Sündenfall eines Unpolitischen: Der Protagonist von Jean-Baptist Andreas Roman soll an den Skulpturen für Mussolinis Palazzo della Civiltà Italiana mitwirken. Foto: imago images/YAY Images

Der Aufstieg eines kleinen Mannes zu einem großen Künstler: „Was ich von ihr weiß“ von Jean-Baptist Andrea war in Frankreich eine Sensationserfolg – und das mit Grund.

Wie ein Block liegt dieser Roman in der Hand, und man ahnt zunächst nicht, was er einschließt. Der erste Blick deutet trotz seines Gewichts auf leichte Lesebeglückung. Italien zu Beginn des letzten Jahrhunderts, ein kleinwüchsiger Junge aus armen Verhältnissen, der Dank einer genialischen künstlerischen Begabung ein großer Bildhauer wird; er verliebt sich in ein ebenfalls außerordentlich begabtes Mädchen aus ihm unerreichbaren gesellschaftlichen Sphären, und blickt auf das, was sich daraus entspinnt, vom Sterbebett in einem malerischen Kloster zurück.

 
Jean-Baptist Andrea Foto: Celine Nieszawer

Aus diesem Material sind Bestseller gemacht, zumal jenes Kloster der Rahmenerzählung dasselbe ist, das Umberto Eco einst zu seinem Welterfolg „Der Name der Rose“ inspiriert haben soll. Und wirklich machte Jean-Baptiste Andreas „Was ich von ihr weiß“ in Frankreich eine Karriere, von der Verlage nur träumen können. Doch man wäre auf der falschen Spur, wollte man das 500-Seiten-Trumm damit vorschnell in das Gebiet gepflegter Unterhaltung abwälzen. Nicht Umsonst wurde der Roman, der in der farbigen Übersetzung von Thomas Provot nun auch Deutschland erreicht, mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet.

Unglückliche Flugpionierin

Vielleicht bleibt man am besten bei dem bereits metaphorisch ausgebeuteten Bildfeld des Gesteins: es ist der Stoff, aus dem der Bildhauer seine Werke schafft – oder aus dem er sie besser gesagt befreit. Denn der 12-Jährige Michelangelo Vitaliani, der in der Werkstatt eines versoffenen Steinmetzes ausgebeutet wird, nachdem sein Vater den ersten Weltkrieg nicht überlebt hat, trägt nicht nur den gleichen Namen wie sein berühmtes Vorbild aus der Renaissance. Er pflegt dieselbe Gabe, vorab erkennen zu können, welche Gestalt in einem Block Marmor nur darauf wartet herausgemeißelt zu werden.

Entsprechend sind die oben gemachten Angaben allenfalls ein erster grobbehauener Umriss, was man bei einer Skulptur Bozzetto nennen könnte. Und je tiefer man sich Schicht um Schicht in dieses Werk hineingräbt, desto Erstaunlicheres kommt ans Licht. Zwischen der gleichaltrigen adeligen Viola, in deren Zimmer der junge Underdog nach einer seltsamen Himmelfahrt landet, entsteht eine Verbindung. Was beide zusammenhält, ist ihre Abweichung von der Norm: bei Michelangelo, genannt Mimo, hinsichtlich der Körpergröße, bei Viola hinsichtlich der Geschlechtszugehörigkeit. Denn in der Welt, der das intelligente Mädchen am liebsten auf selbstgebauten Flügeln entkommen würde, haben Frauen nur zu gebären, aber nichts zu bestellen. Sie nimmt den jungen Kaspar Hauser unter ihre Bildungsfittiche: er soll ein berühmter Bildhauer werden, sie eine Flugpionierin.

Zwischen Schwarzhemden und schwarzen Soutanen

Wie produktiv das Abweichen von Normen ist, zeigt sich auch an denen des historischen Erzählens. Mimo hängt ein Spuckefädchen aus dem Mund: „,Das ist ja widerlich‘, sagte sie. ,Lass nicht die Marchesa raushängen. Ich bin sicher, du schnarchst nachts.‘“ So klingen hier Dialoge zwischen den ungleichen Liebenden. Jean-Baptist Andrea findet eine Form zwischen Verismo und pointierter Überzeichnung, ganz ähnlich wie der junge Skulpteur mit unkonventionellem Zugriff auf tradierte Themen mehr und mehr Aufsehen erregt.

Doch erst einmal geht es für beide abwärts. Mimo zahlt Lehrgeld, versinkt im Sumpf der Halbwelt und strandet im Zirkus, Viola stürzt ins Netz dynastischer Konventionen. Nach den Gesetzen, die ein Outcast-Melodram seinen ausnahmebegabten Außenseitern vorzeichnet, müsste nun ein Glückswechsel erfolgen. Für Mimo kommt er auch – allerdings geknüpft an den Aufstieg des Faschismus. Das ist die nächste Schicht, mit der der Roman Tiefe gewinnt: ein vom Futurismus in flackerndes Licht getauchtes Zeitporträt oder besser -relief, mit dramatischem politischem Schattenwurf. Mimos Auftraggeber tragen schwarze Hemden oder schwarze Soutanen, verteilt auf Violas Brüder: Geheimpolizist im Dienst Mussolinis der eine, vatikanischer Strippenzieher der andere.

Zwischen beiden gelangt der sich sein politisches Desinteresse zugutehaltende Künstler zu Ruhm und Ansehen, für diesen meißelt er Statuen, für jenen Rutenbündel. Der Höhenflug des kleinen Mannes endet unmittelbar vor seinem endgültigen Sündenfall. Der Aufnahme in die Königliche Akademie entzieht er sich mit einem Satz, der hier mit gutem Grund nur auf Jiddisch zitiert werden soll: „Ikh darf ayer medalye af kapores in ayer tatns tatn arayn!“

Genug verraten. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto mehr Kontur bekommen die Gestalten. Doch anders als Skulpturen lebt der Roman nicht vom Sichtbaren, sondern vom Geheimnis. In seinem inneren steckt ein Hauptwerk von erstaunlicher Wirkung. Altmeisterliches verbindet sich darin mit überraschend Zeitgenössischem. Oder noch einmal in metaphorischer Vielansichtigkeit: die Inklusion des Bildhauers erhält eine entschieden feministische Schlagseite. Man sollte sich von einfachen Angeboten nie täuschen lassen, weder in der Politik noch in der Kunst.

Jean-Baptiste Andrea: Was ich von ihr weiß. Aus dem Französischen von Thomas Brovot. Luchterhand Literaturverlag. 512 Seiten, 24 Euro.

Info

Autor
Jean-Baptiste Andrea, 1971 in Cannes geboren, ist Romanautor und Filmemacher. Er studierte Politik- und Wirtschaftswissenschaften in Paris. Seine Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Für „Was ich von ihr weiß“ erhielt er den Prix Goncourt. Er lebt in Cannes.