Suppenküchen und Armenspeisung: Ohne den Einsatz freiwilliger Helfer wären viele Menschen im krisengeschüttelten Griechenland verloren. Foto: ANA-MPA

Der griechische Ministerpräsident Tsipras trifft an diesem Montag in Berlin mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen. Viele Freiwillige versuchen zu Hause, die größte Not zu lindern.

Athen/tHessaloniki - Gegen halb elf kommen die Ersten. Frauen mit kleinen Kindern, alte Männer, denen man die Obdachlosigkeit ansieht. Noch wärmt die März-Sonne nicht. Und so stehen sie eine halbe Stunde später frierend in langer Schlange an der Treppe zu einem Seiteneingang der griechisch-orthodoxen Allerheiligen-Kirche. Um elf beginnt die Armenspeisung.

Etwa 40 Frauen sind vom Morgengrauen an zum Küchendienst eingeteilt. Bis zum frühen Nachmittag arbeiten sie in Sechser-Schichten in der modernen Küche, bereiten in einem großen Kessel die warme Suppe für täglich 500 Menschen vor, stapeln Reis, Früchte und andere Lebensmittel, um sie später im dem armen Wohnviertel hinterm Bahnhof von Thessaloniki reibungslos verteilen zu können. „Die Hilfsbereitschaft ist riesengroß“, sagt Pfarrer Alexandros Karakasis, „besonders die, die selber wenig haben, geben den noch Ärmeren etwas ab.“

Die Lage spitzt sich zu. „Wir erleben die größte Krise in Krisenzeiten“, sagt Bischof Varnavas, der Metropolit von Neapoli-Stravroupolie. Wortreich und stimmgewaltig präsentiert er seine Poliklinik, in der sich ein pensionierter Oberarzt vor allem um erkrankte Kinder kümmert, die wie ihre Eltern nicht krankenversichert sind. 230 Kinder und 150 Erwachsene sind hier registriert.

7500 Menschen kommen zur Armenspeisung

In der gesamten Metropolie (Diözese) kommen 7500 Menschen zur Armenspeisung. „Jahr für Jahr kommen 1000 dazu“, sagt der Bischof. Kein Wunder, dass die neue Küche bereits zu klein war, als man sie in Betrieb genommen hat. Die Kleiderkammer ist gut gefüllt, die Lebensmittelregale, aus denen sich bedürftige Familien alle zwei Wochen bedienen können, auch. Wie die Medikamentenschränke im Untergeschoss, in denen gespendete Arzneien lagern.

„Die Krise hat die Schwachen getroffen, nicht die, die sich verursacht haben“, zürnt Varnavas. Aber sie habe auch etwas Gutes: „Alle müssen nun begreifen, Verantwortung für den Staat zu tragen.“ Müssten dazu beitragen, endlich die jahrzehntelange Vetternwirtschaft, Korruption und Bequemlichkeit auszumerzen. Was leichter gesagt als getan ist, wenn der Taxifahrer darauf beharrt, keine Quittung auszustellen.

Über 1000 freiwillige Helfer zählt der graubärtige Bilderbuch-Bischof in seiner Diözese. „Hier sieht man ein anderes Bild als das von den faulen und über ihre Verhältnisse lebenden Griechen“, ruft der Bischof. Was das alles kostet? Woher das Spendengeld kommt? Varnavas schweigt. „Wir sind doch Menschen, keine Zahlen“, fügt der alte Oberarzt hinzu. Kühl und stolz.

Die 35-jährige Sahar aus Eritrea sitzt mit ihrem vier Monate alten Sohn Mubarak auf dem Schoß in einer kleinen Wohnung im früheren Gewürzviertel von Thessaloniki. Sie lebt seit zehn Jahren in Griechenland. Ein älterer Sohn aus erster Ehe geht aufs Gymnasium, die dreijährige Melak schmiegt sich eng an die Mutter. Sie spricht schon seit langem nicht mehr. 160 Euro kostet die Miete der dreieinhalb Altbau-Zimmer im Monat, dazu kommen Kosten für Wasser und Strom. Mohammed, der Familienvater, verdient in einer Solarkollektorenfirma 300 Euro im Monat. Zu wenig zum Leben, aber es geht ihm besser als anderen Flüchtlingen.

"Konzentrationslager" nennen die Griechen die Flüchtlings-Aufnahmelager

Auf den Inselfriedhöfen von Lesbos, Samos oder Chios haben viele, die die Flucht über das Mittelmeer versuchten, in namenlosen Gräbern ihre letzte Ruhestätte gefunden – von der Küstenwache aus dem Wasser gefischt oder von den Wellen an die Strände geworfen. Der Weg in die EU übers Meer: angeblich warten noch immer mehr als 100 000 verzweifelte Menschen in der Türkei auf eine Fluchtgelegenheit mit Booten und Schiffen. Bereit, Schleppern 1000 Dollar für eine Fahrkarte zu bezahlen.

„Griechenland ist der billigste Hauptzugang zu Europa“, sagt die Sozialarbeiterin Effi Gelastopoulou. Auch wenn fast keinem mehr die Flucht übers Land gelingt. Das liegt an einem drei Meter hohen, rund zwölfeinhalb Kilometer langen unüberwindlichen Stahlgittergerüst mit messerscharfen Stacheldrahtrollen, das sich rund 400 Kilometer nördlich von Chios bei Evros an der griechisch-türkischen Grenze durch die Landschaft zieht.

Doch selbst die es schaffen, zählen nicht zu den Glücklichen. Tausende (genaue Zahlen hat selbst das zuständige Ministerium nicht) landen in Aufnahmelagern – wie die Frauen und Männer in Fylakio, Komotini oder Paranesti unweit der bulgarischen Grenze. „Konzentrationslager“, sagen die Griechen, ohne Ausgang, mit schlechter Verpflegung, unzumutbarer Hygiene. Wer ohne Papiere erwischt wird, landet hier – eingesperrt nach EU-Recht bis zu 18 Monate.

Syriza will die Lager auflösen

Also droht der fast zahlungsunfähige Staat damit, bis zu eine halbe Million Flüchtlinge in andere europäische Länder zu schicken, wenn man ihm die Schulden nicht erlasse. Hetzer wie der rechtspopulistische Verteidigungsminister Panos Kammenos oder der parteilose Vize-Innenminister Giannis Panoussis, die die EU mit der Andeutung erpressen wollen, darunter könnten Terroristen sein. „Nein, nein“, wiegelt eine Beraterin von Einwanderungsministerin Tasia Christodoulopoulou hinter ihrem abgeschabten Schreibtisch im notdürftig möblierten Büro ab. „Wir denken nicht an einseitige Maßnahmen und respektieren die EU-Verträge.“

Auch wenn die neue radikallinke Syriza-Regierung die Lager auflösen will und Tag für Tag um die 20 Insassen auf freien Fuß setzt – das Problem ist damit nicht gelöst. Einmal in Freiheit, fühlt sich der Staat nicht mehr für die Flüchtlinge verantwortlich. Sich selbst überlassen leben Tausende auf der Straße. Ohne Arbeit, ohne Geld. Ohne Krankenschutz (wie mehr als zwei Millionen Griechen), mit der letzten Hoffnung, es irgendwie doch noch zu schaffen.

Nach Österreich, nach Deutschland, nach Schweden. Darunter unbegleitete Minderjährige wie jene 24 Jungen, die in einem Lager in Oreo­kastro auf eine Familienzusammenführung warten. Wer in 18 Monaten nicht abgeschoben werden kann, wird wieder freigelassen. Wer ein offenes Asylverfahren – das nicht selten viele Monate dauert – laufen hat, kann im Land bleiben. Sonst muss er es innerhalb von 25 Tagen verlassen. Wird er erneut ohne einen legalen Status erwischt, droht ihm eine neue Internierung. Auch deshalb hat Deutschland den Abschiebestopp nach Griechenland vor kurzem verlängert.

Mohammed und seine Familie haben Glück gehabt. Weil ihnen Helfer mit Rat und Tat beistehen. Menschen, die ihr Leben umkrempeln und die wachsende Not lindern. Die Miete bezahlen. Einen Job besorgen, weil Aufenthaltsgenehmigungen an reguläre Arbeit gekoppelt sind und die Arbeitslosigkeit offiziell bei 25 Prozent liegt. Menschen wie die Sozialarbeiterin Alexia Xiromeriti von der Evangelischen Kirche deutscher Sprache in Thessaloniki, die längst nicht wer weiß, wo die Not am größten ist.

"Man muss Tsipras eine Chance geben"

Oder wie Marta und Kostas Varlas. Die beiden helfen seit 19 Jahren im Athener Armenviertel hinter dem alten Gasometer mit ihrem Hilfsprojekt Dromoizos (Lebenswege) vor allem Jungen und Mädchen mit türkischem Hintergrund, einen Schulabschluss zu schaffen. 150 Freiwillige kümmern sich um 120 Kinder, „ immer mehr auch aus griechischen Familien“, sagt Marta Varlas. Dabei hat sie selber Sorgen. Ein Drittel ihres Sekretärinnen-Gehalts hat man gestrichen. Wie bei vielen. Fast jeder dritte Haushalt hat 2012 mit einem Jahreseinkommen von weniger als 7000 Euro auskommen müssen, die ärmsten Familien verloren fast 86 Prozent Einkommen (die reichsten 17 bis 20 Prozent), hat in dieser Woche eine Studie griechischer Wissenschaftler im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung offenbart. Datenbasis: 260 000 Haushalte.

Da funktioniert ein Land nicht mehr ohne Ehrenamtliche wie Hannelore Contagouris, die nach 1965 nach Thessaloniki heirate und deren Sohn mit Frau und zwei kleinen Töchtern wieder nach Hamburg zurückgekehrt ist, weil er in Griechenland trotz Studiums keine Zukunft sieht. „Er wird nie wieder zurückkommen“, sagt Hannelore Contagouris. Energische Frauen wie die Unternehmergattin Dagmar Theodoridis und die Zahnärztin Fani Demeridou, die sich um Flüchtlinge wie um einheimische Obdachlose kümmern.

Was sie von der Regierung von Alexis Tsipras halten? „Wir müssen ihm eine Chance geben“, sagt auch Alexia Xiromeriti. Der Satz fällt oft. Von Jungen und Alten, Akademikern, Berufstätigen und Arbeitslosen. „Wer, wenn nicht Syriza soll das Land wieder nach vorn bringen, soll aufräumen, soll Gerechtigkeit schaffen?“, fragt selbst einer, der die Radikallinke nicht gewählt hat.

Tsipras – die letzte Hoffnung? Der Schuldenstreit mit Deutschland, die Gehässigkeiten auf beiden Seiten – die meisten Griechen lässt das politische Geplänkel kalt. Aber sie fordern Respekt. Würde. Auch dieses Wort hört man überall. Auf Augenhöhe sollen die Gespräche sein. „Syriza hat uns wieder ein Gesicht gegeben“, sagt der Sozialarbeiter Stelios Chatzigeorgiadis. Die Zustimmung zu riskanten Tsipras-Kurs nimmt zu Hause zu. Weil es innenpolitisch keine Alternative gibt? Vielleicht. „Wenn wir fallen, fallen wir gemeinsam“, sagt Varnavas, der Metropolit.

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