Nicole Kidman spielt Grace Kelly, die Fürstin für Monaco. Foto: dpa

Die Grimaldis grimmen: Die Filmfestspiele von Cannes sind immer wieder für Skandälchen gut. In diesem Jahr sind die fürstlichen Nachbarn in Monaco empört: Sie finden, der Eröffnungsfilm verdrehe ihre Familiengeschichte.

Die Grimaldis grimmen: Die Filmfestspiele von Cannes sind immer wieder für Skandälchen gut. In diesem Jahr sind die fürstlichen Nachbarn in Monaco empört: Sie finden, der Eröffnungsfilm verdrehe ihre Familiengeschichte.

Cannes - Es war einmal an der Côte d’Azur: Im Mai 1955 lernten sich Fürst Rainier III. von Monaco und der Hollywoodstar Grace Kelly bei den Filmfestspielen von Cannes kennen und lieben. Jetzt treffen der Fürst und der Filmstar wieder in Cannes aufeinander – allerdings nur auf der Leinwand. Das Filmdrama „Grace Of Monaco“ hat an diesem Mittwoch die 67. Filmfestspiele von Cannes eröffnet. Die Kinobiografie mit Nicole Kidman in der Titelrolle hat den Franzosen aber prompt Ärger mit den Nachbarn in Monaco eingebracht.

Skandale und Skandälchen sind immer gut. Und Cannes hat sie schon lange als werbewirksames Salz in seiner Festivalsuppe entdeckt. Anno 1953 genügte es noch, dass Brigitte Bardot sich im Bikini am Strand der Croisette präsentierte, um für Blitzlichtgewitter zu sorgen. Drei Jahrzehnte später bedurfte es auf der Leinwand schon schaulustig-schauriger Vergewaltigungsszenen (in „Irreversible“), Oralverkehrs in Großaufnahmen (in „The Brown Bunny“) oder freizügiger Orgien (in „Short Bus“). Fast schon wie Siegesmeldungen gibt die Festivalleitung bekannt, wenn Zuschauer in Ohnmacht fallen oder empört den Saal verlassen.

Regisseure sorgen gleichfalls gern für Rummel. Ob mit einer Torte im Gesicht, wie Jean-Luc Godard. Mit einem Stinkefinger, den ein ausgebuhter Maurice Pialat trotzig bei der Preisverleihung zeigte. Oder mit einer verunglückten Nazi-Äußerung, die dem Dänen Lars von Trier weltweite Aufmerksamkeit sowie ein einjähriges Hausverbot auf dem Festivalgelände bescherte.

In diesem Jahr nun gibt die benachbarte Aristokratie in Monaco die Steilvorlage für den Medienwirbel in Cannes. Eigentlich, so könnte man meinen, müsse der Zwergstaat froh sein, wenn das weltweit größte Festival der Filmkunst Monacos hübscher Regentinnen-Ikone Grace Kelly (1929–1982) huldigt, die nach ihrer Heirat mit Fürst Rainier III. (1923–2005) zu Gracia Patricia wurde, ihr sogar die pompöse Eröffnungsgala widmet.

Doch die Fürsten geben sich höchst empört und sehen sich in ihrer Ehre gekränkt. Diese Darstellung des französischen Regisseurs Olivier Dahan, so wettert der Palast lautstark, verdrehe die Familiengeschichte. Prompt boykottieren die monegassischen Aristokraten den Auftritt in Cannes: kein blaues Blut auf dem roten Teppich, der nur einen Katzensprung entfernt ist.

Dem Fürstenhaus mehrere Versionen des Drehbuchs vorgelegt

Warum das Fürstenhaus den Film in Cannes so radikal ablehnt? Darauf hat auch Regisseur Dahan keine klare Antwort. Er hält die Reaktion des Fürstenhauses jedenfalls für übertrieben. Er sei Künstler und habe ein Recht darauf, eine Fiktion zu drehen. Man habe dem Fürstenhaus mehrere Versionen des Drehbuchs vorgelegt und auch einige Veränderungswünsche des Palastes respektiert, rechtfertigt sich Dahan weiter.

Hauptdarstellerin Nicole Kidman hofft derweil auf ein Happy End im Disput mit der monegassischen Fürstenfamilie. „Der Film will der Familie – und Gracia Patricia – nichts Böses“, sagte Kidman am Mittwoch. Sie verstehe zwar, dass die Fürstenfamilie ihre Privatsphäre und die der Eltern schützen wolle. Sie könne jedoch versichern, dass sie „mit Liebe“ gespielt habe. „Wenn die Familie den Film sehen würde, würde sie merken, wie viel Zuneigung wir der Liebe von Rainier III. und Gracia Patricia entgegenbringen.“

Das Grimmen der Grimaldis verschafft dem Werk freilich erst recht höchstmögliche Anerkennung. Die britische Queen dürfte über diese Öffentlichkeitsarbeit ihrer Regenten-Kollegen amüsiert sein. Als vor Monaten die „Diana“-Biografie des deutschen Regisseurs Oliver Hirschbiegel in die Kinos kam, wurde sie mit völliger Nichtachtung durch das Königshaus bestraft, prompt versank das Werk, allen Werbeanstrengungen zum Trotz, als medialer Rohrkrepierer wenige Tage nach Kinostart in der Versenkung.

„Dies ist eine fiktive Geschichte, basierend auf realen Ereignissen“, darauf weist der Vorspann artig hin, um anschließend mit einem Kelly-Zitat zu eröffnen: „Die Vorstellung, mein Leben wäre ein Märchen, ist selbst ein Märchen.“ Ziemlich märchenhaft mutete freilich an, dass die zu Beginn erst 27-jährige Heldin von der immerhin 19 Jahre älteren Nicole Kidman verkörpert wird. Der Brite Tim Roth gibt Fürst Rainier III.

Ein goldener Käfig mit 235 Zimmern

Nach einem kleinen Zeitsprung widmet sich die Story vor allem der Krise im Palast. Der goldene Käfig mit seinen 235 Zimmer ist der gelangweilten Fürstin längst zu eng, zumal nach der Geburt der Kinder auch alle Leidenschaft und Liebe ihres Prinzen erloschen scheint. Allzu gerne würde sie wieder mit Hitchcock drehen. Der bietet ihr ­„Marnie“ an. Den kettenrauchenden, mürrischen Gatten plagen derweil andere Probleme. Frankreich will den Mini-Staat annektieren, andernfalls, so droht Charles de Gaulle, „schicke ich Monaco zurück in die finstersten Zeiten“.

Während der Fürst und sein Berater Aristoteles Onassis im dunklen Hinterzimmer Politpläne schmieden, erobert die Fürstin die Herzen, indem sie den französischen Polizisten, die inzwischen die Grenze belagern, höchstpersönlich ein paar Leckereien im Picknick-Korb vorbeibringt. Wenig später wird sie das Intrigenspiel der Schwägerin entlarven und schließlich mit einer tränenreichen Weltfriedens-Rede beim Ball des Roten Kreuzes das Herz des französischen Präsidenten zum Schmelzen bringen.

So schlicht und ergreifend kann Politik sein. Ob die Schwester des Fürsten tatsächlich mit dem Feind kollaborierte, ist Nebensache. Auch dass de Gaulle diese Kelly-Rede nie hörte, weil er gar nicht anwesend war – was soll’s?

Von Affären des Traumpaars, die in diversen Biografien kolportiert werden, ist auf der Leinwand nichts zu hören und zu sehen. Da genügen die getrennten Schlafzimmer und kurze Scheidungsgedanken. Die adelige Empörung über dieses mehr als harmlose Klatschblatt-Kino wirkt da doch seltsam. Wie Albert II., Caroline von Monaco und Prinzessin Stéphanie, die Kinder der im Alter von 52 Jahren bei einem Autounfall gestorbenen Grace Kelly, in einer Pressemitteilung erklärten, sei bereits der Trailer“ zu glamourös und fantasievoll.

Kidman mit dem immer gleichen Porzellanpüppchengesicht

Kidman jedenfalls ist von der Figur Grace Kelly begeistert. „Ich habe mich sofort in sie verliebt, als ich ihre Persönlichkeit entdeckt habe“, gesteht sie dem „Journal du ­Dimanche“. Neben der Person begeistert sich die Oscar-Preisträgerin auch für die elegante Garderobe, mit der Kelly ihren eigenen Look schuf. „Manchmal hatte ich Lust zu fragen, ob ich die Kleider nicht behalten kann, so schön waren sie.“

Unterdessen steht Regisseur Olivier Dahan, der vor vier Jahren mit der Edith-Piaf-Biografie „La vie en rose“ einen Mega-Hit landete, bereits neuer Ärger ins Haus. Sein US-Produzent, der Hollywood-Mogul Harvey Weinstein, glaubt nicht mehr an einen Erfolg und will das 30 Millionen Euro teure Werk nach eigenen Vorstellungen für den US-Markt umschneiden.

Fraglich, ob das diese dünne Seifenoper mit ihren eindimensionalen Figuren an der Kinokasse retten kann. Zumal auch die Kidman mit dem immer gleichen Porzellanpüppchengesicht nur wenig Emotionen in das Drama bringt. Wer schmachtende Herz-Schmerz-Liebelei bei Königs mag, wird bei der guten alten „Sissi“ allemal fürstlicher belohnt – gegen „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ hat diese „Grace von Monaco“ ohnehin keine Chance.