Premier Alexis Tsipras macht sein Wahlversprechen wahr und stellt Forderungen an Berlin. Foto: AP

Griechenland fordert von Deutschland Reparationen für Zerstörungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Insgesamt verlangt Athen eine Summe von rund 300 Milliarden Euro als Entschädigung.

Athen - Die Rechnung kommt spät, ist aber dafür umso gesalzener: 101 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und 74 Jahre nach der Kapitulation Hitlerdeutschlands meldet jetzt Griechenland offiziell Reparationsforderungen gegenüber der Bundesrepublik an. Das beschloss am Mittwochabend das griechische Parlament mit großer Mehrheit. Berlin soll für Kriegsschäden und Wiedergutmachung für Kriegsopfer rund 300 Milliarden Euro bezahlen. Die Bundesregierung hält die Forderung für unberechtigt.

Der Streit schwelt seit 1945, als Griechenland auf der Pariser Reparationskonferenz erstmals Forderungen gegenüber Deutschland anmeldete. Im Pariser Reparationsabkommen vom Januar 1946 wurden die griechischen Ansprüche im Grundsatz anerkannt. Neben der Entschädigung für die materiellen Kriegsschäden und die Wiedergutmachung für die Hinterbliebenen von Kriegsopfern geht es auch um die Rückzahlung einer Zwangsanleihe, die das Deutsche Reich 1942 bei der Bank von Griechenland aufgenommen hatte. Damit bürdeten die Deutschen den Griechen auch noch die Kosten der Besatzung auf. 1960 zahlte Deutschland 115 Millionen Mark für griechische Opfer der Nazi-Herrschaft.

Berlin vertritt die Ansicht, dass alle Kriegsschulden abgegolten sind

Die Bundesregierung vertritt die Auffassung, dass damit alle Kriegsschulden abgegolten seien. Mit dem 1990 geschlossenen Zwei-plus-Vier-Vertrag, den auch Griechenland anerkannte, habe die Reparationsfrage „ihre Berechtigung verloren“, heißt es in Berlin. Der heutige Premierminister Alexis Tsipras hatte das Reparationsthema schon als Oppositionsführer und nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten im Januar 2015 immer wieder angesprochen. Mitte 2016 bestätigte ein Parlamentsausschuss nach mehrmonatigen Beratungen die Forderungen und bezifferte sie auf 270 bis 309 Milliarden Euro. Premierminister Tsipras sagte in der Debatte, es sei für ihn eine „historische und ethische Pflicht“, die Reparationen einzufordern.

Dass die Regierung das Thema erst jetzt ins Plenum brachte, begründete Parlamentspräsident Voutsis mit der Schuldenkrise: Man habe das Ende des im vergangenen August abgeschlossenen Hilfsprogramms abwarten wollen, damit nicht der Eindruck entstehe, Griechenland wolle die Reparationsforderungen gegen seine Schulden bei den internationalen Gläubigern aufrechnen. Der Zeitpunkt der Parlamentsdebatte dürfte aber auch damit zusammenhängen, dass 2019 ein Wahljahr ist: Tsipras möchte offenbar vor den spätestens im Oktober fälligen Parlamentswahlen sein linkes Profil schärfen. Mit der Entschließung des Parlaments wird die Regierung aufgefordert, „alle gebotenen diplomatischen und rechtlichen Schritte zur Durchsetzung der Reparationsforderungen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg einzuleiten“.

Auch die Opposition im Parlament stimmte für die Resolution

Für die Resolution stimmten nicht nur die Abgeordneten des regierenden Linksbündnisses Syriza, sondern auch die meisten Parlamentarier der Oppositionsparteien. Tsipras kündigte an, die Regierung werde von Deutschland nun Entschädigung für die materiellen Zerstörungen, Wiedergutmachung für die Hinterbliebenen der Opfer von Kriegsverbrechen, die Rückzahlung der Zwangsanleihe sowie die Rückgabe geraubter antiker Kunstwerke einfordern. Der nächste Schritt wird jetzt sein, dass die griechische Regierung mit einer Verbalnote in Berlin die Ansprüche anmeldet. Wenn der diplomatische Vorstoß – wie zu erwarten – ins Leere geht, könnte Athen versuchen, internationale Gerichte anzurufen. Die meisten Völkerrechtsexperten halten das allerdings für aussichtlos.

Im Zweiten Weltkrieg haben wenige Völker so unter der deutschen Besatzung gelitten wie die Griechen. Während der Besatzungsjahre von 1941 bis 1944 kamen 130 000 griechische Partisanen und Zivilisten in Kämpfen oder durch Massaker der Wehrmacht und der SS ums Leben, darunter Frauen, Kinder und Greise. 70 000 griechische Juden wurden in die Vernichtungslager verschleppt. Zehntausende Griechen verhungerten oder erfroren im Winter 1941/42, weil die deutschen Besatzer Brennstoffe und Nahrungsmittel beschlagnahmten. Beim Abzug der Deutschen waren 50 Prozent der Industrie- und Gewerbebetriebe, 75 Prozent des Straßen- und Eisenbahnnetzes sowie 87 Prozent der Handelsflotte zerstört.

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