Das Big Green Egg ist seit 50 Jahren auf dem Markt und hat als Statussymbol die Grillszene revolutioniert.
Ökobilanz hin (schlecht für die Umwelt im Allgemeinen), Luftverschmutzung her (schlecht für den Nachbarn im Besonderen) – Grillen ist für viele nach wie vor unverzichtbarer Lifestyle. Und den zelebriert man am besten mit einem Kultobjekt, einem Big Green Egg, von dem an diesem Wochenende vermutlich das eine oder andere bei der Grillweltmeisterschaft auf der Messe Stuttgart zu bewundern ist. „Egg Heads“ nennen sich die Fans dieses grünen Keramikgrills, die wie der Schweizer Vertriebsleiter John Daly natürlich nur zum Spaß sagen: „Wer in die Küche geht, ist ein Loser!“
Aber es stimmt zumindest ein bisschen: Wer sich ein Big Green Egg anschafft, was bei einem Listenpreis von 1899 Euro für das meistverkaufte Large-Modell nicht wirklich günstig ist, kann sich die Küche sparen, die in der Luxusvariante auch häufig mehr Showroom als Produktionsstätte ist. Denn mit diesem „Evergreen“, dessen Zubehör wortspielreich „convEGGtor“, reEGGulator“ oder „EGGspander“ heißt, kann man nicht nur grillen, sondern auch braten, räuchern, dünsten, backen, schmoren, garen, auch bei Niedrigtemperatur über Nacht. Nur zum Mond fliegen kann man damit noch nicht, obwohl: Für die quasi unkaputtbare Keramik sind Technologien zum Einsatz gekommen, die von der Nasa für das Spaceshuttle-Programm entwickelt wurden.
Wer also hat’s erfunden? Die Amerikaner, wobei das nur die halbe Wahrheit ist. Als Startschuss für das Big Green Egg gilt das Jahr 1974, in dem Ed Fisher in Atlanta, Georgia die gleichnamige Firma gründete. Als Navy-Soldat war er in den 50er Jahren in Japan stationiert und entdeckte dort die Mushi-Kamados, vereinfacht gesagt Reiskocher. Die Japaner hatten die Kamados beziehungsweise Tandoors, mit denen in Asien schon vor 5000 Jahren in einem Tontopf über Feuer gekocht wurde, weiterentwickelt und mit einem Deckel versehen. Ed Fisher nahm einen mit nach Hause, stattete das Ton-Ei mit einem Grillrost aus, und dann wurde rumprobiert.
Sein Hauptgeschäft war eigentlich der Verkauf von japanischen Pachinko-Maschinen, im vordigitalen Zeitalter eine Art Wandflipper-Automaten. Mehr zur Überbrückung importierte Ed Fisher auch ein paar Dutzend Kamados. Um Kundschaft anzulocken, stellte er einen Grill vor die Tür und legte günstige Chicken Wings auf den Rost. „Als ich gerade eröffnet hatte und jemand einen saftigen Hähnchenflügel probierte, hatte ich eine halbe Stunde später meinen ersten Kamado verkauft“, erinnert sich der heute 90-jährige Firmengründer.
Als Problem stellte sich allerdings heraus, dass sich die importierten Kamados nicht nur beim Transport als zerbrechlich erwiesen, sondern auch bei Temperaturen von über 200 Grad Risse bekamen. Also begab sich Ed Fisher auf die Suche nach der ultimativen Keramik. Und wurde fündig dank eines Freundes, der am Georgia Institute of Technology arbeitete. Dort wurde seit den 60er Jahren an Leichtbaukeramik für die Nasa geforscht. Schließlich fand sich auch eine Hightech-Fabrik in Mexiko, die die extrem hitzebeständigen Keramikteile herstellen konnte.
Hatten die ersten importierten Kamados verschiedene Farben, legte sich Fisher bald auf das Grün mit superharter Porzellanglasur fest und nannte seinen Grill so, wie er eben aussieht: Big Green Egg. Das größte Modell wiegt 170 Kilogramm und kostet 5299 Euro. Inzwischen gibt es zahlreiche Nachahmerprodukte und seit 2008 auch eine deutsche Premiummarke: Monolith mit einem gewissen Tim Mälzer als Testimonial.
Das Prinzip ist das Gleiche, nur dass das Material hier aus der chinesischen Stadt Yixing mit ihren 5000 Jahren Erfahrung in der Keramikherstellung stammt. Durch die hitzereflektierende Keramik entsteht eine Luftzirkulation im Inneren, die sich beim Big Green Egg zwischen 70 und 350 Grad genau steuern lässt. Wegen der perfekten Kontrolle von Temperatur und Zeit sind die Premium-Kamados gerade bei Spitzenköchen so beliebt. Seit der Fußball-EM ist auch Alexander Dinter ein „Egg Head“. Für das Großereignis hat man sich im Gourmetrestaurant 5 in der Stuttgarter City zur Freude von schottischen und dänischen Fans ein Big Green Egg angeschafft und zu Stoßzeiten mehr als 100 Steaks am Tag gegrillt. Richtige Kaliber wie Porterhouse und T-Bone oder auch mal ein Iberico, wie der Sternekoch erzählt.
Ob geräucherter Hamachi, angegarter Zander, gebackenes Sauerteigbrot, geschmorte Zwiebeln fürs Portweinpüree oder angegrillte Aprikosen zum Dessert – „bei vielen Produkten wird der Eigengeschmack verstärkt“, sagt Dinter. Allerdings müsse man aufpassen, dass die Aromatik nicht von der Holzkohle überlagert werde. Ein weiterer Vorteil: „Wenn andere Grills nach ein paar Stunden langsam schwächeln, legt dieser erst so richtig los.“
Weil die Hitze extrem lange gespeichert wird, bei einem Big Green Egg bis zu 36 Stunden, ohne nachzuladen, heißt es, ist der Verbrauch von Holzkohle gering und mit wenig Rauchausstoß verbunden. Somit dürfte das Ei in der CO2-Bilanz gar nicht so schlecht dastehen. Dabei verwies „Öko-Test“ jüngst auf eine Studie vom Tüv Rheinland, dass es nur eine untergeordnete Rolle spiele, ob man nun einen Kohle-, Elektro- oder Gasgrill verwende. „Etwa 95 Prozent der durch das Grillen anfallenden klimarelevanten Emissionen würden nämlich durch das Grillgut verursacht, das erzeugt, transportiert, gelagert und gekühlt werden muss“, schreibt das Testmagazin.
Big Green Egg wirbt zwar damit, dies sei der letzte Grill, den man kauft, denn er kann 100 000-mal erhitzt werden, aber wer weiß: Vielleicht entwickelt sich ja in den nächsten 50 Jahren noch der Solargrill Solar Brother von Sunglobe in Gelb zum neuen Statussymbol.