Grand Budapest Hotel Die Figuren genügen sich selbst

Von Bernd Haasis 

Regie-Wunderling Wes Anderson inszeniert ein Zuckerbäcker-Europa, wie es sich nur ein Amerikaner vorstellen kann.

Filmkritik und Trailer zum Kinofilm "Grand Budapest Hotel"

Stuttgart - Sobald die Menschen wüssten, dass man ­Autor sei, trügen sie einem Geschichten zu, sagt ein Schriftsteller (Tom Wilkinson) – und Regisseur Wes Anderson hat bei der Berlinale, wo sein Film Weltpremiere feierte, ­zugegeben: „Das ist direkt aus ,Ungeduld des Herzens‘ übernommen, das war einfach die perfekte Einleitung auch für den Film.“

„Ungeduld des Herzens“, 1939 veröffentlicht, ist der einzige vollständige Roman des österreichischen Autors Stefan Zweig (1881–1942), und auch dessen autobiografisches Spätwerk „Die Welt von gestern“ hat es ­ Anderson angetan. „Grand Budapest ­Hotel“ ist seine Interpretation europäischer Geschichte, Atmosphäre, Stimmung zwischen den Weltkriegen – eine fröhliche Farce über einen Concierge in einem allmählich absteigenden Nobelhotel.

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Andersons Blick auf Europa entspricht dem vieler US-Amerikaner: Er sieht die Alte Welt als putziges Märchenreich und hat sie in bonbonfarbener Disneyland-Stilisierung inszeniert als fiktives Land mit deutschen Namen, in dem sich krude Charaktere tummeln. Der eigenwillige Regie-Wunderling hat seine pseudoeuropäische Wunderwelt detailverliebt ausgestaltet, sie ist erfüllt von handgemalten Hinweisschildern, spinnerten Uniformen (die Sonderpolizei heißt ZZ, „Zig Zag-Squad“) und surrealen Zuckerbäcker-Kreationen in ­rosafarben leuchtenden Schachteln. Digital nachgeholfen haben zwei Firmen aus Stuttgart, die neu gegründete Niederlassung von Look Effects (Los Angeles) und die Luxx Studios.

Was von Zweig bleibt, sind der Autor und seine Figur (der Concierge), die mit Schnauzer und runden Brillengläsern aussehen wie er – und seine gewaltige Sprache. Das Vehikel dafür ist Ralph Fiennes („Brügge sehen . . . – und sterben“): Er charmiert, doziert und tobt als Concierge M. Gustave, als wäre dieser einer der großen, zwiespältigen Charaktere Shakespeares. Makellos schöne Sätze reiht er aneinander, leidenschaftlich verficht er moralische und ästhetische Prinzipien, die er ständig selbst bricht, er hat cholerische Ausbrüche und zitiert nebenbei­ wie aus dem Nichts ­romantische Lyrik.

Eingerahmt ist er von Stars in Kurzauftritten, die nicht vielen ­Regisseuren so einen Gefallen tun würden: Tilda Swinton glänzt in entstellender Maske als Greisin, Willem Dafoe als wüster Killer, Edward Norton als schnauzbärtiger Polizist mit ­Pickelhaube, Saoirse Ronan als süße Konditorin. Das ­Figurentableau ist ­so üppig überladen wie alles an diesem Film, der letztlich, typisch Anderson, nirgends hinführt: Wie schon in „Die Tiefseetaucher“ (2004) und „Darjeeling Limited“ (2007) genügen sich skurrile Personen, Orte, ­Situationen selbst.

Die Geschichte mit gleich zwei Rahmenhandlungen ist, vorsichtig formuliert, turbulent und unübersichtlich. Sie dreht sich im Kern um menschliche Begehrlichkeiten und ein Gemälde, doch das spielt eigentlich alles keine Rolle. Wie ein quietschbunter Traum zieht der Bilderrausch vorüber, der seine ­Zuschauer genauso lange bannt, wie er ­andauert, und von dem nichts bleibt außer dem Wunsch nach Zahnseide für die Sinne.

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