Schauplatz der Spiele 2016: Rio de Janeiro Foto: Getty

Zweimal hat Moritz Fürste Olympia-Gold gewonnen. Wenn in genau einem Jahr in Rio de Janeiro die Spiele 2016 beginnen, will der Hockeyspieler die dritte Medaille – auf dem Weg nach Brasilien denkt er aber längst nicht nur an sich. Im Interview spricht er über allgemeine Probleme von Sportlern abseits der großen Profiligen.

Stuttgart – Herr Fürste, vor einem Jahr kippten sich zahlreiche Prominente Eiswasser über den Kopf. Nun gibt es im Netz ein ähnliches Phänomen – seit Fußball-Weltmeister Philipp Lahm Sie aufgefordert hat, über den Stand der Olympia-Vorbereitungen zu informieren. Waren Sie davon überrascht?
Nein, wir hatten vorher darüber gesprochen. Er hat dann den Aufruf gemacht, ich habe reagiert und dann natürlich ein bisschen geschaut, dass sich das entwickelt.
Bei der Skill-Challenge zeigen zahlreiche Sportler olympischer Disziplinen in kurzen Filmchen einen Teil ihrer Fähigkeiten.
Ja, einige Hockeyspieler haben schon mitgemacht, Beachvolleyballer, Schwimmer, Triathleten . . . Ich bin gespannt, wer noch dazukommt.
Wer sollte noch folgen?
Der Golfer Martin Kaymer wäre super, oder auch Dirk Nowitzki – wobei: Ich will gar keine Priorisierung. Wenn jeder mitmacht, der bei Olympia teilnimmt, wäre das doch sensationell. Ich würde mich freuen, wenn die Sache so groß wie möglich wird und noch bis zu den Spielen in einem Jahr weiterläuft.
Dass ausgerechnet ein Fußball-Weltmeister die Sache für die vermeintlichen Randsportarten ins Rollen brachte, ist besonders schön, oder?
Ach, da bin ich eher emotionslos. Ich hätte mich auch über jeden anderen gefreut. Aber klar, Philipp Lahm bringt uns natürlich deutlich mehr Aufmerksamkeit.
Als Hockeyspieler gehören Sie zu den Sportlern, die für viele Menschen nur alle vier Jahre interessant sind. Planen Sie sportlich auch in diesem Zyklus?
Nein, im Vierjahresrhythmus plant nur die Öffentlichkeit. Natürlich sind die Olympischen Spiele für uns das größte Turnier, aber auch dazwischen haben wir große Ziele, wie demnächst etwa die ­Europameisterschaft in London.
Ist es für Sie ein Problem, dass Ihr Sport von vielen Menschen nur alle vier Jahre wahrgenommen wird?
Nein, für uns spielt das überhaupt keine Rolle. Das Einzige, was sich für uns dann immer ändert, ist, dass man alle vier Jahre vermehrt Medienanfragen zu beantworten hat. Aber das ist ja nichts Negatives.
Die Aufmerksamkeit danach aufrechtzuerhalten ist dagegen ein großes Problem.
Damit tun sich im Grunde alle Sportarten schwer, die nicht so sehr im Fokus stehen. Und ehrlich gesagt habe ich das Gefühl, dass sich die meisten Sportarten damit gar nicht mehr so sehr beschäftigen, weil der Ansatz einfach fehlt.
Wie meinen Sie das?
Mit der Medienpräsenz steht und fällt das Interesse der Sponsoren, entsprechend ­sehen die finanziellen Möglichkeiten der Vereine und Verbände aus. Im deutschen Fernsehen werden aber eher Partien der Fußball-Regionalliga live übertragen als Bundesliga-Spiele im Volleyball. Dabei wäre genau das doch sehr leicht zu ändern.
Die Einschaltquoten sprechen allerdings meist für die Entscheidungen der Sender.
Das halte ich für sehr kurzfristig gedacht, ich glaube nämlich, dass die Einschaltquoten bei einer anderen Sportart auf demselben Sendeplatz ähnlich wären. Es ist für mich eine Frage des Angebots – und ich bin dabei selbst das beste Beispiel.
Inwiefern?
Bei allem Respekt vor der Leistung der Spieler, habe ich kein gesteigertes Interesse an der Fußball-Regionalliga, schaue aber gerne Sport. Aus Mangel an Alternativen laufen die Fußballspiele bei mir also auch. Aber, wie gesagt: Wenn etwas anderes kommen würde, würden viele Menschen auch das anschauen.
Ein Kanal für olympische Sportarten wäre eine Möglichkeit, das Problem zu beheben.
Es gibt solch einen Kanal bislang nur online. Wenn es den als normalen TV-Sender gäbe, wäre das eine super Sache.
Von daher sind Sie sicher auch ein Fan der von Diskuswerfer Robert Harting ins Leben gerufenen Sportlotterie – auch die rückt kleinere Sportarten in den Fokus.
Natürlich ist die Sportlotterie eine tolle Geschichte. Ich würde aber nicht sagen, dass sie bestimmte Sportarten in den Fokus rückt. Sie zeigt vielmehr auf, dass es neben dem reinen Profisport noch zahlreiche andere Felder gibt.
Sie haben studiert und zugleich große sportliche Erfolge gefeiert. Wie schwierig war der Spagat?
Es war auf jeden Fall sehr anspruchsvoll, wie es jedes duale Studium für alle Studierenden schon ist. Wenn man dann noch Leistungssport betreibt, ist das eine zusätzliche Herausforderung und nicht einfach, unter einen Hut zu bringen. Aber diesen Weg habe ich mir ja ausgesucht – und bin im Nachhinein sehr froh, dass ich ihn einst so eingeschlagen habe. So habe ich eine Grundlage, um nach der Karriere auch auf anderen Spielfeldern aktiv sein zu können.
Hätten Sie sich manchmal mehr finanzielle Absicherung gewünscht?
Es macht keinen Sinn, darüber zu philosophieren. Wenn ich das gerne anders gehabt hätte, hätte ich mir eine andere Sportart aussuchen müssen.
Als Kind sucht man sich seinen Sport ja aber nicht danach aus, wo es mit Mitte 20 am meisten zu verdienen gibt.
Das nicht. Aber ab dem Zeitpunkt, in dem man in finanziellen Maßstäben rechnet, kann man natürlich schon eine Entscheidung fällen, ob man den Weg weiter beschreitet und in Kauf nimmt, dass er in einem bestimmten finanziellen Rahmen verläuft. Oder ob man andere Prioritäten setzt und sich voll auf das berufliche Vorankommen fokussiert – und damit aufs schnellere Geldverdienen.
Die finanzielle Unterstützung ist also vier Jahre lang überschaubar, dann aber fordert ein ganzes Land Höchstleistungen und Medaillen bei Olympia. Finden Sie das unfair?
Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Das ist eine Frage, mit der wir Hockey-Nationalspieler uns nicht beschäftigen. Für Einzelsportler ist es aber sicher schwieriger, damit zurechtzukommen. Für die ist diese Erwartungshaltung eigentlich ein Skandal, unter entsprechenden Aussagen können Einzelsportler sehr leiden.
Und trotzdem fiebern alle den Spielen entgegen – warum?
Es ist für uns Sportler einfach das größte Event, das es gibt – und ich habe auch noch nie jemanden getroffen, der dabei war und sagt: Ach, war nicht so cool. Olympia ist das Größte, das bestätigen Weltstars wie Dirk Nowitzki, aber auch Kleine wie wir – also muss irgendwas dran sein. Ich persönlich war zweimal dabei, habe zweimal Gold geholt, will aber unbedingt ein drittes Mal dabei sein. Dafür betreibt man all den Aufwand, Olympia ist nach wie vor als Mythos existent.
Trotz der Misstöne, die die olympische Idee seit Jahren begleiten? Schieben Sie das beiseite?
Das nicht. Ich bin mir durchaus bewusst, dass manche Dinge anders laufen sollten, und beteilige mich auch an Diskussionen. Aber was soll ich mich nun permanent damit beschäftigen, ob Winterspiele in Peking angebracht sind oder nicht? Ich habe viele wichtigere Dinge zu tun, damit die Spiele für mich persönlich zum Erfolg werden. Und es gibt eine Menge Leute, die die Aufgabe haben, die Themen aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Das sind einfach zwei Paar Stiefel, Peking ist dafür ein gutes Beispiel.
Warum?
Das waren für uns Hockeyspieler tolle Olympische Spiele, weil wir Gold gewonnen haben – wir wissen aber, dass die Menschenrechtssituation da auch ein anderes Urteil zulässt.
In einem Jahr ist Rio Gastgeber der Spiele . . .
. . . und ich glaube, Rio wird ein richtig spannender Austragungsort sein. Ich war im vergangenen Jahr lange Zeit im Urlaub in Rio und kenne mich da mittlerweile sehr gut aus.
Und haben Sie die Sportstätten schon in Augenschein genommen?
Nein. Die waren da noch nicht fertig.
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