Gotthilf Fischer Abschied Der Meister der Massenchöre tritt ab

Von Eva Herschmann 

Gotthilf Fischer dirigiert am Samstag zum letzten Mal die Sänger der Concordia Schmiden. Fast 60 Jahre lang, seit 1959, hat der mittlerweile 90-Jährige den Gesangverein Concordia Schmiden musikalisch angeleitet.

Schmiden - Gotthilf Fischer ist der Mann der Riesenchöre und singenden Massenbewegungen. Fast 60 Jahre lang, seit 1959, hat der mittlerweile 90-Jährige den Gesangverein Concordia Schmiden musikalisch angeleitet. Am Samstag wird Fischer zum allerletzten Mal den Taktstock erheben und beim traditionellen – und längst schon ausverkauften Höfleskonzert in Oettingers Höfle in Schmiden – den Sängern des gemischten Chors den Einsatz geben. Mit dem Abschied des Chorleiters, dessen Fischer-Chöre Musikgeschichte schrieben, endet eine Ära.

Bald schon wurde dem im Massenchorgesang geübten Fischer die Sängerschar auf der Bühne zu klein

Es war im April 2001, als Gotthilf Fischer eine typische Vorstellung gab. Anlass war das letzte Familienfest des Schmidener Gesangvereins in der zum Abriss freigegebenen alten Turn- und Festhalle in der Fellbacher Straße. Der Herr der Fischer-Chöre hatte an diesem Tag sogar einen Fernsehsender überzeugen können, dass die Familienfeier der Concordia wichtiger ist als ein Studiotermin. Unter seiner Leitung schwärmten Bass und Tenor vom „Zauber der spanischen Nächte“ und sangen die von Fischer als „Schmidener Nationalhymne“ deklarierte Ode auf den Wein „Aus der Traube in die Tonne“. Später kamen die Frauen dazu, und alle miteinander stimmten das von Fischer komponierte Frühlingslied „Ich ruh’ gern im grünen Gras“ an. Bald schon wurde dem im Massenchorgesang geübten Fischer die Sängerschar auf der Bühne zu klein. Also mussten alle im Saal ran. Lehrer Fischer teilte in drei Gruppen ein zum Kanon „Es tönen die Lieder“. Nach zwei Durchgängen hatte der Meister genug gehört und tadelte: „Da kann ich nur sagen, die Singstunde ist immer Freitag- abends.“

Mit Dirigent Gotthilf Fischer sind die Schmidener als ein Teil der Fischer-Chöre singend um die halbe Welt gereist. Sie traten in Ungarn, in Israel oder in Ägypten auf, besuchten die Partnerstädte Fellbachs. Mitglieder der Concordia waren dabei, als 800 Sänger der Fischer-Chöre 1976 auf Einladung von Papst Paul VI. nach Rom fuhren und vor 4000 Besuchern in der Kirche St. Ignatius ein Konzert gaben, oder als den Fischer-Chören im November 1979 in Holland eine Goldene Schallplatte überreicht wurde. Die weiteste Reise führte 1978 in die USA, wo sie vor dem Weißen Haus in Washington die von Fischer komponierte „Friedensmesse“ zum Besten gaben. Auch ein Auftritt im Cosmos-Stadion in New York war gebucht. Die schwäbischen Sänger traten im Vorprogramm eines Fußballspiels auf, bei dem Franz Beckenbauer und Pelé geehrt wurden, und sangen die amerikanische Nationalhymne auf Englisch. Das wohl größte Publikum hatten die Fischer-Chöre und damit auch die Sänger der Concordia bei der Schlussfeier der Fußball-Weltmeisterschaft anno 1974 in München. Vor einer Kulisse von 80 000 Zuschauern – und nahezu einer Milliarde Menschen vor den Fernsehbildschirmen in aller Welt – eröffneten sie den finalen Akt der Fußball-WM.

Zuvor wird sich der Dirigent aber von seinen Schmidenern musikalisch beim Höfles-Konzert verabschieden.

Die Zeit der großen Reisen sind vorbei, auch wenn es den Fischer-Chor noch immer gibt. Im Kleinformat als „Fischer-Chor Stuttgart-Heslach“. Mit den dort aktiven rund 60 Sängern werde Gotthilf Fischer auch noch weitermachen, erzählt Esther Müller, die Vorsitzende der Sängergemeinschaft und Managerin des Dirigenten, der seit den 70er-Jahren in Weinstadt wohnt. Auch sonst ist Gotthilf Fischer noch schwer aktiv. Zurzeit ist er dabei, sein Vermächtnis zu sichten. Alle von ihm komponierten Lieder, die bisher noch nirgends veröffentlicht wurden, soll es schon in den nächsten Wochen für die große Fangemeinde im Internet zum Downloaden und Streamen geben.

Zuvor wird sich der Dirigent aber von seinen Schmidenern musikalisch beim Höfles-Konzert verabschieden. Auch Oberbürgermeisterin Gabriele Zull wird da sein, um dem Chormeister die Ehre zu erweisen, und mehr. „Fischer hat ja schon alle städtischen Auszeichnungen bekommen, aber mir wurde verraten, dass es eine Überraschung seitens der Stadt geben soll“, erzählt Horst Brack, der Vorsitzende des Gesangvereins Concordia. Für Schmidens Sänger endet am Samstag aber nicht nur die Ära Fischer, sondern auch die des gemischten Chors. „Die Sänger sind mit ihrem Chorleiter alt geworden, den gemischten Chor wird es nach dem Konzert nicht mehr in dieser Form geben“, sagt Brack. Sing Out und Männerchor blieben aber bestehen. Und an Stelle der freitäglichen Chorstunde wollen die Schmidener alle zwei Wochen ein offenes Singen im Feuerwehrgerätehaus organisieren. „Da kann dann jeder kommen und mitmachen.“

Bracks Vorgänger Gustav Gutbrod, der von 1998 bis 2015 dem Verein vorstand, wird am Samstag in Oettingers Höfle dabei sein. „Gotthilf Fischer hat immer gesagt, am liebsten wolle er bei einem Konzert einfach vom Pult runterfallen, und ich hab dann geantwortet, das könne er gern machen: Aber nicht in Schmiden.“

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