Kleiner Imbiss mit Granny-au-pair: Elisabeth Simon mit den Kindern Iwen (li.) und Lewin Foto: StN

Dass Jugendliche als Au-pair ins Ausland gehen ist nicht selten, dass es gestandene Frauen machen dagegen schon. Doch immer mehr entdecken dieses Feld für sich. Viele Frauen im fortgeschrittenen Alter suchen nach dem Arbeitsleben oder weil die Kinder aus dem Haus sind nach neuen Perspektiven.

Stuttgart - Elisabeth Simon ist ein richtiger Wirbelwind. Die Ex-Bankerin (61) im Ruhestand war schon immer reiselustig. Warum also nicht mal als Oma auf Zeit ins Ausland? Über die Hamburger Agentur Granny-Aupair, die Frauen der Generation 50plus in ausländische Familien vermittelt, kam der Kontakt nach Taiwan zustande. Dort hat Elisabeth Simon von Januar bis April in einer Gastfamilie die beiden Kinder (vier und eineinhalb Jahre) betreut. „Das war wie Urlaub mit Familienanschluss“, schwärmt die Stuttgarterin, die keine Minute bereut hat, wie sie sagt. „Es hat einfach gepasst.“

Hoch über den Dächern von Stuttgart blättert sie im Fotobuch, das sie von ihrem Aufenthalt gemacht hat, darunter Fotos von Ausflügen, von ihren Schützlingen, die bei ihr auf dem Schoss kuscheln oder von Familienfesten, wo herzhaft gelacht wird. Der Abschied sei richtig schwer gefallen, sagt die Ruheständlerin. Und das schönste Erlebnis? „Das chinesische Neujahrsfest mitzufeiern“, kommt die Antwort prompt.

Dass Jugendliche als Au-pair ins Ausland gehen ist nicht selten, dass es gestandene Frauen machen dagegen schon. Doch immer mehr entdecken dieses Feld für sich. Viele Frauen im fortgeschrittenen Alter suchen nach dem Arbeitsleben oder weil die Kinder aus dem Haus sind nach neuen Perspektiven, sind neugierig auf andere Länder und lieber als Oma auf Zeit im Ausland unterwegs als eine Urlaubsreise zu buchen.

Bereits 500 Frauen in Gastfamilien vermittelt

Die Hamburger Agentur Granny Aupair hat mittlerweile über 500 Frauen in Gastfamilien in mehr als 40 Länder vermittelt. Die Idee dazu hatte die Hamburgerin Michaela Hansen, die Anfang 2010 die Agentur gegründet hat. Die Idee kam der zweifachen Mutter und vierfachen Großmutter auf der Couch während der TV-Sendung „Auf und Davon“, in der junge Aupairs von einem Fernsehteam begleitet werden. Träume, die sie selbst geträumt hat – es geht um Abenteuer, Reisen, Aufbruch ins Ausland. „Heute helfe ich vielen älteren Frauen als Granny Aupair die Welt zu entdecken“, sagt Hansen.

Elisabeth Simon ist eine davon. „Ich war schon als Kind neugierig auf andere Menschen und Kulturen“, sagt sie. Als Asien-Fan hat sie nicht gezögert, als sie die Anfrage der Gastfamilie aus Taiwan bei Granny-Aupair entdeckt hat. Das war Ende November. Nach ersten telefonischen Kontakten waren sich beide Seiten schnell einig. „Es war gleich eine Sympathie da“, beschreibt es Elisabeth Simon. Mitte Januar ist sie nach Taiwan geflogen. Klar war es für beide Seiten eine Umstellung, sagt sie. Man müsse aufgeschlossen, flexibel und anpassungsfähig sein und ein gewisses Selbstbewusstsein haben „Ich koche und backe gerne“, sagt Simon, deshalb beglückte sie ihre Gastfamilie schon mal mit Schnitzel und Pommes, Spaghetti Bolognese und Marmorkuchen. Sie hat sogar Brot gebacken. Das kam so gut an, dass sich die Familie mittlerweile einen Brotbackautomaten angeschafft hat.

„Man lernt ein Land anders kenne, wenn man in einer Gastfamilie lebt“

Schon am ersten Abend war der Bann gebrochen und Granny-Aupair Elisabeth durfte gleich den Kleinen füttern. „Ich fühlte mich dort wie ein Familienmitglied“, sagt sie. Vor Herausforderungen schreckt die Stuttgarterin nicht zurück. Schon nach wenigen Tagen traute sie sich in der Stadt, in der die Gastfamilie lebt, Auto zufahren. Immerhin hat Kao Hsiung im Südwesten Taiwans rund 3,5 Millionen Einwohner. Dass sie mit Kindern gut kann kam ihr zugute, ebenso ihre Reise- und Lebenserfahrung. „Man lernt ein Land anders kennen, wenn man in einer Gastfamilie lebt“, sagt sie.

Toleranz, Humor und offen sein für Neues sind wichtige Eigenschaften für solche Einsätze, denn jeder Aufenthalt bei einer Gastfamilie ist ein individuelles Abenteuer. Wie bei jugendlichen Aupairs kann auch bei Grannies der Aufenthalt in einer Familie schiefgehen. „Wenn es nicht geklappt hätte, hätte ich die Koffer gepackt“, sagt Elisabeth Simon. Aber das Gegenteil war der Fall. Mittlerweile ist längst eine Freundschaft mit der Gastfamilie entstanden. Länder, die Elisabeth Simon reizen gibt es noch viele. Auch wenn die reiselustige Stuttgarterin schon etliche Fernreisen gemacht hat, am liebsten sitzt sie noch immer auf gepackten Koffern.

Bei den Familienmitgliedern auf Zeit muss die Chemie stimmen

Granny Aupair versteht sich als eine reine Kontaktvermittlung. Die Granny Aupairs erstellen ein Profil, die Familien die eine Granny suchen, ebenfalls. Anwärter bewerben sich dann direkt bei der Familie, schließlich sind sie dann Familienmitglieder auf Zeit – und da muss die Chemie stimmen.

Bei der Anmeldung bei der Agentur fallen Kosten an – für einen Monat Mitgliedschaft sind das 99,90 Euro, Frauen oder Familien, die ihr Profil gleich zwölf Monate in der Kartei belassen, zahlen 29,90 Euro im Monat. Reise und Reisekosten müssen die Aupairs selbst organisieren bzw. tragen. Manche Gastfamilien beteiligen sich aber auch daran. Kost und Logis sind grundsätzlich frei, im Gegenzug kümmern sich die Omas auf Zeit um den Nachwuchs. Manchmal gibt es für die Granny Aupairs auch ein Taschengeld, manchmal einen Sprachkurs. Das ist individuelle Verhandlungssache – ein neues Kapitel an Lebenserfahrung kommt auf jeden Fall dazu.

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