Szene aus „Electric Life“ von Eric Gauthier Foto: Regina Brocke

Mehr Feier tänzerischer Energie als Verbeugung vor den großen Frauen: Bei „Grandes Dames“ von Gauthier Dance im Theaterhaus erlebt das Publikum weibliches Schaffen als Initialzündung.

Stuttgart - Eric Gauthier macht Unmögliches möglich und erfüllt Erwartungen, indem er sie unterläuft und dann doch auf eigene Art erfüllt. Der Chef von Gauthier Dance beendet seine elfte Spielzeit am Theaterhaus mit einem Abend, den er weiblichen Tanzschaffenden widmet. Mit der Frankokanadierin Virginie Brunelle und der Tanzregisseurin Helena Waldmann hat er zwei starke Repräsentantinnen für „Grandes Dames“ verpflichtet. Um den Programmtitel scheren sich diese beiden allerdings nicht.

„Beating“ heißt Virginie Brunelles erste Produktion in Europa, die am Premierenabend am Donnerstag in Stuttgart uraufgeführt wurde, gefördert von der Initiative New Chapter des Canada Council of the Arts. Die aus Québec stammende Choreografin mit eigener Kompanie in Montréal überrascht zu Streicherklängen von Franz Liszt und Henryk Górecki mit einer völlig relaxten Tanzsprache, die vom erschlafften Körper ausgeht und ihn wie eine willenlose Gliederpuppe zum Spielball aktiver und passiver Kräfte werden lässt. Die Energie, die nach und nach die Herzen und Muskeln aller Protagonisten zum Pochen bringt, scheint aus dem Nichts geboren. Das gipfelt in einer Serie von Umarmungen, die Zusammenstößen gleichen. Mit Karacho prallen Theophilius Vesely und Barbara Melo Freire als Elementarteilchen aufeinander und finden in einen poetischen Pas des deux, der eher aus Loslassen denn aus Festhalten besteht. Wie das Zusammenspiel neue Kräfte freisetzt, deren Wirkung sich verzögert im Alleingang entfaltet, ist klug gedacht und von den Darstellern detailgenau umgesetzt.

Mit jedem Peitschenhieb ein neues Gesetz

„We Love Horses“ hat Helena Waldmann ihr Ausnahmestück für Gauthier Dance überschrieben. Ausnahme deshalb, weil – so betonte Eric Gauthier in seiner launigen Ansprache – sich die Berliner Theaterfrau normalerweise nicht auf 15 Minuten beschränkt, um ihren gesellschaftskritischen Themen einen körperlichen Ausdruck zu verschaffen. Tatsächlich erschließt sich dieses Mal die tieferliegende Dimension ihrer wuchtig-lauten Arbeit nur durch einen Blick ins Programmheft. Dass die peitschenschwingende Lady in Black quasi als moderne Justitia mit jedem Knall ein neues Gesetz erlässt und der Freiheit immer engere Grenzen setzt, ist ohne Begleittext nicht zu verstehen. Wohl aber, dass sich die Protagonisten-Meute der durch Bein-Apparaturen übergroßen Domina unterwirft und geradezu danach giert, ihre durch fleischfarbene Attrappen vergrößerten Hintern auf Kommando vibrieren zu lassen: Die erzwungene Qual als willkommene Lust.

Mit Anleihen aus der BDSM-Szene und effektvollen Lichtwechseln zeigt Waldmann in „We Love Horses“ einen kollektiven Gehorsam, der unter der Maske der Disziplin auch im Ballettsaal herrscht. So lässt sich eine an Fußsohlen und Fingerspitzen tippende Gerte als Korrekturstock eines Ballettmeisters interpretieren. Solche doppelten Lesarten bieten sich jedoch selten an. Und so stakst das kompromisslos und powervoll dargebotene Werk dann letztlich auf der Stelle.

Ein künstlerisches Erweckungserlebnis

Deutlich subtiler und als Miniatur poetisch auf den Punkt gebracht: Marco Goeckes „Infant Spirit“, erneut zur betörenden Stimme von Antony and the Johnsons. Der scheidende Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts, der an diesem Abend mit „La Strada“ am Münchner Gärtnerplatztheater Premiere feierte und daher abwesend war, hat seinem Nijinski-Darsteller Rosario Guerra ein Solo auf den Leib geschrieben, das autobiografisch von einem künstlerischen Erweckungserlebnis erzählt. Auch hier muss man wissen, dass es Pina Bausch mit ihrem Tanztheater war, die dem Schuljungen Marco eine Perspektive im Leben eröffnete. Doch wie linkisch geknickt einer durch die Welt geht, wie diese suchende Seele von etwas ergriffen wird, in höchster innerer Erregung ein staunendes „Beautiful“ stottert, durch Ballettstunden, in denen die Arme die Schritte vorwegnehmen, zum Homo erectus wird und sich zuletzt eine Blume ans Revers heftet, als kröne nur sie zum Künstler – das alles unterstreicht wieder einmal, wie präzise Goecke emotionale Prozesse in seine eigene Tanzsprache zu verwandeln versteht. In Rosario Guerra hat er bei Gauthier Dance einen Interpreten gefunden, dem das Goecke’sche Universum in den Muskeln steckt.

Hommage an Louise Lecavalier

Im Schulterschluss mit dem Griechen Andonis Foniadakis beschließt Eric Gauthier den „Grandes Dames“-Abend mit „Electric Life“. Das Stück ist eine Verbeugung vor der kanadischen Ausnahmetänzerin Louise Lecavalier, Frontfrau von La La La Human Steps. Auch hier ist von der starken Muse, die als Inspirationsquelle nachwirkt, auf der Bühne nichts Konkretes zu sehen. Wohl aber teilt sich der Funkenschlag mit, jene Energie im Tanz, die sich auf Gauthier übertrug und die ihn nun zu raumgreifenden Schwüngen und akrobatischen Sprüngen animiert. Während Gauthier seine Tänzer locker und beschwingt in einer von Neonröhren umstellten Arena agieren lässt, sorgt der Choreograf Foniadakis nach acht Minuten für eine strengere Ordnung. Die Leuchtröhren gewinnen an Macht, werden zu Mitspielern auf der Bühne und lassen die Bewegungen der Protagonisten nicht nur im Stroboskoplicht eckiger erscheinen. Immer mehr mutieren sie zu Mensch-Maschine-Wesen, die ihre Energie nutzen, um andere zu entzünden und eine futuristische Walpurgisnacht zu feiern.

Was also bleibt vom Frauenabend? Sicher die Einsicht, dass es gar nicht darum geht, „weibliche“ Qualitäten in der Choreografie aufzuspüren und herauszustellen. „Grandes Dames“ feiert vielmehr die gesamte Bandbreite und Vielfalt des Tanzes und das mit Verweis auf die weiblichen Ikonen dieser Kunst.

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