Gregor Gysi bei seinem Zaubertrick mit roter Socke im Renitenz-Theater. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Im Lagerwahlkampf dient die rote Socke der Polemik. Gregor Gysi kann sie sogar cool herbeizaubern. Im Renitenz-Theater hat der Polit-Star der Linken in vielerlei Hinsicht verblüfft, über Brexit, Future-Kids und Altwerden gesprochen.

Stuttgart - Nein, nein, die alte Kampagne mit platten Parolen kehrt nicht zurück. „Auf in die Zukunft, aber nicht auf roten Socken“ ließ in den 1990ern ein Generalsekretär der Union plakatieren, um gegen eine linke Mehrheit im Bund zu ballern. Bis heute ist Gregor Gysi von den Linken einer der beliebtesten Politiker in Deutschland. Seine Rhetorik, sein Sprachwitz und sein Charme kommen auch beim politischen Gegner an. Bei seinem Kurzbesuch in Stuttgart hat der 71-Jährige zwar nicht die Hosen runtergelassen, aber die Hosenbeine auf offener Bühne hochgezogen – noch dazu auf einem Hocker stehend, damit man’s bei dem 164 Zentimeter großen Polit-Entertainer bis in die letzte Reihe des Renitenz-Theaters sieht.

Und was ist zu sehen? Wie schräg ist das denn? Der Mann trägt rechts eine rote, links eine schwarze Socke. Und fühlt sich bei dieser schwarz-roten Verblüffung pudelwohl. Das ungleiche Paar an den Füßen ist das Ergebnis eines Zaubertricks, der an der Seite von Comedian Thomas Fröschle alias Magier Topas vollauf gelungen ist.

Gregor Gysi ist mit Verspätung in Stuttgart gelandet

Zu seiner 49. „Froggy Night“ hat sich Fröschle (er heißt wirklich so, das ist kein Comedy-Künstlername) fürwahr eine Rampensau eingeladen, die sich den stärksten Beifall des Abends holt. Sebastian Weingarten, der Intendant des Renitenz-Theaters, jubelt über eine „Sternstunde“ seines Hauses. Beim zweiten Anlauf hat’s geklappt. Im vergangenen Juni war Gysi stocksauer auf Eurowings, weil die Billigtochter von Lufthansa seinen Flug von Berlin nach Stuttgart kurzfristig storniert hatte. Sein Auftritt musste ausfallen. Jetzt darf er zwar fliegen, kommt aber mit Verspätung an. Als Fröschle die Gäste im ausverkauften Theater begrüßt, sitzt der Politiker noch im Auto auf der Fahrt vom Flughafen ins Hospitalviertel. Aus dem Plan, den Sockentrick vor der Show einzustudieren, wird nichts.

In der Pause kann Thomas Fröschle ihm schnell noch sagen, was zu tun sei. Danach agiert Gregor Gysi so gekonnt auf der Bühne, als sei er der Sohn des großen Houdini. Er holt sich zwei Zuschauer nach vorne, macht Scherze mit ihnen, lässt von ihnen aus einem Sack bunter Socken je ein Exemplar ziehen. Natürlich ist eine rote Socke dabei, deren Gegenstück der Berliner herbeizaubern will. Bei der Frau auf der Bühne klappt es nicht, wie von Gysi versprochen. Schon scheint es, als habe er vor lauter Quasseln den Trick vermasselt. Dann steigt er auf den Hocker, den Fröschle auf die Bühne bringt. Dort oben zieht er die Hosen hoch. Und jetzt können alle sehen: Der Polit-Magier trägt die vermisste Socke selbst!

Der Rat des 71-Jährigen: Nicht alles den Kindern vererbern!

Gregor Gysi überlegt, wie er seine Zauberkräfte in der Politik verwenden könnte. „Ich könnte den Bundestag in ein Affenzirkus verzaubern“, sagt er, „aber das ist er ja schon.“ Zurück in einen jungen Mann will er sich nicht verwandeln. Der 71-Jährige ist zufrieden mit seinem Alter, wie er sagt. Hohe Politämter hat er aufgegeben, ist aber weiter im Land gefragt, tourt und tingelt mit viel Spaß von Vorträgen zur Zauberei.

Beim Älterwerden, so sein Rat, sollte man drei Punkte beherzigen, um sein Leben zu genießen. Erstens: Wenn einem Hilfe angeboten wird, sollte man nicht ablehnen. „Als ich 60 wurde“, erzählt er, „fragte mich jemand, ob er meine Aktentaschen tragen könne.“ Entsetzt habe er dies abgelehnt, weil er doch noch fit sei. „Heute würde ich sagen, ja, und tragen Sie auch noch meinen Koffer.“ Zweitens: Den Kindern nicht alles vererben, sondern sich selbst was gönnen.

Drittens: Nicht ständig über Krankheiten und Wehwehchen reden!

„Das beste Kabarett Europas befindet sich in London“

Statt über eigene Krankheiten redet Gregor Gysi lieber darüber, was aus seiner Sicht krank in der Gesellschaft ist. Angesichts steigender Mieten ist seine Angst vor sozial geteilten Städten groß. Artikel 15 des Grundgesetzes sehe die Vergesellschaftung vor, wenn sie im Allgemeinwohl sei, sagt er.

Der 71-Jährige lobt die Friday-for-Future-Kids und sagt: „Mir ist die Jugend nicht rebellisch genug. Wir Alten machen ihnen das Klima kaputt.“ Zum Streit um versäumten Unterricht bemerkt er: „Ohne Regelverletzung würden die Demos nicht für Aufsehen sorgen.“ Doch jetzt müsse man langsam darüber nachdenken, wie man künftig auf andere Weise protestieren könne, findet Gysi: „Auf Dauer kann ja nicht freitags die Schule geschwänzt werden.“

Als Gastgeber Fröschle die kabarettistischen Fähigkeiten seines Promis rühmt, sagt dieser: „Das beste Kabarett Europas befindet sich in London – es ist das britische Unterhaus.“ Dass England für den Brexit gestimmt habe, sei auch die Schuld der vielen Jungwähler gewesen, die nicht gewählt haben. Sein Appell: „Bitte gehen Sie alle zur Europawahl – nur, wenn Sie die AfD wählen wollen, dann sollten Sie zu Hause bleiben.“

„Ich kann mit Hornochsen umgehen“

Bei der langen Nacht der Frösche und Fröschles (weitere Gäste auf der Bühne sind: Tan Caglar, Comedian im Rollstuhl, die Entertainerin Patrizia Moresco sowie die Zauberkünstler Teresa und Andy Häussler) verrät Gregor Gysi am Ende gar, warum die politische Bühne seine Berufung ist. Er habe den Beruf des Rinderzüchters gelernt, bevor er Jura zu studieren begann. Aus drei Gründen habe er als Cowboy viel für die Politik gelernt: „Ich kann künstlich besamen. Wenn Sie das nicht können, gehen Sie nicht in die Politik. Außerdem kann ich ausmisten. Die wichtigste Voraussetzung aber ist: Ich kann mit Hornochsen umgehen.“ Wenn er an den Berliner Flughafen und Stuttgart 21 denkt, entdeckt er da wie dort Hornochsen. Diese Themen sind für ihn aber viel zu ernst, als dass er darüber Späße machen will.

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