An der Grenzstraße wurden Außen- und Innenwände verschönert. Foto: Marta Popowska

Ein Dutzend Graffiti-Maler haben in Zuffenhausen ein Werkstattareal in eine Freiluft-Galerie verwandelt. Trotz der vielen bunten Wände in der Stadt, war dies eine seltene Gelegenheit, denn freie Hand bekommen sie äußerst selten.

Stuttgart-Zuffenhausen - Noch ein Schatten hier, ein Strich dort: Immer wieder steigt Jeroo mit der Sprühdose in der Hand von dem hohen Gerüst, um sein gut fünf Meter hohes Wandbild in Augenschein zu nehmen. Dem kurzen Zischen folgt ein Farbstrahl auf der bereits bunten Wand. Der Graffiti-Maler verfeinert Schicht um Schicht, bis er zufrieden ist. „Mit der Zeit wird das immer schlimmer“, sagt er über seinen Perfektionismus und lacht. An diesem Wochenende kann er sich dafür auch die nötige Zeit nehmen. Mit ihm besprühen ein Dutzend Künstler ein Werkstattareal in Zuffenhausen – mit Erlaubnis.

Illegales nächtliches Sprühen hat Chris Ganter, wie Jeroo mit bürgerlichem Namen heißt, ohnehin nicht nötig. Der international bekannte Künstler zählt zu den wenigen Glücklichen, die eigene Motive auch für Auftragsarbeiten umsetzen können. Seine riesigen bunten Vögel und Fische etwa an den Brückenpfeilern in Heslach kennen viele. Ähnliches hat in Stuttgart noch Seltenheitswert. Die meisten Aufträge sind an kreative Vorgaben geknüpft. Und legale Flächen, an denen man seine eigenen Ideen umsetzen kann, sind rar.

So haben die Künstler nicht lange überlegen müssen, ob sie Roland Lörchers Einladung folgen und die bis dato kahlen, betongrauen Außen- und Innenwände seiner Mietwerkstätten an der Grenzstraße verschönern wollten. Lörcher, der Serienmotorräder zu Café-Racern umbaut, möchte seine Räumlichkeiten künftig auch als Ort für Kunstevents oder für Fotoshootings nutzen. Er hat die Maler am vorletzten Wochenende im Mai eingeladen und ihnen freie Hand gelassen. „Das war mir sehr wichtig“, betont er.

Ganz hinten in einer düsteren Ecke der Werkstatt bäumen sich zwei gewaltige Hirschkäfer auf, verhaken ihre Geweihzangen ineinander. „Ich kam hier rein und fand die Wand einfach sexy“, sagt Roman de Laporte alias Jack Lack und grinst. Als Graffiti-Maler betrachte man Fassaden anders als andere Menschen. Die Käfer hat er kürzlich für Lörcher gemalt und den Kontakt zu den anderen Künstlern hergestellt. „Das hier ist eine tolle Möglichkeit und einmalig in Stuttgart“, sagt er.

In Stuttgart gibt es talentierten Nachwuchs

Jack Lack studiert Psychologie und lernte während seiner Auslandssemester in Holland und Melbourne die dortige Street-Art-Szene kennen. „Melbourne hat mich umgehauen“, sagt er. In der australischen Metropole und an anderen Orten der Welt sei diese Art der Kunst viel akzeptierter und gehöre zum Straßenbild. „In Stuttgart gibt es so gute Künstler und eine Menge Potenzial, aber die Leute werden ins Illegale geschoben“, sagt er. Er erinnert sich an einen Auftrag am Zuffenhäuser Bahnhof: „Wir hatten alles vorbereitet, aber als wir dann die Dose in der Hand hatten, rief jemand die Polizei.“

An der Grenzstraße können alle unbehelligt arbeiten. Tiere und Insekten zählen augenscheinlich nicht nur zu Jack Lacks präferierten Motiven. Im Hof kreiert er einen riesigen Marienkäfer gleich neben Jeroos farbenfrohem Kranich. Schräg gegenüber hat der Maler Kosmik One einen paradiesisch bunten Tukan auf eine Mauer gebracht. Eine menschliche Hand umrahmt sein Auge, so, als ob die Finger danach greifen würden. An einer weiteren Fassade legt Dingo Babusch letzte Striche an ein schneeweißes Eichhörnchen mit einem beeindruckend flauschigen Fell.

Dingo Babusch ist ein Stuttgarter Szene-Urgestein, sprüht seit Anfang der 90er Jahre und lebt von der Kunst. „Die Stadt öffnet sich, es hat sich schon viel getan“, sagt er. Legale Orte zum Sprühen müsste es dennoch mehr geben. Deswegen ist auch er froh über diese Möglichkeit, eigene Ideen zu verwirklichen. „Bei Auftragsarbeiten ist das meistens anders. Die Kunden wollen immer das gleiche“, sagt er. Mit künstlerischer Freiheit sei es da nicht weit her. In Stuttgart gebe es viel talentierten Nachwuchs. Er und die anderen Künstler hoffen, dass sich noch häufiger Chancen wie hier in Zuffenhausen auftun.

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