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Quote auf historischem Tiefstand - so lautete die Schlagzeile nach der letzten "Wetten, dass ...?"-Sendung. Sind die Show und Gottschalk wirklich so schlecht geworden?

Stuttgart - Quote auf historischem Tiefstand, mit einem Fuß über dem Abgrund, Gottschalk präsentiert das abendliche Grauen - so lauteten die Schlagzeilen nach der letzten "Wetten, dass ...?"-Sendung. Doch sind die Show und der Moderator wirklich so schlecht geworden? Oder trügt uns die Erinnerung?

Ja, das waren noch Zeiten, als man samstagabends zur besten Sendezeit im trauten Kreis der Familie vor dem Fernseher saß. Die Kinder waren frisch gebadet und schon im Schlafanzug, und man schaute "Wetten, dass ...?". Bis zu 20 Millionen schalteten damals, in den 80er Jahren, ein. Eine Quote, die heute nur noch Übertragungen sportlicher Großereignisse erreichen. Nun hat sich Thomas Gottschalk (59) mit der schwächsten Quote in der Geschichte von "Wetten, dass ...?" aus dem Jahr 2009 verabschiedet. Nur 8,94 Millionen Zuschauer wollten am Samstagabend die ZDF-Show sehen.

Und schon geht ein Aufschrei durch die Nation. Allerorten wird nun über den dramatischen Niedergang der seit 1981 laufenden und seit 1987 mit kurzen Unterbrechungen von Gottschalk moderierten und durch das Land tingelnden Live-Sendung hergezogen. Man stöhnt über die Langeweile, die Moderator samt Wetten angeblich verbreiten, ätzt über Gottschalks Desinteresse an seinen Gästen und fordert auch gleich seine Ablösung. Doch ob man den ewig Blondgelockten nun mag oder nicht, ob man ihn für einen selbstgefälligen, berufsjugendlichen, schwatzhaften, in geschmacklose Anzüge gehüllten Gute-Laune-Onkel hält oder für den größten Showmaster aller Zeiten: Panik muss beim ZDF noch längst nicht ausbrechen.

Erfolg misst sich heutzutage allein an der Quote. Die sinkt tatsächlich, aber man muss genau hinschauen. Ein Marktanteil von 29,7 Prozent bedeutet nun mal, dass der Dinosaurier der deutschen TV-Unterhaltung noch immer fast jeden Dritten anlockt. Sogar bei der sogenannten werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen schaut noch fast jeder Vierte zu. Medienwissenschaftler reagieren daher gelassen: "Ich finde es eher verblüffend, dass bei einer TV-Show überhaupt noch so viele Zuschauer zusammenkommen", sagt etwa Lutz Hachmeister, der ehemalige Leiter des Grimme-Instituts.

"Wetten, dass ..?" ist trotz aller Kritik eines der wenigen verbliebenen TV-Ereignisse, das alle Generationen anspricht. Kurz gesagt: Die Show ist die letzte mediale Allzweckwaffe. Dass sie es damals, in den 80er Jahren, noch auf doppelt so viele Zuschauer brachte, mag damit zu tun haben, dass Gottschalk frischer wirkte, spontaner war. Aber das war ja auch in einer Zeit, als Frechsein im Fernsehen noch überraschte. Und in einer Zeit, als Fernsehen ARD und ZDF bedeutete.

Vielleicht trügt die Erinnerung, vielleicht verklären wir die TV-Vergangenheit. Denn mal ehrlich, LKWs auf Biergläser zu hieven oder Waschmaschinen zu Pyramiden zu stapeln war schon damals nicht wirklich witzig. Und Gottschalk schaffte es selbst in der Anfangszeit kaum, Interesse für seine Gäste zu heucheln. Doch damals konnte man nicht umschalten, selbst wenn man gewollt hätte.

Heute nimmt das mediale Angebot stetig zu, die Zahl der Zuschauer aber bleibt konstant. Die Konkurrenz scheut sich nicht, Shows wie "Das Supertalent", "Deutschland sucht den Superstar" (beide RTL) und "Schlag den Raab" (Pro Sieben), die eher junges Publikum ansprechen, gegen "Wetten, dass ...?" zu setzen. Da in den meisten Haushalten mehr als nur ein Fernseher steht, muss man sich auch gar nicht mehr auf ein gemeinsames Programm einigen. Und dann gibt es ja noch die, die lieber DVD schauen oder vor dem Computer sitzen.

So massentauglich "Wetten, dass ...?" noch immer ist, Gottschalk selbst ist nicht für jedes Format geeignet. Für Politisches wie "20 Jahre Mauerfall - Das Fest der Freiheit" ist er zu oberflächlich.

Trotzdem: Er kann die Massen mobilisieren wie kein anderer. Sportmoderator Marcel Reif zählt ihn - neben Günther Jauch und Harald Schmidt - zu den Heiligen Drei Königen des deutschen Fernsehens. Seine Gabe sei dabei der Frohsinn. Und tatsächlich, Gottschalk ist ein in sich ruhender Entertainer, ein Strahlemann mit sonnigem Gemüt, ein Sunnyboy im besten Sinn, der dem Zuschauer vermittelt, dass es doch eigentlich gar nicht so schlimm ist und letztlich alles gut wird.

Obwohl er zuweilen schlecht vorbereitet und lustlos wirkt, obwohl er selten ein Gespräch zustande bringt und lieber die weiblichen Gäste begrapscht: Gottschalk ist zu allen lieb und will von allen geliebt werden. Selbst wer ihn nicht mag, muss zugeben: Es gibt kaum Alternativen. Oder würde einem Oliver Pocher oder einem Mario Barth ein derart souveräner Spruch einfallen - "Dieses Jahr war eigentlich wie immer"? Eben dies stellte Gottschalk am Sonntag beim ZDF-Jahresrückblick fest. Insofern geht es in Ordnung, dass er auch am Samstag wieder den Bildschirm füllt. Diesmal bei der Gala "Ein Herz für Kinder".

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