Umweltschützer und Hersteller liefern sich einen erbärmlichen Kampf um die Erderwärmung
Stuttgart - Wenn die EU-Umweltminister sich wieder einmal mit Grenzwerten befassen, gehen bei der deutschen Autoindustrie verlässlich die Alarmglocken an. Bei den Diesel-Stickoxiden hatte die Branche noch versucht, sich trickreich aus der Affäre zu ziehen, um die Vorgaben zu umgehen. Nun ändert sie ihr Vorgehen und versucht, auf die Vorgaben selbst Einfluss zu nehmen. Es sei „mehr als bedauerlich, dass die Mehrheit der Mitgliedsstaaten nicht die Kraft gefunden hat, Klimaschutz und Beschäftigungssicherung in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen“, klagt der Verband der Automobilindustrie über die scharfen Grenzwerte für das Treibhausgas CO2. Viele Technologien zur Kraftstoffersparnis seien bereits „ausgereizt“. Wie bitte? Haben die deutschen Ingenieure etwa unbemerkt die Arbeit niedergelegt? Ist der Hinweis auf ausgereizte Verbesserungsmöglichkeiten inzwischen das Beste, was die deutsche Automobilindustrie zu bieten hat?
Der Blick auf die Chancen neuer Technologien scheint den Managern der Branche nach drei Jahren Dieselkrise völlig abhanden gekommen zu sein. Jahrelang verhielten sie sich, als sei die gleichzeitige Senkung von Feinstaub und Stickoxid ein Hexenwerk. Unter massivem Einsatz des Rohstoffs Gehirnschmalz gelang dies letztlich doch – aber erst, als es wegen des Dieselskandals nicht mehr anders ging. Wer soll der Autoindustrie jetzt noch ihre Klagen über die angeblich unmöglich erreichbaren CO2-Grenzwerte abnehmen? Es ist gut, dass Bosch-Chef Volkmar Denner nun der Kragen geplatzt ist. „Auch die Automobilindustrie kann für den Klimaschutz mehr tun, als sie muss“, schrieb er.
Gezinkte Karten auf beiden Seiten
Mit ihrer sperrigen Haltung riskieren die Hersteller, den Rufschaden vom Diesel auf ihre gesamte Produktpalette auszuweiten. Es hilft ihnen wenig, dass auch auf Seiten der Umweltschützer mit gezinkten Karten gespielt wird. Viele wollen gar nicht wissen, welche Technologie die umweltfreundlichste ist, sondern diesen Wettbewerb sogar verhindern. „Es hat keinen Sinn mehr zu versuchen, den Verbrennungsmotor zu verbessern“, warnte EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska in unserer Zeitung vor vermeintlich falschen Anstrengungen für die Umwelt. Verbohrtheit, soweit das Auge reicht.
Viele Umweltschützer starren auf den Auspuff wie das Kaninchen auf die Schlange – und legen deshalb gegenüber dem auspufflosen E-Auto eine umso größere Begeisterung an den Tag. Berücksichtigt man jedoch, wie viel Kohle für den Strom verbrannt werden muss, mit dem sich ein Elektroauto samt seinen Hunderte Kilogramm schweren Batterien vom Fleck bewegt, spielen E- und Verbrennungsauto in einer Liga. Umgekehrt werden die Systemvorteile des Verbrenners durch die Fixierung auf den Auspuff systematisch ausgeblendet. Denn er kann im Prinzip klimaneutral betrieben werden – etwa mit Sprit aus Bio-Rohstoffen, die bis zu ihrer Verarbeitung viel CO2 aus der Atmosphäre herausgefiltert haben.
Heutige Regeln bevorzugen das E-Auto
Die gegenwärtigen CO2-Regeln sind völlig einseitig auf die Batterietechnologie zugeschnitten. Sie blenden systematisch deren Nachteile aus und schaden somit dem Klima, zu dessen Schutz sie doch angeblich geschaffen wurden. Ein fairer Wettbewerb könnte ergeben, dass das Elektroauto mit seinen kurzen Reichweiten im Stadtverkehr seine Stärken hat, während ein klimaneutraler Verbrenner für längere Strecken geeignet ist. Doch vor dieser sinnvollen Abwägung müssten sowohl sperrige Automanager wie auch elektrovernarrte Umweltverbände über ihren Schatten springen. Stattdessen haben sich beide Seiten in ihren Festungen behaglich eingerichtet. Ein gutes Klima wird sich so kaum schaffen lassen.
klaus.koester@stuttgarter-nachrichten.de