Sogar der Impfstoff für Kinder gegen Influenza wird langsam knapp. Foto: Picture-Factory - Fotolia

Die Grippesaison in Stuttgart fängt gerade erst an. Doch wer sich jetzt noch mit einem Piks schützen lassen will, braucht Glück: Arztpraxen melden einen Impfstoffmangel.

Als die junge Mutter von den ersten schweren Grippefällen in der Kinderklinik des Klinikums Stuttgart hörte, fasste sie rasch den Entschluss: Auch ihr sechs Monate alter Sohn soll gegen Influenza von ihrem Kinderarzt in Stuttgart geimpft werden, damit er vor den Auswirkungen der sich anbahnenden Grippewelle geschützt ist. „Ich habe die Kinderarztpraxis angeschrieben, ob vor Weihnachten noch ein Termin möglich ist“, schildert die Mutter. „Doch dort herrscht aktuell Impfstoffknappheit.“ Das könne sie nicht verstehen: „Wir würden wahnsinnig gerne unser Kind schützen und gleichzeitig die Kliniken entlasten, aber es ist uns leider nicht möglich.“

 

Laut einem Bericht der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) waren in der vergangenen Grippesaison 2024/2025 viele Kinder schwer an Influenza erkrankt, darunter viele ohne Vorerkrankungen: Von Januar bis Mai seien etwa 135 000 Menschen wegen der Grippe im Krankenhaus behandelt worden, darunter knapp 30 000 Minderjährige – weshalb die Divi Anfang Dezember forderte, die Impfempfehlung auf Kinder aller Altersklassen auszuweiten. Diesem Aufruf sind auch die Stuttgarter Kinder- und Jugendärzte gefolgt und haben verstärkt eine Grippe-Impfung gerade bei kleinen Kindern empfohlen.

Impfstoffe nur noch in wenigen Praxen verfügbar

Dass die Umsetzung nun problematisch wird, bestätigt auch der Obmann der Stuttgarter Kinder- und Jugendärzte, Özgür Dogan: „Ich habe von der Impfstoffknappheit schon aus anderen Praxen im Stadtgebiet gehört“, sagt er. Die Anfrage sei dieses Jahr insgesamt größer gewesen, sodass wohl tatsächlich nichts mehr lieferbar sei. „Wir haben das Glück, dass wir viel vorbestellt haben und noch Impfstoffdosen bekommen.“ Diese würde man bei Bedarf nun auch an Familien verimpfen, die nicht zum Patientenkreis seiner Praxis gehören.

Tatsächlich betrifft der drohende Impfstoffmangel nicht nur Kinder: So bestätigt der Landesapothekerverband Baden-Württemberg (LAV) auch knappe Chargen beim Hochdosis-Influenza-Impfstoff für die Altersgruppe 60plus. „Wir sind noch nicht bei null angelangt, aber es sind tatsächlich nur noch sehr geringe Mengen verfügbar“, sagt der Sprecher des LAVs, Frank Eickmann. Ähnlich bescheinigen es auch die Hausärzte: „Einige Praxen haben uns zurückgemeldet, dass es zunehmend schwieriger wird, neuen Impfstoff zu erhalten“, sagt der Sprecher des Hausarztverbandes Baden-Württemberg Felix Bareiss. Der Grund für den Mangel ist in diesem Jahr offensichtlich eine erhöhte Impfnachfrage. „Im Gegensatz dazu waren die Ärzte mit ihrer Vorbestellung eher etwas zögerlicher.“

Viele haben sich frühzeitig gegen Grippe impfen lassen

Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums sind für die diesjährige Influenzasaison 18,5 Millionen Impfstoffdosen freigegeben worden. Dass diese nun nahezu aufgebraucht sind, spricht dafür, dass sich mehr Menschen schon frühzeitig haben impfen lassen. Die schwere Grippewelle des Jahres 2023/2024 dürfte viele dazu motiviert haben, sich doch noch immunisieren zu lassen, mutmaßt Eickmann. Genaue Daten hierzu gibt es nach Angaben des Robert Koch Instituts (RKI) immer erst weit nach Ende der Grippesaison.

Auf den Zulassungsseiten des bei dem für die Impfstoffüberwachung zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) sind alle Hersteller gelistet, deren Impfstoffe in Deutschland zugelassen sind. Die produzierten Chargen sind alle abverkauft. Dass nochmals nachproduziert wird, erscheint kaum möglich. Dafür ist die Herstellung von Impfstoffen zeitlich zu aufwendig, erklärt Eickmann.

Kinderkliniken impfen nicht gegen Grippe

Die Pharmakonzerne benötigen etwa sechs Monate, um Vakzine herzustellen. Die Weltgesundheitsorganisation entscheidet aber erst im Februar, welche Virenstämme in den Impfungen für die Folgesaison überhaupt enthalten sein sollen. „Angesichts dieser engen Zeiträume ist es nicht möglich, die Produktion schnell hochzufahren oder Impfstoffe zu bevorraten“, heißt es dazu bei der LAV.

Deshalb wird es auch in den nächsten Wochen eher schwierig werden, sich oder die eigenen Kinder noch impfen zu lassen: In Kinderkliniken wie dem Olgäle gibt es keine Impfsprechstunde für Familien. Selbst in der Notaufnahme dürfen die Klinikärzte grundsätzlich keine Termine anbieten. „Impfungen liegen im Verantwortungsbereich der niedergelassenen Kinderärzte“, sagt Axel Enniger, Ärztlicher Direktor für Allgemeine und Spezielle Pädiatrie im Klinikum Stuttgart. „Einzige Ausnahme sind RSV-Impfungen bei Neugeborenen, die in den Wintermonaten im Olgahospital geboren und von uns geimpft werden, wenn die Eltern dies wünschen.“ Die Landesapothekerammer rät Familien und anderen Impfwilligen daher, Kinderarztpraxen und Hausarztpraxen in der Nähe abzutelefonieren.