Vor Jahren war Johannes Lauber in der Stuttgart Kneipe „La Concha“. Im Winter löschte Google plötzlich seine Rezension. Foto: Plavec

Löschdienstleister lassen massenhaft Google-Bewertungen verschwinden. Ein Stuttgarter Fall erlaubt erstmals Einblicke in deren Methoden.

Diesen Winter wurde Johannes Lauber von Google an einen eigentlich vergessenen Kneipenabend am Wilhelmsplatz erinnert. Noch vor der Pandemie hatte der heute 39-jährige Stuttgarter Softwareentwickler die Kneipe „La Concha“ besucht. Er war unzufrieden und vergab auf Google Maps einen von fünf Sternen. Begründung: „Verrauchter Laden“. Das, teilte Google im November 2025 mit, könne so nicht länger stehen bleiben: Wegen einer Beschwerde sei man „verpflichtet, die betreffende Rezension zu entfernen“. Es handle sich um „Diffamierung“.

 

Die Bewertung könne auch wieder veröffentlicht werden, schreibt Google. „Nachweise wie Rechnungen, Screenshots, Belege, Terminunterlagen oder Einträge aus einem Treuepunkteprogramm“ seien „sehr nützlich, um die Seriosität Ihrer Rezension nachzuweisen“. Weil er all das Jahre nach seinem Kneipenbesuch nicht vorlegen kann, hält Google die Bewertung nicht für hinreichend seriös. Sie bleibt offline.

Seltener Einblick in die Löschindustrie

Wie Johannes Lauber erging es bereits Tausenden Rezensenten. Google hat seine Bewertung auf Betreiben eines Löschdienstleisters entfernt – im Rahmen einer Recherche unserer Zeitung, die erstmals deren Rolle und Vorgehen offenlegt. In Laubers Fall nennt sich der Dienstleister Bewertungsheld, er bietet seine Dienster auf der Website rezensionsheld.de an. Nicht der Betreiber des La Concha hat die Löschung der Ein-Sterne-Bewertung beauftragt, sondern unsere Redaktion in Absprache mit dem La-Concha-Chef Arman Gürak.

Durch einen technischen Fehler landete eine Werbemail von Bewertungsheld im Redaktions-Postfach. In den sozialen Medien finden sich etliche Screenshots von sehr ähnlichen Anschreiben, die auf eine aggressive Werbepraxis solcher Dienstleister hinweisen. Im Falle des La Concha mit dem Hinweis, man habe „die Löschung der negativen Bewertungen bereits für Sie vorbereitet“. Eine entsprechende Website führt alle Bewertungen mit weniger als fünf Sternen auf: „Jetzt umsatzschädliche Bewertungen löschen“. Das geht per Mausklick, der „Preis pro Löschung“ liegt bei 39,90 Euro, es gibt Mengenrabatt.

Zu löschende Bewertungen können per Mausklick ausgewählt werden. Foto: Plavec

Tatsächlich verspricht Bewertungsheld nicht zu viel: Vom Auftrag an den Dienstleister bis zur Löschung der Ein-Sterne-Bewertung vergehen keine 24 Stunden. Dass ein Dienstleister im Spiel ist, teilt Google Johannes Lauber nicht mit. Der ganze Prozess – vom Klick durch den beauftragenden Wirt über die Beschwerde durch Bewertungsheld bis zu Googles Mail an den Rezensenten – läuft weitgehend oder gar komplett automatisiert. Weil die Rezensenten in aller Regel keine Beweise für einen Besuch erbringen können, sitzen sie meist am kürzeren Hebel.

Das Beispiel erlaubt einen seltenen Einblick in eine Löschindustrie, die massenhaft personalisierte Werbemails verschickt und aus dem „Reputationsmanagement“ ein voll automatisiertes digitales Geschäftsmodell gemacht hat. Ihre Dienstleistung besteht darin, „die komplexen Meldeformulare der Plattformen so mit den notwendigen Informationen zu füttern, dass eine sachgerechte Prüfung überhaupt erst ermöglicht wird“, schreibt eine Sprecherin von Bewertungsheld auf Anfrage: Man übermittle lediglich „strukturierte Prüfanträge.“

Self-Service für Löschaufträge

Gelöscht wird tatsächlich durch die Betreiber, also Google im Fall von Johannes Lauber. Gegenüber den Kunden stellt Bewertungsheld es freilich anders dar: Im Selbstbedienungstool, das automatisiert fürs „La Concha“ vorbereitet wurde, heißt es, man könne „jetzt umsatzschädliche Bewertungen löschen“. Bewertungsheld wirbt mit „94 Prozent Erfolgsquote dank optimierter Prozesse“.

Kein Wirt, Ladeninhaber oder Arzt muss beleidigende oder anderweitig unangebrachte Onlinekritik stehen lassen. Dass für eine Löschung allerdings auch der bloße Zweifel ausreicht, ob ein Rezensent tatsächlich Kunde war, ist die Folge eines Urteils des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2022. Er nimmt Plattformbetreiber wie Google in Mithaftung und verlangt von ihnen, im Beschwerdefall von den Rezensenten Nachweise eines Besuchs vor Ort einzufordern.

Laut einem „Spiegel“-Bericht beklage man sich intern bei Google darüber, dass sich „eine ganze Branche entwickelt habe, in der spezialisierte Anwaltskanzleien und sogenannte Löschagenturen Geld damit verdienen, Rezensionen anzufechten“. Wegen des Urteils von 2022 sei das Problem vor allem ein deutschlandspezifisches. Google selbst äußert sich auch auf Nachfrage nicht zur Rolle oder Nützlichkeit der Löschdienstleister.

Im großen Stil schlechte Bewertungen gelöscht

Recherchen unserer Zeitung haben exemplarisch gezeigt, dass Gastronomen im großen Stil positive Rezensionen stehen lassen und negative löschen lassen. Selbst Betreiber von Festzelten auf dem Cannstatter Volksfest frisieren auf diese Weise ihre Online-Bewertung. Und nutzen dafür mutmaßlich auch Löschdienstleister. Die Folge: man kann den Rezensionen auf Google Maps weniger trauen als früher.

Auch einige der Löschdienstleister sind auffällig. Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main legte dem Anbieter Bewertungshelden aus Wernau (Kreis Esslingen) auf, die eigene Dienstleistung klar von einer Rechtsberatung abzugrenzen. Die fast identisch benannte Firma Bewertungsheld, die Johannes Laubers La-Concha-Bewertung zur Löschung gemeldet hatte, wurde in Delaware registriert – als Briefkastenfirma, zu der sich im Firmenregister des unternehmerfreundlichen US-Bundesstaats so gut wie keine Informationen finden. Eine Sprecherin erklärt dazu, „die Wahl des US-Standortes unterstreicht unsere Ambition, als internationaler Player in der digitalen Dienstleistungsbranche zu agieren“. Eine andere Lesart: durch den US-Firmensitz entzieht sich Bewertungsheld juristischen Problemen in Deutschland.

Spärliche Informationen: der Bewertungsheld-Eintrag im Firmenregister von Delaware Foto: Plavec

Johannes Lauber wird wegen seiner Rezension keinen Ärger machen. Enttäuscht ist er trotzdem. Mittlerweile seien rund 100 seiner Bewertungen gelöscht worden. „Früher war Maps eine Community. Jetzt nutze ich es beinahe aus Trotz nicht mehr“, sagt Lauber.

Womöglich ist es ohnehin schöner, mit echten Menschen zu sprechen. Dafür ist Johannes Lauber noch einmal ins La Concha gekommen, ebenso wie Arman Gürak. Der Chef steckt sich erstmal eine Zigarette an: „Verrauchter Laden, gell!“

Man kann über alles reden, am besten persönlich: Johannes Lauber (links) und La-Concha-Wirt Arman Gürak Foto: Plavec

Arman Gürak sagt, er habe sich bis jetzt überhaupt keine Gedanken über Reputationsmanagement gemacht und könne mit Laubers Kritik gut leben. Trotzdem hat das La Concha auf Google Maps im Schnitt 4,5 Sterne. „Ich habe mir nie einen Kopf gemacht, ob jemand lieber in die Nachbarkneipe geht, nur weil die 4,7 Sterne hat. Außerdem kostet Bewertungen löschen viel Geld“, sagt Gürak. Zumal er ohnehin viele Stammgäste begrüßt, „mittlerweile in der zweiten Generation“.

Vielleicht bald einmal auch Johannes Lauber? Klar, sagt der 39-Jährige, „aber vielleicht lieber im Frühjahr und draußen an der frischen Luft“.