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"Deutschland retten" - das hat sich Stefan Raab für den Eurovision Song Contest zur Aufgabe gemacht.

München - "Deutschland retten" - das hat sich Stefan Raab beim völlig umgemodelten deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest zur Aufgabe gemacht. Erstmals wird der deutsche Eurovisions-Kandidat über mehrere Castingshows hinweg gesucht.Es muss ein Ruck durch den deutschen Schlager gehen! Mit dieser Vorgabe trat Stefan Raab am Dienstagabend an. Beim Start der Castingshow "Unser Star für Oslo" auf Pro7 wurde erstmals der deutsche Teilnehmer für den Eurovision Song Contest am 29. Mai gesucht, der in Norwegen mindestens unter die ersten zehn kommen soll, wenn nicht mehr. Motto des Abends: Grand Prix total. Oder auch: Schlag den Aserbaidschaner!

Der absolute Superstar, der das serbische, bulgarische oder weißrussische TV-Publikum beim globalen europäischen Wettsingen euphorisiert aus den Sesseln reißt, ist zwar noch nicht unbedingt in Sicht - aber im Vergleich zu DSDS war der Start von USFO, wie die Raab-Schlagerfahndung beim Internet-Dienst Twitter bereits abgekürzt wird, eine unterhaltsame Abwechslung. Denn: Statt wie bei RTL fragwürdige Kandidaten mit verdächtigen feuchten Flecken auf der Hose dem Gespött preiszugeben, geht es in der ARD-Pro7-Kooperation doch tatsächlich um Musik. Pop statt Pipi, wie angenehm! Auch wenn die Jury mit Raab, Yvonne Catterfeld und Marius Müller-Westernhagen ein wenig arg akademisch über "gut kontrollierte Vibratos" und "schöne Falsettstimmen mit sanften Obertönen" referierte, um sich auch wirklich nachdrücklich vom RTL-Castingzirkus abzuheben.

"Die Vorfreude ist völlig berechtigt, es wird hochkarätige musikalische Glanzleistungen geben", trommelte Schlagermessias Raab gleich zu Beginn, ließ sich als Jurypräsident, ganz wie Bohlen, auf dem linken Sessel nieder - und wirkte durchaus ein wenig überwältigt ob seiner historischen Rettungsaufgabe, den deutschen Pop vom Siechen zum Siegen zu befördern.

Der pfiffige Moderator Matthias Opdenhövel bewies klar, dass er im Vergleich zu RTL-Nervensäge Marco Schreyl eine wahre Erholung darstellt, aber das hatte man auch schon von "Schlag den Raab" gewusst. Kollegin Sabine Heinrich vom WDR-Jugendradiosender 1Live wirkte weniger pfiffig, jonglierte fahrig mit ihren Moderationskarten und wird wohl vorwiegend durch ihre niedliche Zahnlücke in Erinnerung bleiben.

Nach dem üblichen Stefan-Raab-Autoverlosen (ein Toyota, hoffentlich mit funktionierendem Gaspedal) ging es um die zehn bisher völlig unbekannten Kandidaten und ihre Songs - und die präsentierten sich allemal interessanter als die RTL-Castingopfer. Musiklehrer Benjamin aus Duisburg versuchte sich als lässig grinsender Mix aus Robbie Williams und Sasha, lieferte aber eine leicht windschiefe Version von Robbies letztem Hit "Bodies". Germanistikstudentin Kerstin aus Osnabrück probierte mit verrutschtem Julia-Timoschenko-Brezelzopf geschickt eine erste Annäherung ans ukrainische TV-Publikum.

Kandidat Johannes sorgte mit einer anständigen Version von Seals "Crazy" für den Heidi-Klum-Moment, der in einer Pro7-Castingshow nie fehlen darf. Und die Konkurrenten Dalia, Michael und Mary (exzellent!) versuchten sich mit Songs von Etta James, Paolo Nutini oder Agnes an durchaus interessantem und anspruchsvollem Repertoire. Ein Juwel wie die fabelhafte Schweizer Soulsängerin Stefanie Heinzmann, die Raab 2008 bei seinem DSDS-Konkurrenten SSDSDSSWEMUGABRTLAD ausgrub, fehlt noch. Wobei: Die bildhübsche Verkäuferin Katrin aus Köln lieferte mit Pinks Ballade "Nobody Knows" ein erstes echtes beinahe bosnientaugliches Highlight. Abiturientin Lena aus Hannover, die letzte Kandidatin des Abends, durfte sich von Westernhagen "Star-Appeal" bescheinigen lassen: "Die Menschen werden dich lieben." Und bis Oslo stehen ja noch sieben weitere Castings auf der Agenda, die nächste bereits am kommenden Dienstag, wieder auf Pro7. Das Finale findet dann am 12. März im Ersten statt.

Ob Raab auch weiterhin so eine interessante Jury-Konstellation findet wie gestern, bleibt abzuwarten. Statt der chronisch dauerbegeisterten Nina Eichinger und des kreuzbraven Bohlen-Günstlings Volker Neumüller bittet ProSiebens Besser-Bohlen jeweils zwei andere Stars auf die Jurystühle. Das funktionierte recht gut, vor allem dank des sperrigen Westernhagen, der doch tatsächlich US-Superstar Beyoncé nicht kannte (würde es auf RTL nie geben) und der kein Hehl aus seiner grundsätzlichen Abneigung gegen Casting-Shows machte. Aber: "Wenn man's schon nicht ändern kann, muss man wenigstens versuchen, die Qualität zu heben." Das schaffte Stefan Raab bereits recht ordentlich. Und stimmte damit sogar Westernhagen gnädig, der auf den Spuren von Nina Eichinger irgendwann sanft säuselte: "Die Aufgabe in der Jury ist so schwer, weil ich die Kinder hier alle so lieb habe und alles so toll finde." Haben uns auch Weißrussland, Serbien und die FYROM (Former Yugoslav Republic of Macedonia) künftig wieder lieb? Ein Anfang immerhin ist gemacht.

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