Einer der Friedhofsneubürger hält Ausschau. Foto: Wulf Gatter

Mindestens zwei Graureiherpaare haben den Friedhof in Kirchheim zu ihrer Kinderstube erkoren. Kurioserweise sind die Horste gleich beim Grab von Christian Berroth, dem Gründer des örtlichen Vogelschutzbundes.

Kirchheim/Teck - Der Alte Friedhof der Teckstadt ist für Heimathistoriker und Familienchronisten ebenso interessant wie für Botaniker – und insbesondere für Vogelkundler. Hier haben die Gefiederten ihre Ruhe, und was für viele Singvögel gilt, hat sich offenbar auch unter Graureihern herumgesprochen. Schließlich hängt der spitzschnäbligen Spezies die früher verbreitete Bezeichnung Fischreiher nach, die auf ihre Vorliebe für allerlei Schuppentiere in natürlichen Gewässern, aber auch in Zierteichen zielt. Und so was dämpft bei Anglern und Gartenbesitzern die ungetrübte Wertschätzung des Vogels.

Wie es der Name schon sagt, bleiben auf einem Friedhof aber solch feindseligen Gedanken draußen vor der Mauer, im schnöden Weltgeschehen. Und so triumphiert gleich beim Osteingang des Alten Friedhofs auf einer lichten Kiefer das neue Leben in gleich mehreren Reiherhorsten durch lautstarkes Futterbetteln des Nachwuchses und den regen Flugverkehr der Altvögel. Für etliche Friedhofsbesucher zählt es bereits zur fes­ten Gewohnheit, den Blick nach oben zu richten.

Die Brut darf nicht gestört werden

Der Kirchheimer Wulf Gatter, pensionierter Forstmann und passionierter Ornithologe, weiß von mehreren Brutversuchen der stattlichen Vögel vor einigen Jahren, doch dann seien die Horstansätze „auf dubiose Weise wieder verschwunden“. Möglicherweise, so lautet eine der Spekulationen, ist in dem betreffenden Bereich die Verschmutzung von Gräbern befürchtet worden. Klar sei freilich, so der Vogelexperte Gatter, dass die Brut nicht gestört werden dürfe.

Noch in den 50er Jahren seien Reiher in unseren Breiten „extrem selten“ gewesen, sagte der Ornithologe bei einem Ortstermin auf dem Alten Friedhof. Im Raigerwald bei Dettingen sowie zwischen Oberlenningen und Gutenberg habe es zwei Kolonien gegeben, in ganz Baden-Württemberg seien seinerzeit nicht mehr als 200 Brutpaare registriert worden.

Ein Kuriosum fehlt indes beim jüngsten Kirchheimer Reiherkapitel nicht: Für ihre Kinderstuben haben die Vögel einen Baum gewählt, der in unmittelbarer Nähe zum Familiengrab der Berroths steht, ganz so, als wollten sie der Familie – und insbesondere Christian Berroth (1884–1967) – ihre Reverenz erweisen. Der aus Plüderhausen im Remstal stammende Volksschullehrer gilt nicht nur als Gründervater der Kirchheimer Ortsgruppe im damaligen Bund für Vogelschutz (BfV), sondern er trug auch den Beinamen „Vogelvater“. Treffend war auch die Bezeichnung „Vogeldoktor“, denn das Heim der Berroths, eine nach wie vor ins Auge stechende Villa beim Ziegelwasen, war umzingelt von Volieren mit allerlei gefiederten Patienten.

Nachwuchs am Grab des Vogeldoktors

Und so spricht der Kirchheimer Verleger Jürgen Schweier im Rückblick auf die Berrothsche Vogelpflegestation von einer wahren „Barmherzigkeitsinstitution“ in der Teckstadt. Schweier war 26 Jahre lang Kreissprecher des Landesnaturschutzverbands und gab den entscheidenden Anstoß zu einer heiß umkämpften Rettungsaktion zugunsten des Gebiets Lettenseen, das statt zu einer bereits planfestgestellten Erddeponie schließlich zum Naturschutzgebiet erklärt wurde.

Sowohl der Verleger als auch Wulf Gatter haben Christian Berroth und die gesellschaftlichen und kulturellen Aktivitäten der örtlichen Vogelfreunde in lebhafter Erinnerung. So sei Hermann Hähnle, ein Sohn der BfV-Gründerin Lina Hähnle aus Giengen an der Brenz, im Hause Berroth ein- und ausgegangen. Er übernahm nach 1945 die Leitung des Verbands, der künftig unter „Deutscher Bund für Vogelschutz“ firmierte und später im Nabu aufging.

Auch ein Ziehsohn der Hähnles, der Naturfilmer Hugo Wolter, kam öfters nach Kirchheim, ebenso dessen Berufskollege Frank, ein Wiener mit einer Vorliebe für Beutelmeisen, wie sich Wulf Gatter erinnert. Schließlich war es Agnellus Schneider, ein Pater und inniger Vogelliebhaber von stattlicher Statur, der nach Schilderungen Jürgen Schweiers regelmäßig auf seiner BMW mit Beiwagen aus Bad Wurzach anreiste, um über seine Erlebnisse mit Gottes gefiederten Geschöpfen zu berichten.

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