Die britische Sängerin Adele freut sich über fünf Grammys Foto: Invision/AP

Popmusikpreise
In Los Angeles sind die Grammys verliehen worden. Adele und David Bowie triumphieren.

Stuttgart - Im Amerika dieser Tage wundert man sich ja über nichts mehr – und so gesehen war dann vielleicht auch der Ausgang der 57. Grammy-Verleihung in der Nacht zum Montag in Los Angeles folgerichtig. Die amerikanische Sängerin Beyoncé etwa, die mit neun Nominierungen im Vorfeld die Rangliste angeführt hat, ging zum Beispiel nahezu leer aus. Sie war die deutlich höher gehandelte unter den beiden Topfavoritinnen, sie hat in „Lemonade“ das mit Abstand bessere Album vorgelegt (auf dem so viele großartige Songs zu hören sind, dass der beste davon – „Daddy Lessons“ – nicht einmal nominiert wurde), aber in allen bedeutenden Kategorien scheiterte sie, insbesondere bei den Hauptpreisen. Wie zum Hohn hat man ihr lediglich in zwei Nebenkategorien Trostpreise nachgeworfen: Für das Best Urban Contemporary Album sowie für das bestgestaltete Musikvideo darf sie ihre zuvor schon imposanten Sammlung auf nunmehr 22 Grammys aufstocken. Eine Schmach bleibt die diesjährige Verleihungszeremonie dennoch für den amerikanischen Superstar.

Die große Gewinnerin ist hingegen Adele, deren Album – die Grammy-Regularien machen es möglich – nicht einmal im vergangenen Jahr erschienen ist, sondern bereits 2015. Keine Frage, es ist ein gutes und schönes Album. Aber misst man Adele, die im Nominierungsvorfeld zweite große Favoritin, an sich selbst, bleibt auch festzuhalten, dass die Kurve von ihrem Debüt „19“ über ihren Zweitling „21“ hinweg zu ihrem dritten Album „25“ nicht steil nach oben zeigt. Und trotzdem: Aufnahme des Jahres, Album des Jahres und Song des Jahres, also alle drei Hauptpreise, gewann die Soulsängerin aus London mit ihrem Album „25“ und der dazugehörigen Titelsingle „Hello“.

Politik spielt keine nennenswerte Rolle

Der zweite große Gewinner hingegen ist, und das soll bitte nicht zynisch klingen, seit über einem Jahr tot. David Bowie heißt er, fünfmal war er nominiert, und in fünf Kategorien gewann er posthum auch. Selbst die groteskesten Merkwürdigkeiten störten da nicht. Etwa, dass die Grammy-Academy bewusst zwischen den Kategorien Rock und Alternative differenziert und Bowie dann in beiden gewinnen lässt. In der Rubrik Bestes Alternativealbum verwies er dabei nicht nur die Großkopferten Radiohead, Bon Iver und PJ Harvey, sondern launigerweise auch seinen alten Spezi Iggy Pop auf die Plätze. Dem leider viel zu früh und viel zu abrupt verstorbenen Künstlergenie, dem hier (im Gegensatz zum durchaus nominierten Prince übrigens) nachträglich eine letzte Reverenz erwiesen wurde, sei aber natürlich jeder nur erdenkliche Preis vergönnt.

Zwei Briten teilen sich folglich die Hauptpreise. Auch das ist bei diesem ureigen amerikanischen Wettbewerb eine dicke Überraschung und so auch noch nie da gewesen. Im Zweifel über die Vergabe entschieden die Juroren bei gleichrangigen Favoriten in der bisherigen Grammy-Geschichte stets pro Amerika. Dass sie es diesmal nicht taten, könnte ein Grund für vielerlei Spekulationen sein, denen wir uns hier jedoch nicht anschließen wollen.

Wenngleich sich selbstverständlich auch für im wahrsten Sinne des Wortes mündige Künstler die Frage stellen muss, wie sie auf die geänderten Rahmenbedingungen reagieren. Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund, dass es schon lange keine Grammy-Verleihung mehr gab, bei der die große Politik eine so geringe Rolle spielte wie in diesem Jahr. Selbst die Sängerin Beyoncé, die sich auch in ihrem durchgefallenen Album (und den dazugehörigen, vorzüglich bildmächtigen Musikvideos) explizit zu politischen Fragen insbesondere der Rassendiskriminierung in Amerika äußert, machte ausschließlich mit ihrem Babybauch und dem dazugehörigen Schwangerschaftskleid Furore. Lediglich die Hip-Hop-Formation A Tribe Called Quest, Veteranen der alten Protestkulturschule, lebte auf der Bühne Multikulturalität vor und verhöhnten den US-Präsidenten angesichts seiner Haarpracht und in Anspielung auf den Vietnamkrieg als „President Agent Orange“.

Beyoncé geht fast leer aus

Die wie Beyoncé ebenfalls dunkelhäutige Sängerin Rihanna, die sich in jüngster Vergangenheit zur politisch stimmgewaltigsten Frau unter den US-Popstars aufgeschwungen hat und ebenfalls nominierungsstark an den Start ging, zog in allen nennenswerten Kategorien den Kürzeren, in der Rubrik beste R-’n’-B-Performance sogar gegen Beyoncés Schwester Solange, was zumindest künstlerisch gut begründbar ist. Der weitere halbe Verlierer unter den im Vorfeld hoch Gehandelten ist Rihannas Kollaborationspartner, der Rapper Drake, dem angesichts von Donald Trump just in dieser Woche mächtig die Hutschnur platzte. Immerhin zwei Grammys durfte er aber noch mitnehmen.

Für die Teilnehmer aus Baden-Württemberg, um mit den Pechvögeln abzuschließen, gab es nichts zu holen. Das Vocal­ensemble Rastatt unterlag in der Kategorie Beste Opernaufnahme ebenso wie Stéphane Denève und das Stuttgarter Radio-Sinfonieorchester in der Rubrik bestes klassisches Instrumentensolo. Dennoch dürfen beide allein schon auf die Nominierungen stolz sein. Da in den Popkategorien gar keine Deutschen nominiert waren, wandert der einzige Grammy hierzulande nach Flensburg in die Heimat der Opernsängerin Dorothea Röschmann, die sich mit Ian Bostridge das kleine goldene Grammofon für ihre bei Decca erschienene Einspielung von Schumann- und Berg-Liedern teilen darf.

Erfreulich schließlich sind ein Grammy für den bärbeißigen Country-Haudegen Willie Nelson für das Best Traditional Pop Album und ein weiterer für Dolly Parton in ihrer langen Karriere. Sowie die Möglichkeit, demnächst auch in Stuttgart einen frischgebackenen doppelten Grammy-Sieger live erleben zu dürfen. Jacob Collier, zweifach für seine famosen Arrangements ausgezeichnet, kommt am 16. Juli zum Abend mit Quincy Jones bei den Jazz-Open auf den Schlossplatz.

Und das war’s auch schon an Erwähnenswertem. Denn beim nach wie vor bedeutendsten Musikpreis der Welt wurden zwar zwei Kategorien für christliche Musik hinzugefügt und nach wie vor auch einige Trophäen für latinogeprägte Musik verliehen, insgesamt in diesem Jahr jedoch nur Preise in 84 Kategorien vergeben. Wohin man also schaut: Amerika befindet sich wirklich im Umbruch.

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