Athina Giastas hat rund zehn Jahre in Athen gelebt. Foto: dpa

Athina Giastas hat die eine Hälfte ihres Lebens in Griechenland und die andere in Deutschland verbracht. In einer neuen Serie erzählt die 30-Jährige von ihren Erfahrungen und Erlebnissen in beiden Ländern und Kulturen.

Bad Cannstatt - Gelassenheit, ein ausgeprägter Familiensinn und viel Lebensfreude, aber vielleicht auch ein bisschen mehr Unordnung und weniger Pflichtbewusstsein. So oder ähnlich dürfte die Vorstellung vom Leben der Menschen im südeuropäischen Ausland in vielen Köpfen aussehen. Aber stimmt das wirklich? Was sind Klischees, wie sieht die Realität aus? Und vor allem: Wie erleben Menschen diese Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die zwei Länder kennen und lieben?

In Athina Giastas Brust schlagen zwei Herzen: Die 30-Jährige ist in Griechenland geboren und in Deutschland aufgewachsen. Zehn Jahre lang hat sie als junge Frau in Athen gelebt und ist vor wenigen Monaten nach Deutschland zurückgekehrt. Nun lebt und arbeitet sie in Bad Cannstatt. Regelmäßig lässt sie die Redaktion von nun an teilhaben an ihrem Leben, das in zwei Kulturen spielt.

Das Leben in Athen ist hektischer als in Stuttgart

Ihre wichtigste Erkenntnis lautet: „Der Mensch ist anpassungsfähig und kann überall leben.“ Dennoch sei ihr der Wiederanfang in Griechenland schwer gefallen, als sie dort zum Studium ihre Zelte aufgeschlagen hat: „Das Leben in Athen ist viel hektischer als in Stuttgart.“ Obwohl die Bahnen im Zentrum alle drei Minuten fahren, rennen viele Athener wie um ihr Leben um keine zu verpassen. Selbst ihren Kaffee trinken sie schneller, sagt die junge Frau lachend.

Athina Giastas Foto: Annina Baur
Athina Giastas ist deshalb nach einiger Zeit von der City in die Vorstadt gezogen, weil es ihr zu eng und erdrückend erschien: „Stuttgart ist viel offener, sowohl architektonisch als auch von den Menschen her.“ Vor allem zu Beginn ihrer Studienzeit sei ihr von den „griechischen Griechen“ teilweise Ablehnung entgegengeschlagen: „Drei Prozent aller Studienplätze sind für Griechen aus dem Ausland reserviert.“ Das empfänden viele Griechen aus dem Land als ungerecht – müssten sie sich doch mit Notenbeschränkungen herumschlagen und zögen dann teilweise den Kürzeren. Nach kurzer Zeit sei dies aber vergessen gewesen und neue Freundschaften geschlossen worden.

Wenn man sich erst einmal an den Athener Fluss gewöhnt habe, bietet das Leben natürlich auch Vorteile: „Das Wetter ist mit 200 Sonnentagen im Jahr top.“ Die salzige Meeresluft zu riechen, wenn sie die Balkontür öffnet, weckt Glücksgefühle. Davon allerdings könne man auch nicht profitieren, wenn kein Geld da sei, um etwa einen Ausflug ans Meer zu machen oder einen Kaffee auf der Promenade zu trinken. „Ich bin in erster Linie wegen der Wirtschaftskrise zurück nach Deutschland gekommen“, sagt Athina Giastas.

In Bad Cannstatt leben besonders viele Griechen

Schwer gefallen sei ihr der Neuanfang nicht: „Ich habe noch Freunde von früher in Stuttgart“, sagt die 30-Jährige, die vor ihrem Umzug nach Athen im Stuttgarter Osten gelebt hat. Außerdem leben ihre Eltern und ihr Bruder in Stuttgart. „Zurzeit wohnen mein Verlobter und ich bei meiner Mutter, und ich arbeite im Restaurant meines Bruders.“ Familie ist ihr sehr wichtig, und dennoch betrachtet sie manches kritisch: „Meine Eltern sprechen schlecht Deutsch, das geht für mich gar nicht.“ Andererseits beobachtet sie bei ihren griechischen Landsleuten, von denen viele schon sehr lange in Deutschland leben, auch, dass diese teilweise fast gar nichts mehr über die Kultur und die Traditionen ihres Heimatlandes wüssten. Auch das sei schade, findet die junge Frau.

Athina Giastas, die ungefähr ihr halbes Leben in Griechenland und die andere Hälfte in Deutschland verbracht hat, kennt beides. Das kann Fluch und Segen sein, manchmal weiß sie nicht so recht, wo sie hingehört. „Ich kann nicht sagen, ob ich mich mehr griechisch oder mehr deutsch fühle.“ So habe sie in ihrer Jugend auf Deutsch gedacht und geträumt, nach einer gewissen Zeit in Athen angefangen, auf Griechisch zu denken. Inzwischen hat die deutsche Sprache wieder Oberhand in ihrem Kopf. Und wenn sie doch Sehnsucht hat und Griechisch hören und sprechen möchte, bleiben ihr in ihrer neuen Heimat nicht nur ihre Familie: „In Bad Cannstatt leben so viele Griechen, dass man die Sprache oft auf der Straße hören kann.“

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