Goran Juric ist glimpflich durch die Pandemie gekommen. Foto: Matthias Baus/Matthias Baus

An diesem Sonntag hat an der Staatsoper Stuttgart „Das Rheingold“ Premiere. Stephan Kimmig inszeniert, Cornelius Meister dirigiert, und der kroatische Bass Goran Juric gibt sein Rollendebüt als Wotan.

Stuttgart - Zu Hause, sagt Goran Juric, das sei Stuttgart, das Opernhaus, zu dem der 38-jährige Kroate 2018, nach sechs Jahren an der Bayerischen Staatsoper München, gewechselt ist, „um das erste Fach singen zu können“. An einem anderen Ort als in Stuttgart hätte er nicht gewagt, was er jetzt wagt: erstmals den Wotan in Wagners „Rheingold“ zu singen, diese Partie mit den vielen merkwürdigen Worten, die er alle akribisch in Wörterbüchern nachgeschlagen hat. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. „Neidlich“ zum Beispiel. „Nicker“. Oder „thörig“.

 

Goran Juric hat, wie er sagt, „eine Leidenschaft für Linguistik“, außerdem gehört für ihn exakte Artikulation zu einer guten musikalischen Darbietung. Wenn er sich im Gespräch daran erinnert, wie er hilflos in diversen Lexika nach Übersetzungen für Wagners sehr eigene Wortschöpfungen gesucht hat, dann dröhnt sein Bass-Lachen derart durch das zweite Opernfoyer, dass man sich ernsthaft fragen muss, ob die Liedkonzertprobe ein Foyer tiefer angesichts dieses raumgreifenden Klangs überhaupt stattfinden kann.

Tatsächlich bleibt es dort unten erstaunlich ruhig. Und Goran Juric macht sich keinen Kopf. In diesem Haus, sagt er, hat sich bisher noch alles geregelt, und wenn er störe, dann würde bestimmt jemand Bescheid geben. Es kommt aber keiner, und so behält der Sänger seinen dynamischen Pegel bei – man könnte halb taub sein und würde ihn trotzdem gut verstehen.

Juric lernt gerne neue Sprachen – und nimmt sich Zeit dafür

Das liegt auch daran, dass er ein nur leicht gefärbtes, exzellentes Deutsch spricht. Das hat er schon in der Schule gelernt – im nordkroatischen Gebiet des ehemaligen Habsburgerreichs sogar mitsamt regionaler Färbung. „Jänner“, sagt Juric, „Paradeiser“ – und lacht schon wieder. An der Uni in Zagreb hat er dann nicht nur Gesang, sondern auch Italianistik studiert. Und nebenbei Seminare für deutsche und französische Sprache belegt. Der Russischkurs dort war ihm allerdings zu langsam. „Jeder kann jede Sprache lernen. Man muss sich nur Zeit dafür nehmen“, sagt er.

Jetzt hat er sich Zeit für den „Rheingold“-Wotan genommen, immer wieder „super unterstützt“ vom Generalmusikdirektor Cornelius Meister, der mit ihm gemeinsam sogar den Text gesprochen hat. Beim Hören unterschiedlicher „Rheingold“-Aufnahmen ist ihm besonders George Londons Wotan ans Herz gewachsen. Ein großes Vorbild. Da hin zu kommen ist sehr viel Arbeit. „Man muss das“, sagt Juric, „in die Knochen kriegen.“ Das Stück sei „eine riesige Melodie, die unter verschiedenen Sängern aufgeteilt wird, deshalb muss man immer die ganze Oper im Kopf haben.“

Wotan ist ein Zirkusdirektor mit blauem Auge

Wer aber ist Wotan? „Ein Gott, der auch Politiker ist, Diplomat, Kaufmann. Der Intelligenz hat und Autorität. Ein sehr vielschichtige Partie, die sogar eine Science-Fiction-Seite hat: Wenn Wotan in der vierten Szene den Ring bekommt, dann ist das wie ein Portal zu einer anderen Dimension.“ In Stephan Kimmigs Inszenierung ist der Göttervater ein Zirkusdirektor, statt Augenklappe hat er ein blaues Auge, eine schillernde Figur, die alle Tricks kennt. Details will Goran Juric nicht verraten. Nur so viel: Es geht um Kapitalismus(-kritik), die Rheintöchter geistern während des gesamten Stücks als Öko-Aktivistinnen über der Bühne. Und das Ende? „Alberichs Fluch und Erdas Mahnung hallen in Wotans Kopf nach.“

Den Wotan in der „Walküre“ wird Juric übrigens nicht singen, weil diese Partie für seine Stimme zu hoch liegt. Stattdessen wird man ihn im April als Hunding erleben. Irgendwann einmal, „vielleicht mit fünfzig“, will er den Scarpia in „Tosca“ singen – „aber vorher muss noch ein bisschen mehr Leben durch mich hindurchgehen“.

Erstmals seit zwei Jahren steht Juric in Stuttgart wieder auf der Bühne

Übrigens steht er im „Rheingold“ jetzt erstmals seit 2019 wieder in Stuttgart auf der Bühne. Durch das Dickicht der nationalen Coronaverordnungen hat sich Goran Juric hindurchgewühlt, hat Lücken und Öffnungen zwischen den Lockdowns genutzt, Quarantänezeiten ertragen, ist in Madrid aufgetreten, in Antwerpen, in Wien, in Kroatien, teils vor Publikum, teils per Videostream. „Ich war so glücklich, dass ich arbeiten durfte“, sagt er heute, „das hat mich gerettet, körperlich und psychisch.“ In Stuttgart hingegen hat er zuletzt nur vom Balkon gesungen (in Barrie Koskys „Zauberflöten“-Inszenierung). Jetzt steht ihm endlich auch wieder die Heimatbühne offen. Dahoam, hätte er in München gesagt – und legt jetzt als Sprachfan Wert auf den kleinen schwäbischen Unterschied. In Stuttgart ist er: dahoim.

Wagners „Ring“ in Stuttgart

Musiktheater
Mit „Rheingold“ beginnt die Staatsoper Stuttgart an diesem Sonntag, 21. November, um 18 Uhr, ihren neuen „Ring“ (weitere Vorstellungen am 24. und 27. 11. sowie am 12., 17. und 19. Dezember). Die einzelnen Abende des Vierteilers werden von unterschiedlichen Regieteams betreut. „Die Walküre“ hat am 10. April 2022 Premiere.

Ausstellung
Im Stuttgarter Stadtpalais wird an diesem Donnerstag um 19 Uhr die Ausstellung „Winter-Bayreuth“ über die Arbeit von Wieland Wagner an der Staatsoper Stuttgart zwischen 1954 und 1966 eröffnet (bis 13. Februar 2022 immer Di bis So von 10 bis 18 Uhr).

Informationen/Karten Für die Oper unter www.staatsoper-stuttgart.de. Für das Stadtpalais unter www.stadtpalais-stuttgart.de.