Oft hilft den Kindern schon ein bisschen mehr Bewegung, um ihre Grobmotorik zu verbessern. Foto: Fotolia

Auf einem Bein hüpfen? Klingt einfach, ist es aber nicht. Über ein Viertel der Stuttgarter Kinder hat damit ein Problem. Sillenbuch sticht positiv hervor, im Vergleich dazu schneiden Degerlocher, Birkacher und Plieninger Kinder eher schlechter ab.

Filder - Eigentlich ist es doch ganz einfach. Einmal, ohne umzuknicken, auf einem Bein quer durch den Raum gehüpft – und schon ist der Mitarbeiter des Gesundheitsamts zufrieden. Ein Fünfjähriger, der damit keine Probleme hat, entspricht dem altersgemäßen Entwicklungsstand. Wer das nicht kann, bekommt bisweilen bei der Einschulungsuntersuchung von dem Mitarbeiter des Gesundheitsamts ein Schreiben an die Eltern mit. Darin steht, dass das Kind Schwierigkeiten mit den Bewegungsabläufen hat, die ein Mensch mit seinen Gliedmaßen ausführt, wie etwa Laufen, Hüpfen oder Balancieren. Den Eltern wird in dem Brief geraten, mit ihrem Kind den Hausarzt aufzusuchen. Der soll den Kindern dann mehr Bewegung und Sport verordnen, damit der Entwicklungsrückstand aufgeholt werden kann.

Woher kommen die Unterschiede?

Laut aktuellen statistischen Angaben entsprechen 28,5 Prozent aller Fünfjährigen in Stuttgart nicht ihrem altersgemäßen grobmotorischen Entwicklungsstand. In einigen Bezirken liegt die Quote deutlich höher als in anderen. So beträgt sie in Plieningen 35,2 Prozent und in Degerloch 31 Prozent. Das ist im städtischen Vergleich deutlich weniger als in Obertürkheim, wo der Prozentsatz 42,5 Prozent beträgt. Aber in Sillenbuch sind es nur 16,2 Prozent, in Birkach 24,6 Prozent.

Woher die Unterschiede zwischen den Stadtbezirken resultieren, hat das Gesundheitsamt, das die Daten erfasst, bisher noch nicht untersucht. Überlegungen, dass dies mit sozialen Bedingungen wie etwa Migrationshintergrund oder der Höhe des Einkommens der Eltern zu tun hat, will Jodok Erb vom Gesundheitsamt nicht kommentieren. Erb lässt sich auch nicht davon beeindrucken, dass fast ein Drittel der Fünfjährigen in der Landeshauptstadt nicht auf einem Bein hüpfen kann. Sicher, grobmotorische Schwierigkeiten würden die weitere Entwicklung der Kinder negativ beeinflussen, sagt Jodok Erb: „Sie haben Probleme bei der Koordination und sind häufig in der Mobilität eingeschränkt.“

Der Lebensstil könnte ein Auslöser sein

Doch bereits vor zehn Jahren hätten die Erhebungen ähnliche Ergebnisse in Stuttgart gehabt. „Auch die Zahlen für ganz Baden-Württemberg sind ungefähr so hoch“, sagt er. Das bedeutet, dass motorische Spätentwickler nicht nur ein Problem der Städte sind. Es gibt allerdings den Hinweis darauf, dass der Lebensstil ein Auslöser ist. „Es gibt einen Zusammenhang zwischen Übergewicht bei Kindern und Schwierigkeiten bei der grobmotorischen Entwicklung“, sagt Erb.

Die Leiterin der Abteilung Kinder- und Jugendgesundheit beim Gesundheitsamt, Cordelia Fischer, betont gleichfalls, dass die Daten zur Anzahl der grobmotorischen Auffälligkeiten wenig über etwaige Ursachen aussagen. „Wir machen eine Screening-Untersuchung mit den Fünfjährigen, die zeigt nur, wer was nicht kann, und nicht, warum er es nicht kann“, sagt sie. So könnten manche Fünfjährige bei den Untersuchungen in den Kindergärten schlichtweg unmotiviert sein und keine Lust haben, vor fremden Leuten auf einem Bein zu hüpfen. „Das können unsere Mitarbeiter natürlich erkennen, deshalb bekommen auch nicht alle einen Brief mit, der den Eltern rät, mit den Kindern zum Arzt zu gehen“, sagt Fischer.

Schuldzuweisungen führen zu nichts

Das schlechte Abschneiden einiger Bezirke wie Degerloch oder Plieningen könne auch damit zusammenhängen, dass manche Untersuchungen früh im Kindergartenjahr sind, wenn die Kinder noch jünger und ihre motorischen Fähigkeiten weniger entwickelt sind.

Aussagen über die Lebensbedingungen von Kindern in den einzelnen Stuttgarter Bezirken könnten aus den Daten nicht hergeleitet werden, sagt Cordelia Fischer. Sie hält auch nichts von einer Schuldzuweisung an die Eltern von Kindern mit einer verzögerten grobmotorischen Entwicklung. „Sicher, früher war es normal, dass Kinder auf Bäume geklettert sind. Heute schicken aber mehr Eltern ihren Nachwuchs zu Sportangeboten. Das gleicht sich dann wieder aus“, sagt sie.

Cordelia Fischer kennt jedoch auch die vielen Klagen von Erziehern und Lehrern über die nachlassenden Fähigkeiten von Kindern. „Der Eindruck einer Verschlechterung kann entstehen. Wir können ihn aber nicht mit unseren Daten verifizieren“, sagt die Leiterin der Abteilung Jugendgesundheit.

Die Folge sind auch feinmotorische Störungen

Eine Erzieherin, die einen negativen Trend sieht, ist Gabriele Großmann, Leiterin der Johanniter-Kita an der Schießhausstraße in Plieningen. Sie sehe die Folgen der grobmotorischen Spätentwicklung in ihrer täglichen Arbeit, sagt sie. Denn Kinder, die bei der Grobmotorik Probleme haben, entwickeln auch meist mit Verspätung feinmotorische Fähigkeiten, die sie etwa dazu befähigen, mit der Schere etwas auszuschneiden oder sich die Schuhe zuzubinden. „Das sehen wir ziemlich deutlich“, sagt Gabriele Großmann.

Sie ist davon überzeugt, dass Kinder heutzutage zu viel abgenommen bekommen und sich deshalb zu wenig bewegen. „Sie werden auch zu wenig in den Alltag der Familien einbezogen“, sagt die Kita-Leiterin. „In den 80er- und 90er-Jahren war das einfach noch besser.“

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