Gelbe Brief-Aufbewahrungsbehälter – ein Anblick ohne Zukunft: Der Zustellstützpunkt in Fellbach wird jetzt verlagert. Foto: Stoppel

Die Hauptpost wurde bereits vor Monaten geschlossen, nun wird auch der Fellbacher Zustellstützpunkt, von dem morgens die Briefträger ausschwärmen, ins Industriegebiet verlegt. Die Nutzer der 250 Postfächer müssen ab sofort ebenfalls weitere Wege zurücklegen.

 
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Ältere Zeitgenossen kennen eventuell noch das im Raum Berlin erfundene Buchstabentrio „jwd“ – ausgesprochen heißt es „janz weet draußen“. Eine geografische Zuordnung, die aktuell auch für gravierende Entwicklungen bei der Post in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) gilt. Das Hauptpostamt an der Stuttgarter Straße ist bereits seit vergangenem Oktober dicht. Als neue Ausweichanlaufstelle für Post- und Paketdienstleistungen verweist der Konzern auf die neu eröffnete Partnerfiliale in der Wohncity an der Cannstatter Straße. Nächstgelegene Filialen der Postbank mit Vollsortiment seien im Übrigen in Waiblingen (Mayenner Straße) oder Bahnhofstraße in Bad Cannstatt zu finden.

Altes Postamt seit Oktober leer

In Fellbach steht die alte Post somit seit sechs Monaten leer und macht mittlerweile optisch einen recht heruntergekommenen Eindruck. Doch demnächst steht auf dem Gelände noch ein weiterer Exodus an. Denn bisher konnten Anwohner aus jenem Viertel oder auch zufällig vorbeiflanierende Passanten noch fast täglich erhebliches Gewusel beobachten, wenn die Postboten von der direkt neben der alten Post gelegenen Halle ausschwärmten, um Briefe und Päckchen an die Menschen in der Stadt zu verteilen.

Auch das ist von der kommenden Woche an Vergangenheit. Der Zustellstützpunkt Fellbach wird nach ganz weit draußen verlegt, ins Industriegebiet in ein großes Gebäude an der Otto-Hahn-Straße 8, der Zugang erfolgt allerdings über die Lise-Meitner-Straße. Dorthin werden somit künftig die vom Waiblinger Briefzentrum kommenden Briefe sowie die Pakete aus dem Paketzentrum Köngen gebracht. „Nach dem Umzug werden dort 22 Zustellerinnen und Zusteller tätig sein, eine Kraft mehr als bisher“, erläutert Marc Mombauer, Pressesprecher Deutsche Post DHL Group für die „Regionale Kommunikation Süd“, auf Nachfrage.

Zusteller starten lediglich von einem anderen Ort

Etliche Briefträger werden künftig also erheblich längere Wege zu ihren Endkunden zurücklegen müssen. „Die Kundinnen und Kunden sind vom Umzug des Zustellstützpunkts nicht betroffen“, versichert Mombauer, „die Zustellerinnen und Zusteller starten ihre Tour lediglich von einem anderen Ort in Fellbach.“

Deutlich weitere Wege kommen allerdings auch auf die meisten der Fellbacher Postfachkunden zu. Denn die Fächer, die bis diesen Samstag noch an der Längsseite des alten Postgebäudes an der Pfarrer-Sturm-Straße untergebracht sind, werden ebenfalls in den neuen Stützpunkt verlegt.

Dort werden allerdings deutlich weniger Fächer vorhanden sein als am alten Standort mit seinen rund 600 Fächern. Grund ist die mangelnde Nachfrage. „Viele Postfächer waren in den vergangenen Monaten und Jahren nicht mehr belegt“, erläutert Mombauer, „die Postfachanlage wurde am neuen Standort entsprechend optimiert.“ Das bedeutet, dass am neuen Standort nur noch 25 Module vorhanden sind – also 25 Reihen mit jeweils zehn Postfächern, in der Summer 250 Postfächer. Die alten Postfächer wandern übrigens nicht weiter, vielmehr wird es eine komplett neue Postfachanlage geben. „Die Kunden bekommen am neuen Standort dann einen neuen Schlüssel, behalten aber ihre Postfachnummer“, sagt Mombauer, „die alten Schlüssel sollten abgegeben werden.“

Zu jenen Postfachkunden in Fellbach, denen künftig ein weiter Anmarsch abverlangt wird, gehört Reinhold Scheel; er wohnt unweit des bisherigen Hauptpost-Standorts. Seinem Ärger hat er in einem Schreiben ans Post-Kundenserviceteam Luft verschafft. Eine „Test-Wanderung“ zur Otto-Hahn-Straße hat er bereits hinter sich gebracht, jeweils 20 Minuten Hin- und Rückweg zu Fuß. Selbst für motorisierte Kunden sei dies ein ganz schöner Aufwand. Auf dem Weg dorthin komme man übrigens an der Ecke zur Schaflandstraße am „Imperial-FKK-Club“ vorbei, „vor Corona berühmt für seine Flatrate-Angebote“, lästert der 76-Jährige. Kurz dahinter gebe es dort draußen nur „Feld und Wiesen so weit das Auge reicht, also kurz vor dem Ende der Welt: Hier standen einst großflächig Gewächshäuser, und auf den Freiflächen bauten Gärtner Gemüse, Obst und Blumen an und pflegten ihre Baumschulen“.

Tempi passati, genauso wie bald auch der Anblick des traditionsreichen Postgebäudes im Stadtkern, dessen Abriss beschlossene Sache ist. Fazit des bisherigen Postfachkunden Scheel: Angesichts der Umstände könne er diesen „Service“ jetzt „leider nicht mehr in Anspruch nehmen“.

In Besitz der Kreisbaugruppe

Neues Wohngebiet
Das bisherige Postareal in Fellbach wurde 2014 von der Kreisbaugruppe Rems-Murr gekauft. Geplant ist eine Wohnbebauung mit Ladengeschäften im Erdgeschoss. In Abstimmung mit der Stadt Fellbach wird derzeit der städtebauliche Wettbewerb vorbereitet, so Pressesprecherin Martina Keck. „Der Wettbewerb soll im Sommer 2023 starte, mit einem Ergebnis wird Anfang der nächsten Jahres gerechnet.“

Oeffinger Hoffnung
„Postalische Verstimmungen“ gibt es nach dem Aus der bisherigen Filiale auch im Fellbacher Stadtteil Oeffingen. Zum Jahreswechsel wurden Überlegungen für einen Wechsel der Postfiliale ins künftige Bürgerbüro im Ortskern bekannt. Das scheint aber noch zu dauern, wie ein aktuelles Statement von Oberbürgermeisterin Gabriele Zull vermuten lässt: „Mit der Schließung der Postfiliale in Oeffingen sind die Wege für die Bürgerinnen und Bürger zur nächsten Annahme- oder Abgabestation der Post deutlich weiter geworden. Die Stadtverwaltung ist daher im engen Austausch mit der Deutschen Post, um eine bessere Lösung anbieten zu können. Die Gespräche befinden sich ‚auf der Zielgerade‘“.