Zweimal in Kreuzform unter dem Grab hindurch – wer das noch kann, zeigt in der Griechischen Kirche an Ostern unter anderem so seinen Glauben. Foto: Gottfried Stoppel

Die orthodoxen Griechen feiern das Osterfest in diesem Jahr zur selben Zeit wie die evangelischen und katholischen Christen – allerdings, wie es zumindest bei einer Gemeinde im Rems-Murr-Kreis scheint, mit noch mehr Leidenschaft.

Waiblingen - Die Schlange reicht bis hinaus an die weit geöffnete Eingangstür der Nikolauskirche. Geduldig warten Menschen aller Altersgruppen, bis sie an die Reihe kommen. Aus dem Inneren des Gotteshauses mitten in der Waiblinger Altstadt, das seit fast 50 Jahren von der griechisch-orthodoxen Gemeinde genutzt wird, dringen Gesänge nach außen. Sie künden von der Leidensgeschichte Chrístos’ und der Kreuzigung, die an diesem Karfreitag bevorsteht.

Küssen und Kriechen unterm Baldachin

Vor dem Altar ist ein mit Blumen geschmückter Tisch aufgebaut, der von einem ebenso aufwendig verzierten Baldachin überzogen ist. Das Arrangement symbolisiert Christi Grab und soll später mit hunderten Menschen in einer feierlichen Prozession durch die Altstadt getragen werden. Zuvor aber beugen sich Jung und Alt nacheinander über den Blumenteppich, küssen Bibel und Grabtuch – und wer kann, kriecht in Kreuzform zweimal unter dem Tisch hindurch.

„Ostern ist die schönste Zeit des Jahres“, sagt Xenia Mauch, und die Augen der Griechin, die mit einem Deutschen verheiratet ist, funkeln dabei. Schon den ganzen Karfreitag hat sie in der Kirche verbracht, sauber gemacht, für Kerzennachschub gesorgt und dafür, dass alles reibungslos klappt. Wie viele andere Gläubige auch hat sie in der Großen Woche, wie die Tage vor dem Ostersonntag genannt werden, gefastet und dabei sogar auf Öl verzichtet. Vor allem am Samstag sollte man diesen Vorsatz befolgen, sagt sie und lächelt milde. Die Nacht will sie wie viele andere auch in der Nikolauskirche verbringen und darauf warten, bis der Pfarrer die frohe Botschaft der Auferstehung verkündet.

Kalenderreform schuld an Verschiebung

Dass die orthodoxen Christen in diesem Jahr zum gleichen Zeitpunkt wie die evangelischen und katholischen das Osterfest feiern, ist übrigens eher selten. Dabei hatte das erste ökumenische Konzil von Nizäa im Jahr 325 nach Christus unter anderem auch in dieser Angelegenheit Klarheit schaffen sollen. Dort wurde beschlossen: Ostern ist von allen Kirchen am selben Tag zu feiern, nach dem Frühlingsbeginn und an einem Sonntag nach dem jüdischen Pessach-Fest, das sich am Vollmond orientiert. So weit die Theorie. Zwar legten – mit einiger Verzögerung – fortan tatsächlich alle Christen die Feier der Auferstehung auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling. Weil aber die orthodoxen Kirchen die im Jahr 1582 von Papst Gregor XIII verfügte Reform des bis dato gültigen julianischen Kalenders nicht mitmachen wollten, sind diese seither meist ein wenig später dran mit dem Osterfest. Nur in Ausnahmefällen überschneiden sich die Termine wie in diesem Jahr. Der nächste gemeinsame Ostersonntag ist dann erst wieder der 20. April 2025.

Xenia Mauch hat Freude an der ganzen Großen Woche, in der von der Liebe Gottes zu den Menschen erzählt werde. Natürlich sei der Ostersonntag der schönste Tag, wenn die Griechen sich mit „Chrístos anésti“, Christus ist auferstanden, begrüßen. Wie man darauf antwortet? Xenia Mauch weiß auch da Rat: „Am besten mit ,Alithos anesti’, er ist wahrhaftig auferstanden.“

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