Im Zentrum des Geschehens: Sängerin Cassie McIvor und die Las Vegas Showgirls in der „Grande Revue“ des Friedrichsbau-Varietés Foto:  Lichtgut/Achim Zweygarth

Die Australierin Cassie McIvor hat schon auf allen Kontinenten gesungen. Via Facebook ist sie nun im Friedrichsbau Varieté gelandet – als Hauptact der „Grande Revue“.

Stuttgart - Cassie McIvor steht mit acht Songs im Zentrum der „Grande Revue“, die bis zum 23. Februar im Friedrichsbau-Varieté zu sehen ist. Im Interview spricht die 31-Jährige über erotische Shows in Macau und Ärger mit den Stuttgarter Fahrscheinautomaten.

Miss McIvor, Sie haben die ersten Shows hinter sich gebracht, wie war Ihr Start im Friedrichsbau-Varieté?

Anstrengend. Wir hatten nur vier Tage zum Proben, ich stand vom ersten Tag an im Kostüm da, was nicht üblich ist. Normalerweise konzentriert man sich erst mal auf die Songs und die Kreativität in der Darbietung. Aber wir sind alle Profis und haben gemerkt, wie talentiert alle 16 Akteure sind. Da hängt sich jeder rein, damit er den anderen nicht die Zeit stiehlt.

Wie läuft es für Sie auf der Bühne?

Ich singe acht Songs von „Big Spender“ bis „Dream on“ von Aerosmith, und ich bin ziemlich glücklich mit der Mischung. „Chandelier“ von Sia (australische Songwriterin, Anmerkung der Redaktion) ist das aufregendste Stück. Aber die Zuschauer sind manchmal etwas schüchtern . . .

Wie wirkt sich das aus?

In Australien gehen die Menschen schnell aufeinander zu, hier halten sie erst mal Distanz und schauen, was man von ihnen will. Aber wir wollen hier einen Raum schaffen, damit die Leute entspannen und nicht mehr an die Arbeit denken. Ich glaube, das klappt im Lauf der Show ganz gut! Außerdem waren die Tische von Anfang an besetzt, abgesehen von wenigen Ausnahmen. Das Friedrichsbau-Varieté hat offenbar ein loyales Publikum.

Sie treten an fünf Abenden die Woche auf, sind immer bestens gelaunt. Wie geht das?

Jeder hat mal einen schlechten Tag. Aber wenn du auf die Bühne gehst, darf das nicht die Oberhand gewinnen. Da musst die traurige Energie in die Songs packen. Das funktioniert – vor allem, wenn die Lieder emotional angelegt sind. Dann läuft’s auch bei dir wieder. Ich sage immer, Auftreten ist wie eine Therapie.

Sie haben montags und dienstags frei, was haben Sie an Ihrem ersten freien Tag gemacht?

Geschlafen. Die ersten Tage waren eben hart, und wir konnten alle den ersten freien Tag kaum erwarten. Wir hatten nach der Show am ersten Sonntag noch gefeiert, mit einem schönen Abendessen und Drinks. Dann wollte ich erst mal schlafen . . .

Und am Dienstag?

Da hab ich mir den Schlossplatz und die Innenstadt angeschaut, und die ganzen Kleinigkeiten für den Alltag besorgt wie eine Sim-Card fürs Handy und so. Und ich habe mit dem Ticketautomaten gekämpft . . .

Gekämpft?

Ich sage Ihnen, das mit den Tickets für die ­U-Bahn ist echt kompliziert hier, so viele ­Informationen, und dass man die Tickets ­abstempeln muss, konnte ich an dem Kasten auch nicht ablesen.

Haben Sie schon Schwäbisch gegessen?

Bisher nur Brezeln, die sind gut. Die Bäckerei in der Tankstelle vor unserem Apartmenthaus (Anm.: Die Künstler wohnen gegenüber dem Varieté auf der anderen Straßenseite) ist wirklich gut, sozusagen unsere beste Freundin.

Was wollen Sie noch probieren?

Ich bin gespannt auf den Weihnachtsmarkt. In Osaka, wo ich bis zum Frühjahr aufgetreten bin, hat der German Christmas Market schon seit Halloween offen – wie alle Weihnachtsmärkte außerhalb Deutschlands. Ich musste meinen Freunden dort immer schreiben, dass ich noch warten muss. Ich freue mich jetzt aber auf den Glühwein und die ­süßen Sachen­ . . .

Süßes habe ich auf Ihrem Speiseplan nicht vermutet.

Ich bin hier nicht für mein Gesamtpaket engagiert worden, sondern für meinen Gesang (Anm.: McIvor ist 1,67 Meter groß und gertenschlank). Ich passe eher auf, dass ich nichts esse und trinke, was der Stimme schadet, also Scharfes, Kaffee, Schokolade oder was sonst Sodbrennen verursachen kann.

Wie Glühwein?

(Lacht) Na gut, ich probiere das auch nicht vor der Show, sondern danach . . .

Wie sind Sie ans Varieté gelangt?

Sie fanden mich auf Facebook. Ich wollte schon immer mal ins deutsche Musical, die Szene ist hier sehr groß und in der Branche weltbekannt. Dann habe ich im Sommer zwei Kreuzfahrten auf der „Europa 2“ von Hapag-Lloyd gemacht, einmal von Sri Lanka nach Dubai, einmal von Hamburg nach Portugal. Da habe ich ein Jazz-Set gesungen, und alle haben Deutsch oder Japanisch gesprochen, das war echt witzig.

Was genau?

Ich kann Japanisch singen und habe das dann für die japanischen Gäste kurzfristig eingeübt . . .

Die „Grande Revue“ ist aber kein Musical.

Ja, aber als die Anfrage im Sommer kam, war ich sozusagen gerade deutsch orientiert und ich fand das Angebot gut. Ich habe ­meine Freiheiten, kann mein Programm ­mitgestalten, das Engagement ist nett und kurz. Bis Februar habe ich Zeit, das deutsche Publikum kennenzulernen und zu schauen, was dann kommt. Vielleicht ja ein Musical?

Welches ist Ihr Lieblingsmusical?

Zu „Wicked“ habe ich eine spezielle Ver­bindung. Ich habe die Elphaba zwei Jahre in Japan gegeben.

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?

Ich bin in Melbourne aufgewachsen, hatte dort meinen ersten Auftritt schon mit vier Jahren in einem Theaterstück. Mit 18 habe ich an der Ballarat Arts Academy in Victoria Musical Theatre studiert und gelernt, wie man Gesang, Tanz und Schauspiel verbindet. Von dort aus habe ich an einem Vorsingen des Themenparks der Universal Studios in Osaka teilgenommen, und die haben mich eben für „Wicked“ genommen. Ich blieb zweieinhalb Jahre.

Wie ging es weiter?

Danach habe ich erst mal die USA und Kanada bereist, um zu lernen – ob als Zuschauerin oder als Sängerin. Dann habe ich ein paar Jahre in London gelebt, habe für Bands oder solo in Clubs gesungen, Aufnahmen für DJs in ganz Europa gemacht. Dann engagierte mich der Cirque-du-soleil-Mitbegründer Franco Dragone für eine Show in Macau. Die hieß „Taboo“ und war sehr, sehr sexy. Ich machte noch eine weitere Show und blieb auch in Macau zweieinhalb Jahre. ­Später habe ich in Belgien gelebt, wieder in Australien, wieder in den USA, wieder in ­Japan. Ich bin immer auf dem Sprung.

Es heißt, Sie haben die Bühne mit Mariah Carey und Madonna geteilt?

Ich war mit dem „Taboo“-Ensemble Teil der Eröffnungsfeierlichkeiten des Casinos Studio City in Macau. Mariah Carey hat dort am gleichen Tag gesungen, Madonna einen Tag später.

Miss McIvor, wie werden Sie Weihnachten verbringen ?

Das ist mein elftes Weihnachten in der Fremde. An Heiligabend haben wir keine Aufführung. Da werde ich mit dem Ensemble feiern, essen, wichteln, vielleicht Gesangsstunden geben. Wir werden es uns schön machen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: