Böblingen blickt mit einem lachenden und weinenden Auge auf den Abzug von US-Spezialkräften: Sie stehen nicht nur für Stau und Lärm, sondern sind auch gute Nachbarn.
Auf einmal geht alles ganz schnell. Was seit Jahren von den einen befürchtet, von den anderen herbeigesehnt wurde, steht in Böblingen nun unmittelbar bevor: Eine Verlegung von Truppenteilen weg von der US Army Panzerkaserne. „Der Abzug der Spezialkräfte hat begonnen“, sagte eine Sprecherin des entsprechenden US-Europakommandos jüngst gegenüber unserer Zeitung. Ein Paukenschlag in Böblingen mitten im erst wenige Tage alten Krieg gegen den Iran. Dabei sind die konkreten Auswirkungen vor Ort noch gar nicht absehbar. Nur, dass es sicher welche geben wird.
Noch gar nicht lange her, an einem heißen Junitag des vergangenen Jahres, hatte die US Army zum Spatenstich auf das Kasernengelände geladen. Der damalige Standortkommandant Kirk Alexander markierte mit 50 geladenen Gästen feierlich den Baustart eines neuen XXL-Supermarktes, den die Amerikaner Commissary nennen. Er hätte eigentlich schon 2018 gebaut werden sollen. Doch die Panzerstraße als Hauptzubringer war auf so einen US-Einkaufsmagneten nicht ausgelegt, die hiesige Politik intervenierte – und die Panzerstraße wurde verbreitert. Mit einem erheblichen Zuschuss aus dem Pentagon, wohlgemerkt.
Kaserne birgt Konfliktpotenzial
Damit war der Weg geebnet und ein weiterer Streitpunkt mit den US-Amerikanern beiseite geräumt. Denn – und das ist der Grund, warum viele den teilweisen Truppenabzug begrüßen dürften – die US-Kaserne barg immer ein gewisses Konfliktpotenzial. Neben den quälenden Verkehrsstaus zu Stoßzeiten waren Anwohner in Böblingen und Schönaich vor allem von den Schießübungen genervt. Das Knattern der Gewehre schallte wahlweise Richtung Schönaich oder auf den Rauhen Kapf.
Erst nach jahrelangem Ringen und Interventionen von Stadt, Landkreis und den damaligen Bundestagsabgeordneten Marc Biadacz (CDU) und Florian Toncar (FDP) fand man zusammen: Neue Schallschutzwände halfen, den Lärm zwar nicht gänzlich zu eliminieren, aber doch spürbar einzudämmen. Bis Pfingsten sollen nun die Green Berets nach Baumholder verlegt werden. Dort, im pfälzischen Baumholder, hat die Luft-Lande-Einheit nun nicht mehr nur 600 Hektar als Übungsgelände zur Verfügung wie in Böblingen. Sondern 11 000 Hektar. Zum Vergleich: Das ist mehr als die gesamte Markungsfläche von Böblingen und Sindelfingen zusammen inklusive aller Teilorte.
Es geht wohl um insgesamt rund 1500 Personen, die Böblingen verlassen werden - Soldaten, Angehörige, Zivilisten. Wie viele Soldaten insgesamt derzeit in Böblingen stationiert sind, darüber macht die Army keine Angaben. Es ist aber davon auszugehen, dass der Wegzug markant ist. Vor zwei Jahren bezifferte der damalige Standortkommandant die Zahl der Militärangehörigen in der US-Garnison Stuttgart auf 28 000 – darin sind neben Soldaten auch Familien und zivile Kräfte mit eingerechnet.
Ziehen nun 1500 Militärangehörige ab, sind darin neben den Soldaten auch Familienangehörige und zivile Angestellte mit eingerechnet. Dieser spürbare Aderlass kann zwar Entlastung bringen für die hiesige Infrastruktur, zugleich bricht aber womöglich eine Klientel weg – auf dem Immobilienmarkt, im Handel und nicht zuletzt in der Gastronomie. Groben Schätzungen zufolge leben allein in Böblingen zwischen 2000 und 3000 Amerikaner, als Wohnort beliebt ist auch Holzgerlingen.
So ist der Truppenabzug beides zugleich: Segen für die lärm- und staugeplagten Anwohner im unmittelbaren Umfeld der Kaserne. Aber Fluch für all jene, die sich gut mit den US-Militärs eingerichtet haben. Sei es auf wirtschaftlicher Ebene. Oder – und das sei dabei nicht vergessen – als Nachbarn, Freunde und Klassenkameraden.
US-Militär in der Region
US-Garnison
Die Böblinger Panzerkaserne ist Sitz der US-Standortverwaltung. Zudem befindet sich dort das US-Marineinfanteriekommando Europa und Afrika sowie Spezialeinheiten des Heeres und der Marine.
Weitere Standorte
In den Patch Barracks in Stuttgart-Vaihingen befindet sich das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Europa (Eucom). Die Kelley Barracks in Stuttgart-Möhringen sind Sitz des Hauptquartiers der US-Streitkräfte in Afrika (Africom). In den Robinson Barracks in Stuttgart-Zuffenhausen befinden sich Wohngebäude.