Die Grippe-Impfung wird Kindern empfohlen, wenn diese unter einer chronischen Erkrankung leiden. Foto: Picture-Factory - Fotolia

Nach dem Vorstoß der Intensivmediziner, alle Kinder gegen Grippe zu impfen, klärt ein Freiburger Kinderkardiologe, ob chronisch kranke Kinder so besser geschützt sind.

Die Grippewelle hat den Südwesten erreicht und aus den Kinderkliniken werden die ersten schweren Verläufe bei noch sehr jungen Patienten gemeldet. Bislang hält die Stiko an ihrem Vorsatz, eine Grippeimpfung lediglich für Risikogruppe zu empfehlen, fest. Doch die Stimmen nach einer allgemeinen Grippeimpfung für alle Menschen ab sechs Monate werden wieder lauter – auch um andere chronisch Kranke wie etwa herzkranke Kinder zu schützen. Doch ist das überhaupt sinnvoll? Was der Herzspezialist René Höhn von der Klinik für Angeborene Herzfehler und Kinderkardiologie am Universitäts-Herzzentrum Freiburg dazu sagt.

 

Herr Höhn, Sie sind als Spezialist für herzkranke Kinder darauf erpicht, diese möglichst vor Infekten wie Grippe zu schützen. Wäre es da nicht auch ratsam, alle Kinder gegen Influenza zu impfen – aus Gründen des Herdenschutzes?

Ein bisschen tragen wir ja schon dazu bei: Wir versuchen, nicht nur die chronisch kranken Kinder zu impfen, sondern betreiben auch eine gewisse Form der Umfeldhygiene: Das bedeutet, dass die Geschwisterkinder mitgeimpft werden und auch die Eltern. Den Vorstoß der Kollegen der Deutschen Gesellschaft für Intensivmediziner, die nun die Stiko dazu aufrufen, die Impfempfehlung auszuweiten, halte ich für sehr schwer umsetzbar: alle Kinder durchzuimpfen werden wir, glaube ich, nicht schaffen.

In anderen Ländern wird dies aber versucht – in den USA beispielsweise oder in Frankreich. Warum nicht auch in Deutschland?

Die Impfquoten sind hierzulande generell deutlich schlechter. In Baden-Württemberg ist noch nicht mal ein Viertel der Über-60-Jährigen gegen Grippe geimpft, obwohl diese die größte Risikogruppe für schwere Verläufe darstellen. Und wenn wir es nicht mal schaffen, die eigentliche Risikogruppe zu impfen, wird es meines Erachtens sehr schwer werden, auch Kinder generell durchzuimpfen. Da ist es doch sinnvoller, sich auf chronisch kranke Kinder zu konzentrieren wie unsere Herzpatienten.

Hätte eine rechtzeitige Impfung an alle Kinder eine heftige Erkrankunsgwelle wie in der vergangenen Saison lindern können?

Das ist eine sehr hypothetische Frage. Grundsätzlich bekommen auch wir es nicht hin, alle herzkranken Kinder gegen Grippe zu impfen. Hinzu unterscheidet sich jedes Jahr auch der Impfstoff in seiner Wirksamkeit. Daher kann man auch rückblickend nicht sagen, ob bei der vergangenen heftigen Grippesaison weniger Kinder schwerwiegend erkrankt oder hospitalisiert worden wären, wenn alle rechtzeitig eine Grippeimpfung erhalten hätten.

René Höhn, Kinderkardiologe am Herzzentrum Freiburg Foto: privat

Wie gehen Sie vor, um möglichst viele herzkranke Kinder zu impfen?

Wir geben keine generelle Empfehlung an die Familien. Für uns ist es sehr wichtig, individuell zu entscheiden, ob es sinnvoll ist, ein herzkrankes Kind zu impfen oder nicht. Wir halten dazu auch immer Rücksprache mit dem betreuenden Kinderkardiologen vor Ort oder die niedergelassenen Kinderärzten sprechen sich mit uns als dem betreuenden kinderkardiologischen Zentrum ab.

Wie hoch ist die Akzeptanz der Eltern bei der Impfung?

Unsere Patienten und ihre Angehörigen erachten Impfungen – auch die gegen Grippe – als sinnvoll. Wahrscheinlich, weil die Eltern im ersten Lebensjahr des Kindes mit der RSV-Immunisierung gute Erfahrungen gemacht haben. Es gibt quasi keine Impf-Skeptiker in unserem Klientel der Kinderkardiologie in Freiburg.

Reicht der Impfschutz aus, um herzkranke Kinder einigermaßen infektfrei durch den Winter zu bekommen?

Zum einen geben wir den Ratschlag, dass sich nicht nur die kranken Kinder, sondern auch die nächsten Familienangehörigen gegen Grippe impfen lassen sollten. Zudem erhalten die Kinder im ersten Lebensjahr oder vor Abschluss des ersten Lebensjahres ein oder zwei Winter lang ihre Impfung gegen die RS-Viren. Und in den Phasen, in denen im Kindergarten die typischen Krankheitswellen auftauchen, könnten die Kinder mit dem höchsten Risiko einzelne Tage zu Hause gelassen werden. Aber natürlich können diese Maßnahmen das Risiko einer Erkrankung lediglich mindern, aber nicht verhindern.

Experte für Kinderherzen

Arzt
René Höhn ist Oberarzt in der Klinik für angeborene Herzfehler und Pädiatrische Kardiologie im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin am

Herzstiftung
Zudem ist er Experte der Deutschen Herzstiftung, www.herzstiftung.de. Dort gibt er auf wichtige Alltagsfragen im Umgang mit herzkranken Kindern Antworten – etwa auf die Frage, ob Kinder und Jugendliche mit einem Herzfehler alpinen Skisport machen dürfen.