus und die dazugehörigen Gebäude wurden verkauft – und damit ging eine Geschichte zu Ende, die 1614 mit Hans Meier begonnen hatte.

An der Stelle der großen Scheune entstand später das Hotel am Schillerplatz. Das historische Fachwerkgebäude selbst wurde 1994 saniert und über viele Jahre weiterhin als Gasthaus mit verschiedenen Pächtern sowie als Wohnhaus genutzt.

Am 8. März 2026 ging durch einen Brand mit bisher ungeklärter Ursache das historische Gasthaus mit 400-jähriger Dorfgeschichte in Flammen auf.