Spanien im Blick: Viele deutsche Auswanderer zieht es in den sonnigen Süden. Foto: Jürgen Fälchle - stock.adobe.comFotos: Adobe Stock/Jürgen Fälchle, Rumana, Montage: Volker Detsch

Auszuwandern können sich viele Deutsche vorstellen – aber wer macht es wirklich? Warum es so schwierig ist, diesen Traum zu leben.

Jeder zweite Deutsche kann sich vorstellen auszuwandern. So stand es kürzlich in der Zeitung. Am liebsten nach Spanien, in die Schweiz, Österreich, Schweden, Kanada. Verständlich, diese Länder sind mindestens genauso schön wie Deutschland, und es lockt das Fremde, das Neue, das Abenteuer.

 

Doch irgendwie erstaunt die Schlagzeile auch: „Jeder Zweite denkt ans Auswandern.“ Oder: 49 Prozent der über Achtzehnjährigen spielen einer Umfrage mit mehr als zweitausend Befragten zufolge mit dem Gedanken, in ein anderes Land zu ziehen. Sind die Menschen so unzufrieden mit ihrem Leben in Deutschland? Gemeckert wird viel, klar, viele sagen schnell, dass sie wegwollen. Aber wer tut es wirklich? Die wenigsten.

Das Scheitern unbedarfter Auswanderer

Denn Auszuwandern ist viel schwieriger als man sich das vorstellt. Die Sendung „Goodbye Deutschland“ suggeriert, dass in der Ferne alles toll und einfach ist. Das mag bei prominenten Auswanderern zutreffen, die das nötige Geld haben, um Probleme fernzuhalten. Die Sendung zeigt aber auch viele Beispiele des Scheiterns, besonders der unbedarfteren Auswanderer. Nach ein paar Monaten sind sie wieder zurück unter dem deutschen Betonhimmel. Der Sender hat sein Drama, die Zuschauer amüsiert es.

Spielen wir das Auswandern mal durch. Beispiel Spanien. Man muss nicht nur seinen Hausstand mitnehmen, sondern sich auch durch die Bürokratie eines neuen Landes kämpfen. Sprich: sich erst einmal anmelden. Das fängt in Spanien mit der „Número de Identificación de Extranjero“ (NIE) an. Um in Spanien die Ausländeridentifikationsnummer zu erhalten, braucht man einen Termin bei der Ausländerbehörde. Das geht online über die Seite des spanischen Innenministeriums. Auf Spanisch. Um den Termin buchen zu können, benötigt der Interessent eine spanische Handynummer. Und die bekommt man nur mit der Ausländeridentifikationsnummer. Ohne die geht in Spanien nichts. Sie ist Voraussetzung für den Handyvertrag, den Mietvertrag, den Autokauf.

Schweiz ist auf Platz eins

Als ich 2021 für eineinhalb Jahre nach Spanien gezogen bin, habe ich einen Freund gefragt, ob ich seine Handynummer angeben kann. Eine SMS kam auf sein Handy, und ich hatte einen der wenigen Termine bei der Ausländerbehörde ergattert. Zwar vier Wochen später, aber gerade ausreichend, um kurz danach meinen Arbeitsvertrag unterschreiben zu können.

Spanien ist toll. Aber den Zahlen zufolge ziehen die Deutschen lieber in die Schweiz (Platz 1) und nach Österreich (Platz 2). Für diese Länder muss man keine neue Sprache, sondern nur Dialekte lernen, wenn überhaupt. Häufig gehen die Deutschen wegen eines neuen Jobs weg, manchmal aber auch nur der Sehnsucht wegen. Wer zum ausländischen Sitz seiner deutschen Firma wechselt, hat einen Vorteil. Er ist eingearbeitet und kennt vermutlich schon Kollegen.

Jährlich 300 000 sogenannte Wanderungen

Im Jahr 2023 lag die Zahl der Menschen, die Deutschland verlassen haben, bei 1,3 Millionen. Davon waren eine Million Ausländer, die meist in ihr Heimatland zurückkehrten: nach Rumänien, Bulgarien, Polen. Die Zahl der Deutschen, die weggingen, lag bei 300 000. Das ist einer der höchsten Werte der vergangenen Jahre. Seit 2016 gibt es stets zwischen 250 000 und 300 000 „Wanderungen“, wie das statistische Bundesamt dieses Phänomen nennt.

Für meinen Umzug nach Mallorca hätte ich mir von einer Auswanderberaterin helfen lassen können. Doris Kirch ist auf der Insel bekannt und taucht immer wieder im deutschen Fernsehen auf. Sie hat die Facebook-Gruppe „Auswandern nach Mallorca (Anregungen und Tipps von Auswanderern)“ gegründet – mit nun 28 000 Mitgliedern. Die Nachrichtenfrequenz im Forum ist hoch. Doris Kirch hilft bei Behördengängen, übersetzt, vermittelt, macht Termine. Agenturen wie ihre gibt es zahlreiche, nicht zuletzt für die Schweiz. Das zeigt: Auswandern ist gar nicht so einfach.

Kinder profitieren vom Auswandern

Doch nun zu den schönen Seiten des Auswanderns: Wer den Weg ins Ausland gewagt hat, profitiert von vielem. Da ist zum einen die Sprache: Es erfrischt und bereichert, eine Fremdsprache neu zu lernen oder zu verbessern. Je mehr Fremdsprache man in den Alltag integriert, desto höher ist der Lernfortschritt. Die neue Sprache festigt sich durch das Lesen von Verkehrsschildern, das Radio, die Zeitung, die Produkte im Supermarkt.

Wer der Kinder wegen davor zurückschreckt, ins Ausland zu ziehen, dem sei gesagt: Kinder profitieren noch mehr als Erwachsene. Sie wachsen in zwei Kulturen und mit zwei Sprachen auf. Man kann die Kinder auch ohne Kenntnisse der Fremdsprache auf die neue Schule schicken. Nach einer Woche können sie bestimmt erste Sätze; sie lernen beim Zuhören, Zuschauen, Erleben der Atmosphäre. Haben sie erst einmal Klassenkameraden lieb gewonnen und Freunde gefunden, ist der Spracherwerb ein Selbstläufer. Sorgen beim Auswandern mit Kindern könnte eher das Heimweh machen. Aber das lässt sich dadurch kompensieren, indem man im neuen Land schon kurz nach der Ankunft schöne Ausflüge macht und die Vorzüge des neuen Landes erlebt und benennt.

Es herrscht eine gewisse Leichtigkeit

Ein weiterer Vorteil des Auswanderns ist, in eine andere, meist neue Kultur einzutauschen. Selbst in der Schweiz und Österreich. In vielen Ländern geht es lockerer zu als in Deutschland. Es herrscht eine gewisse Leichtigkeit. Man muss nur an unser klischeehaftes Italienbild denken: gut gebräunte Italiener in weißen Hemden und mit Sonnenbrille fahren mit ihrer Vespa vor einem Café vor, setzen sich auf die Café-Terrasse und trinken in der Morgensonne Espresso. Erst dann kann für sie der Tag beginnen.

Man muss sich im Ausland in Situationen zurechtfinden, die einem zunächst schwierig vorkommen. Als ich auf Mallorca gelebt habe, hatte ich besonders mit dem Lärm der Nachbarn zu kämpfen. Bei uns in Deutschland herrscht um 22 Uhr Nachtruhe. In Spanien aber läuft um diese Zeit noch Musik auf der Terrasse. Mein direkter Nachbar unter mir hörte häufig laut Musik über sein Handy. Ich wies ihn von oben freundlich darauf hin: ob er nicht zumindest seine Terrassentür schließen könne. Er machte das, aber das Handy dröhnte weiter, die Wände in den Häusern in Spanien sind sehr dünn und schlecht gegen Schall isoliert. Und halten auch Hitze schlecht ab.

Ich hörte deshalb auch, wie derselbe Nachbar um 23 Uhr gegen einen Box-Sack schlug, Sex hatte, telefonierte. Einmal legte ich ihm eine Packung deutscher Kinder-Riegel vor die Tür. Als Dank, dass er eine Woche wirklich leise war. Er antwortete mir, dass er eine Woche lang gar nicht da war.

Wenn auf Mallorca der Sommer anfängt

Als ich hörte, dass er nach einem halben Jahr wegziehen würde, zurück auf seine Heimatinsel Ibiza, konnte ich mein Glück kaum fassen. Ich wollte es gar nicht glauben – so froh war ich. Dann fing auf Mallorca jedoch der Sommer so richtig an. Ich wohnte in einem Innenhof im Stadtzentrum von Palma und hatte zehn bis fünfzehn Wohnungen in Hörweite. Die Nachbarn hatten abends und nachts die Fenster offen.

Ungefähr acht Nachbarn habe ich wegen irgendetwas angesprochen. Typisch Deutsch halt, meint man. Einmal waren es die ständig bellenden Hunde, dann die laute Hausparty, ein anderes Mal die Waschmaschine um 7.30 Uhr, die sich direkt hinter meiner Schlafzimmerwand befand. Auch dieser Nachbarin schenkte ich Schokolade aus deutscher Fertigung. Hat nicht viel gebracht.

Das alles soll das Leben in einem anderen Land nicht schlechtmachen. Es war trotzdem eine tolle Zeit auf Mallorca, das so deutsch gar nicht ist. Man muss sich allerdings auf Schwierigkeiten und Probleme einstellen. Und das deren Lösung langwieriger sein kann als in Deutschland, wo es häufig einen guten Kundenservice gibt und man sich einig ist, verlässlich und kooperativ zu sein.

Wer schafft den Müll weg?

Zum Schluss noch ein Beispiel: Letztens bat ich unsere deutsche Gemeindeverwaltung per Mail, festklebenden und stinkenden Müll von der Straße vor unserem Haus zu entfernen. Schon nach ein paar Stunden kam ein Mitarbeiter des Bauhofs. Tipptopp. Ob das in Spanien, Schweden, Kolumbien, Indonesien auch so gelaufen wäre?

Statistisch gesehen müsste jeder zweite Leser dieses Textes auswandern wollen. Wollen Sie? Falls ja, wohin?