Der im Exil lebende türkische Journalist Can Dündar und der ägyptische Zeichner Mohamed Anwar porträtieren den Mann, der Europa erschüttert: in ihrer Graphic Novel „Erdogan“.
Stuttgart - Europa war stets mehr als ein Sektor der Landkarte. Eine Zeit lang war es ein optimistisches Zukunftsprogramm, eine Wertegemeinschaft, die an ihre fortwährende Ausweitung glaubte. Diese Zuversicht ist tief erschüttert, bei manchen zerbrochen. Eine der Symbolfiguren für die Desillusionierung der optimistischen Europäer ist der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan.
Der Islamist im Gewand des autoritären Demokraten hat die laizistischen Strukturen der Türkei schwer geschädigt, die Justiz in eine Farce verwandelt, die kritische Presse zerschlagen und an Gegnern abschreckende Exempel statuiert. Manchem mag die Idee, Erdogans Karriere in einem Comic zu analysieren, daher fast frivol, da verniedlichend erscheinen. Solche Befürchtungen werden aber selbst bei hartnäckigsten Comicverächtern verfliegen – beim Blick auf die Macher der 318 Seiten starken, bei Özgürüz Press erschienenen Graphic Novel „Erdogan“.
Objektivität statt Satire
Der seit 2016 im deutschen Exil lebende Autor Can Dündar war Chefredakteur der regierungskritischen türkischen Zeitung „Cumhuriyet“, gegen deren Journalisten Erdogans Machtapparat hart vorging. Im Dezember 2020 wurde Dündar in Abwesenheit von einem türkischen Gericht zu 27 Jahren Haft verurteilt, wegen des Verrats von Staatsgeheimnissen. Er hatte unter anderem über geheime Waffenlieferungen der Türkei an Islamisten in Syrien berichtet. Der ägyptisch-sudanesische Zeichner Mohamed Anwar hat mit Karikaturen die ägyptische Revolution und den Kampf zwischen dem politischen Islam und Militärregime verfolgt. 2019 wurde er verhaftet und deportiert, er lebt und arbeitet nun in Berlin.
So gerechtfertigt sie auch wäre, „Erdogan“ ist keine wütende Abrechnung mit, auch keine Satire auf Erdogan. Mit erstaunlicher Disziplin geht Dündar einen ganz anderen Weg, den einer aus vielen Quellen schöpfenden, möglichst objektiven Schilderung des persönlichen und politischen Werdegangs Erdogans. Das wäre, bliebe es reiner Text, das Dossier, aus dem ein journalistisches Porträt erst entstünde. Durch Anwars schwarz-weiße Zeichnungen aber, die in Schlüsselmomenten immer wieder zeitgeschichtliche Fotos aufgreifen, beginnt die Faktensammlung doch, anregend zu schweben.
Geformt durch Niederlagen
Den nüchternen Informationen tritt durch die Zeichnungen ein Element von Interpretation, Vorbehalt, Deutung und Zweifel an die Seite. Einerseits ist so immer das Bewusstsein da, dass alles auch ein klein wenig anders sein könnte. Andererseits tritt nun ein emotionales Element hervor, das in den Worten nicht enthalten ist. Die einseitigen Arbeiten Joe Saccos etwa über den Nahostkonflikt werden oft als Gipfel des Reportage-Comics abgefeiert. „Erdogan“ zeigt eher, wie ertragreich der Comic das journalistische Handwerkszeug erweitern und wie gut er Zeitgeschichte aufarbeiten kann.
Dündar und Anwar zeigen uns, wie der spätere Staatspräsident Erdogan als Sohn eines prügelnden, verbohrten, launischen Vaters einerseits zwangvolle Autorität als Normalzustand verinnerlicht und wie er dabei die Moschee als Freiraum und Stabilitätsgarant erlebt. Der junge Erdogan, der sich früh der Politik zuwendet, wird dann über Niederlagen, nicht über Triumphe definiert. Je mehr Widerstände den Aufstiegswilligen hemmen, je öfter er ausgekontert wird, desto selbstverständlicher werden ihm Winkelzug, Verstellung, das scheinbare Bündnis mit jenen, die er ausschalten oder auf ganz andere Linien bringen will.
Gegen den naiven Umgang
Man kann diese Graphic Novel also gar nicht nur als spannenden Informationsgeber über die jüngere Geschichte der Türkei lesen: Sie stellt auch Fragen über unseren noch immer naiven Umgang mit den Instrumenten und Sachwaltern von Erdogans durchtriebener Politik in unserem Land.
Zwar zeigt das letzte Bild in Abweichung der sonstigen Sachlichkeit Erdogan als Herrscher auf einem Thron. Aber diese Spiegelung von Ambitionen ist eine Vorschau. „Erdogan“ endet 2001 mit der Gründung der Gerechtigkeits- und Aufschwungpartei (AKP). Bis dahin hat sich der Mann, der als Berufsfußballer startete, stets durch bestehende Strukturen gewunden. Nun hat er seinen eigenen Apparat, aber das alte strategische Konzept: „Minarette unsere Bajonette, Kuppeln unsere Helme, Moscheen unsere Kasernen, die Gläubigen unsere Soldaten.“ Einen weiteren Band, der zeigen soll, wie Recep Erdogan nach seinem Wahlsieg 2002 die Türkei umgestaltet, haben Can Dündar und Mohamed Anwar bereits geplant.
Can Dündar/Mohamed Anwar: Erdogan. Özgürüz Press, 318 Seiten, 25 Euro.
Can Dündar
Journalist
Der 1961 in Ankara geborene Can Dündar hat in der Türkei für Fernsehen und Zeitungen gearbeitet und war Chefredakteur von „Cumhuriyet“. Im Exil schreibt er unter anderem für die „Zeit“. Sein demokratisches Engagement wurde vielfach ausgezeichnet
Verleger
In Deutschland hat Dündar zusammen mit David Schraven, dem Gründer des Recherchebüros Correctiv, den Verlag Özgürüz Press gegründet, als „Zuflucht für verfolgte Autoren“.